Juliane Gringer
 

Gesellschaft, Wirtschaft, Beruf/Karriere

 

Juliane Gringer, Jahrgang 1981, hat in Leipzig Diplom-Journalistik und Psychologie studiert. Seit ihrem Volontariat bei der taz lebt sie in Berlin. Sie schreibt für Magazine sowie Tageszeitungen, hat mehrere Sachbücher veröffentlicht (u.a. "Mein Chef ist eine Frau", "Das große 1x1 des Wohnens") und ist Ghostwriterin.

Einen weiteren Schwerpunkt ihrer Arbeit bildet der Bereich Corporate Publishing. Als Projektredakteurin, Projektmanagerin und Autorin produziert sie vor allem Publikationen für die Transport- und Logistikbranche.

Ihre Texte zeigen Menschen und ihr Leben, Denken und Handeln. Manchmal berichtet sie aber auch aus dem Stahlwerk, begleitet eine Krötenwanderung oder gratuliert dem Babyphone zum Geburtstag.

Zu ihren bisherigen Auftraggebern gehören u.a.:
Brigitte, dpa, DVV Media Group, Eden Books, Frankfurter Rundschau, Handelsblatt, Leipziger Messe, Myself, Neon, Neue Zürcher Zeitung

Weitere Infos unter: www.julianegringer.de

 

 

 

Kontakt:
Telefon: +49-177-7942298

 

Arbeitsproben

E-Mail:
buero(at)julianegringer(dottt)de
 

Neon – 05/2008

Kennst du den? – In der Großstadt leben heißt, einer Sorte Mensch immer wieder zu begegnen: dem URBANEN EXZENTRIKER. Sein Tag besteht nicht aus Arbeit, sondern aus politischen Visionen, Kunst oder dem Wunsch, Liebe unter die Menschen zu bringen. Vielleicht hat er aber auch nur einen an der Waffel. Entscheidet selbst. NEON hat die wichtigsten stadtbekannten Freaks getroffen.

Fellow Creature, Berlin
Bürgerlicher Name: Alister Peter Whitehead
Dort trifft man ihn: Helmholtzplatz, Prenzlauer Berg

von Juliane Gringer

In Prenzlauer Berg kennen ihn alle: den Mann mit dem Turban, der immer so nett grüßt und ganz Berlin schon gefragt hat: „How are you, Darling?“ „Fellow Creature“ nennt er sich: Kumpel und Kreatur. Gespräche mit Creature sind, äh, anstrengend: Er springt gedanklich gern, verwendet ein lustiges deutsch-englisches Kauderwelsch und gibt Antworten auf Fragen, die nie gestellt wurden. Was man in so einem Gespräch erfährt: Creature kam vor zwanzig Jahren aus England nach Berlin. Er cremt sich jeden Tag das Gesicht ein. Deswegen sieht Creature so jung aus, obwohl er schon 62 ist. Creature raucht, trinkt und kifft, aber Drogen hasst er. Creature wohnt zurzeit mit seinem Adoptivsohn Sunshine zusammen. Natürlich hat er Sunshine nicht richtig adoptiert, nur emotional, versteht sich. Die beiden machen Musik zusammen. Was Creature sonst den lieben langen Tag so treibt? Hallo sagen, Leute ansprechen, reden. Lieblingsgrüßgebiet: Berlin, Prenzlauer Berg, Helmholtzplatz. Creatures Mission: „Die Leute brauchen Liebe – und ich bringe ihnen die Liebe. Nicht wie du aussiehst, zählt, sondern was du fühlst. Gefühle sind wichtig. Ohne Gefühle bist du nichts.“ Einmal haben Skinheads Creature verprügelt. Creature sagt: „Ich hasse sie. Aber tolerance is my art.“ Und Creature kämpft für die Rechte der Frauen – „wenn die das wollen“. Am Ende des Gesprächs sagt Creature den unglaublichen Satz: “The women love me but they hate me.” Selten hat jemand das Frauen-Männer-Ding so weltferfahren-weise auf den Punkt gebracht.


Brigitte – 22/2007
 
Wo der Herbst am schönsten ist
Weite, hügelige Landschaften, stille Seen, wilde Tiere und köstliches Essen - eine Herbstreise durch Masuren.
 

von Juliane Gringer

Sachte ziehen wir unsere Paddel durch das Wasser, langsam und geräuschlos bewegen wir uns fort und versuchen, die wunderbare Stille, die hier herrscht, nicht zu stören. Einen Tag Iang sind wir jetzt schon mit dem Kanu auf der Sapina unterwegs und treffen dabei keinen einzigen Menschen. Nur mit Schwänen, Wasserläufern und Seerosen teilen wir die Flussoberfläche. Wir gleiten durch ein vorherbstliches Masuren, sind allein mit der Natur. Der Fluss schlägt immer wieder Haken: Er führt durch einen einsamen Wald, öffnet sich plötzlich zu weiten Seen, in denen das 'Wasser fast steht, um direkt danach wieder zu einem engen, schmalen Kanal zu werden, rasch und sprudelnd fließend. Masuren, das ,,Land des Wassers": Unzählige Seen durchziehen das Gebiet - auf drei- bis viertausend wird ihre Zahl geschützt. Viele sind nur ein „Zabie Oko“, ein „Froschauge“, viele aber sind weit über einen Hektar groß. Viel Platz für Kanuten, Segler, Paddler - und Menschen wie uns, die diese fantastische Landschaft zur schönsten Zeit des Jahres genießen wollen: im Herbst.

Endlich allein mit der Natur

„Ermland und Masuren“, eine Art Bundesland im Nordosten Polens, ist im Sommer voll, laut und lebendig. In dieser Jahreszeit kommen die Familien und Paare nach Gizycko, einem der beliebtesten Ferienorte der Region. Sie treffen sich im Yachthafen bei Open-Air-Konzerten und ausgelassener Feierstimmung, machen
Lagerfeuer im Garten der Vier-Sterne-Hotels und beobachten die Störche, die am Himmel vorbeifliegen. Doch jetzt, im Herbst, ist dieser Ansturm vorbei. Die Luft hat
angenehme 20 Grad, die Sonne scheint vorsichtig auf uns herab, als wir nach unserer Paddeltour durch einsame Gegenden wandern, die die Eiszeit zu einer flachen Hügellandschaft geformt hat. Die Erhebungen reihen sich endlos aneinander, nachts kann man die \fOlfe heulen, morgens eine Nachtigall singen hören. Und immer wieder: Alleen, die von Dorf zu Dorf führen. Die Blätter ihrer Bäume sind gefärbt, golden und rot in allen Schattierungen, die man sich nur vorstellen kann. Die Natur ist hier sich selbst überlassen, es gibt kaum Industrie, und Masuren ist dünn besiedelt.

Bei einem Ausflug mit der Pferdekutsche fahren wir durch kleine Städtchen, in denen wir nur wenige Menschen auf der Straße treffen. Die meisten, die hier leben, haben nicht viel, wohnen in notdürftig geflickten Häusern und halten ein paar Schweine und Hühner. Wir treffen eine ältere Frau, die sich ihren Lebensunterhalt im Bialowieski-Nationalpark, einem der ältesten Europas, verdient: Sie füttert eine Gruppe Wisente, europäische Bisons, die hier gezüchtet werden - Anfang des 20. Jahrhunderts waren sie fast ausgestorben. Sie nimmt uns mit an ein riesiges eingezäuntes Gehege mitten im Park und klopft mit einer Blechschüssel an das Gatter, um die zotteligen Riesen anzulocken. Wie urzeitliche Ungetüme kommen die Tiere herbeigerannt - schließlich wissen sie genau, was dieses Geräusch zu bedeuten hat: Es gibt Futter. Den Rest des Bialowieski-Parks, der berühmt ist für seinen ungeheuren Reichtum an Pflanzen- undTierarten, besichtigen wir mit einem Führer. Er zeigt uns die anderen Bewohner des Parks, die die Unberührtheit Masurens zu schätzen wissen: Biber, Fischotter, Kraniche, Wölfe, Elche, Wildpferde, See- und Fischadler. Am Ende eines langen Tages, nach so viel frischer Luft und Bewegung, kann man sich in Masuren noch auf etwas anderes freuen: das Essen. In unserer Pension , „Zabie Oko“, die nicht viel größer ist als das „Froschauge“, an dem sie liegt, kocht uns Wirtin Maria auf ihrem alten gusseisernen Herd „Bigos“, einen deftigen Eintopf mit Sauerkraut. Dazu gibt es Piroggen, mit Fleisch gefüllte Teigtaschen, und selbst gebackenes Brot. Immer wieder füllt Maria die Schüsseln auf, obwohl wir längst schläfrig und satt abwinken. Wir lauschen der Musik aus einem kleinen Radio, lassen uns vom knisternden Kaminfeuer wärmen und gehen früh zu Bett. In Masuren gehen die Uhren eben noch ein bisschen anders - tut das gut!


taz – 06/2004

Kinder an der Macht

Partizipation, erfahrbar für Sechsjährige: In Kinderstädten lernen junge Menschen die Grundzüge von Demokratie, Gemeinwesen und Steuersystem

von Juliane Gringer

Bürgermeister Milan hat schon am zweiten Tag seiner Amtszeit zwei Gesetze erlassen. Am Freitag wird sein Posten neu besetzt, in nur fünf Tagen will er die Stadt „schöner machen“. Umweltschutz ist dem 12-Jährigen wichtig. Ab sofort wird deshalb jeder bestraft, der Müll auf die Straße wirft. Und die Kultur will Milan entschieden fördern: „Der Zirkus kriegt mehr Geld.“

Milan ist Bürgermeister in der Kinderstadt des Thalia Theaters in Halle an der Saale. Er wurde mit deutlicher Mehrheit gewählt. „Ich habe einfach alle meine Freunde überredet, für mich ihr Kreuz auf dem Stimmzettel zu machen“, gesteht er, ohne mit der Wimper zu zucken. Stört auch niemanden. Hauptsache, er macht seinen Job gut. Sonst hagelt es Beschwerden. Die Taxifahrer waren schon sauer: Die Straßen sind ihnen zu lang. Milan läuft durch diese langen Straßen seiner Stadt, die wirklich eine ist.

Mit Häusern, Einwohnermeldeamt, Zoo, Shops, Garten, Manufaktur, Restaurant, Krankenhaus, Radio, Fernsehen und Zeitung. Die meisten Bürger sind unter 14. Auf 6.600 Quadratmetern spielen Kinder fünf Wochen lang „erwachsen sein“. Gesetzesvorschläge wie „Himbeereis für alle“ oder „Ferien sofort“ sind aber noch nie diskutiert worden. Der Nachwuchs nimmt es ziemlich ernst. „Für die Kinder selbst ist Spielen ja Ernst, es ist schließlich ihr Lebensinhalt“, meint Heiko Kastner, Pädagoge und Projektmitarbeiter beim Zentrum für Schulforschung und Fragen der Lehrerbildung in Halle.

Er hat selbst mal eine kleine Kinderstadt in einer Schule veranstaltet und später Seminare zum Thema gegeben. Ursprünglich seien die Städte nur als Feriengestaltung gedacht gewesen, von Eltern initiiert. „Sie sollen das Große im Kleinen erlebbar machen“, so Kastner. „Kinder erfahren ja immer weniger Gesellschaft, deren große Zusammenhänge sind für sie viel zu komplex. Meistens wissen sie gerade noch, welcher Arbeit ihre Eltern nachgehen. Im Spiel können sie nachahmen und reale Erlebnisse verarbeiten.“ In der Kinderstadt wird den Kleinen schnell klar, wie es „später“ läuft: Als Bürger sollte man sich eine Arbeit suchen, Geld verdienen, Steuern zahlen, zur Wahl gehen. Fortgeschrittene machen selbst Politik – Partizipation, erfahrbar für Sechsjährige.

Bankraub und Korruption

Bürgermeister Milan stört, dass „sich in Deutschland manche Leute einfach viel zu viel Geld in ihre Taschen stecken“. Davon hat er in den Nachrichten gehört, die er „schon öfter mal“ im Fernsehen ansieht. So doppelt sich die große Realität im Kleinen: Die Slogans im Wahlkampf hießen „Die Kinderstadt soll sicherer werden“, „Mehr Spielplätze und noch mehr Gerechtigkeit“ oder „Weniger Steuern!“. Ein ehemaliger Bürgermeister hat das mal ausprobiert mit den niedrigeren Steuern und gleichzeitig noch mehr Lohn. Ging nicht lange gut. Der Stadtschatz war schnell aufgebraucht.

„Kinderstädte sind weit mehr als ein Spiel“, sagt Dagmar Kraska vom Verein „Kultur & Spielraum“ in München, der mit „Mini-München“ vor 25 Jahren die erste deutsche Kinderstadt schuf. Die Stadt sei vielmehr ein Ort, an dem Kinder lernen – durch ihr eigenes Tun und mit deutlich mehr Spaß als in der Schule. „Weil sie hier ernst genommen werden und sich selbst ernst nehmen.“ Es geht ziemlich „echt“ zu in den kleinen Städten. Probleme: Bankräuber, korrupte Politiker, leere Kassen. Die lösen die kleinen Leute alle selbst. Sie probieren einfach aus, was hilft. Die Spielregeln diktieren Demokratie – mit Wahlen, Stadtrat und Bürgermeister. Überlegungen, die Stadt den Kindern ganz „roh“ vorzusetzen und somit etwa eine Selbstverwaltung zu provozieren, scheiterten in München am Organisatorischen: Über 30.000 Kinder und Jugendliche wirken aktiv an drei Wochen Mini-Stadt mit. „Hier wird nichts inszeniert“, sagt Dagmar Kraska. „Die Kinder leben das Stadtleben voll aus. Sie faulenzen nicht, sondern stehen Schlange am Arbeitsamt.

Auch in der halleschen Kinderstadt ist das so. Und binnen Minuten arbeiten sich die Juniorbewohner dort in neue Jobs ein – macht der alte keinen Spaß mehr, kündigt man einfach. Bezahlte Arbeit gibt es in dieser Kinderstadt genug: Sind die Jobs vergeben, werden neue erfunden. Ausrufer im Filmpalast kann man werden, Fundsachensucher, Malmeister, Tätowierer oder Undercoverspion, beim Kurierdienst namens „Päckchen lenken“ anheuern oder selbst bei der Jobbörse die Berufe verteilen. Es gibt Einheitslohn. Die Währung der Kinderstadt heißt Hallörchen, sechs davon gibt es pro Stunde Arbeit, eins wird gleich für die Steuer abgezogen. Ausgeben kann man den Lohn im „C&C-Shop“, im Restaurant „Leker Schmeker“ oder im Zirkus.

Besuch nur mit Visum

Erwachsene dürfen sich nur mit einem Visum und in Begleitung eines Juniorstadtführers durch das Gelände leiten lassen. Mitspielen ist nicht. Und: „Wer von den Großen frech wird, fliegt raus“, stellt Stephanie Herzmann, 12, von der Jobvermittlung, nebenberuflich Stadtführerin, unmissverständlich klar. Sie hat da schlechte Erfahrungen gemacht. „Einer Mutter war mal die Radiomusik zu laut, und sie hat sich beim Sender beschwert“, berichtet Stephanie. „Sie hat sich dann noch zwei solche Sachen geleistet. Also musste sie gehen.“

Das Zuwanderungsproblem hat die Kinderstadt im Griff. Gibt es Ärger – mit Eltern oder mit Bankräubern –, kommen Detektive zum Einsatz. Die ersetzen die Polizei in der Stadt. In der Berliner FEZitty, einem ähnlichen Kinderstadtprojekt, kam erst mit Einführung einer Polizei die Kriminalität in die Stadt. Banküberfälle sind in Halles Juniorstadt ein großes Problem. Detektiv Kevin: „Da geht man nur mal kurz um die Ecke aufs Klo, schon ist das Geld weg.“ Meist klärt sich schnell auf, wer es war. Immer öfter aber kommen auch Unterschlagung und Betrug vor – Bankmitarbeiter stecken sich oft einfach ein paar Hallörchen in die eigene Tasche.

Die Münchner Kinderstadt-Idee wurde zum Vorbild. Mittlerweile hat Heidelberg sein „Heidel- York“, Berlin die „FEZitty Wuhlheide“, in anderen Städten gibt es Juniorgemeinden, auch in Dänemark, Österreich, der Schweiz und Italien. In Halle werden die Kinder schon im Vorfeld in die Stadtplanung einbezogen. In den Wochen und Monaten vor der Eröffnung tagt regelmäßig ein Kinderrat, der vor allem aus ehemaligen „Bewohnern“ besteht. Nun trifft sich der Stadtrat jeden Tag – wenn sich genug Mitglieder gefunden haben.

Rund ums Rathaus treiben sich auffällig viele Jungs herum. Milan hat mit Gleichberechtigung kein Problem. „Die Mädchen müssen nur selber kommen“, meint er. Die haben sich aber den Schönheitssalon als liebsten Arbeitsplatz ausgewählt. Dort dreht Farina gerade Freundin Nina Locken ins Haar. Parfümeurin Friedericke mäkelt rum. „Das ist ein doofer Job, es stinkt, ich hör hier auf“, schimpft sie. „Ich mache einen richtigen Job. Ich gehe zur Bank.“ Wer ein paar Stunden in der Stadt gearbeitet hat, wird vom „Sallunken“ zum „Sallenser“ und kann dann ein Gewerbe anmelden. Firmengründungen sind eine beliebte Sache. An der Hauptstraße wird gerade an einem Juwelierladen gehämmert, der C&C-Shop bekam schon öfter Konkurrenz von anderen Läden, die auch Limonade oder die selbst gebastelten Taschen aus der Manufaktur verkaufen. Die Preise bestimmen die Angestellten selbst, manchmal jeden Tag neu. „Aber wenn die Flasche Wasser fünf Hallörchen kostet, kauft die doch keiner“, meint Jenny, sieben Jahre alt. Freie Marktwirtschaft also? Jenny schaut irritiert und nickt dann einfach.

Ein Job im Einzelhandel ist beliebt, genau wie die Arbeit im Zoo. Weniger populäre Tätigkeiten haben dann manchmal Nachwuchsmangel, und die Berufeverteiler müssen Überzeugungsarbeit leisten. Werden Müllmänner gebraucht, überredet Stephanie Herzmann von der Jobbörse Unentschlossene schon mal. „Müllmänner sind total wichtig, ein toller Beruf, werde doch Müllmann!“, schwärmt sie dann, und der Beratene zieht zufrieden ab.

Einheitslohn abschaffen?

Und dass Müllmänner wirklich total wichtig sind, das denkt auch Stadtoberhaupt Milan. Ihm gefällt gar nicht, dass es einen Einheitslohn gibt. „So ein Bankdirektor, der könnte in Zukunft ja vielleicht weiter sechs Hallörchen verdienen. Bankdirektor ist ein wichtiger Job“, überlegt Milan laut. „In der Jobbörse gäbe es dann aber nur vier Hallörchen, genauso bei der Müllabfuhr. Obwohl, nein, Müllmänner und Müllfrauen machen einen wichtigen Job. Die sollen auch sechs Hallörchen bekommen.“ In der Kinderstadt wird Politik noch mit Herz und Verstand gemacht.

 

 


Neon – 04/2007

Machs nochmal, Sam!

von Juliane Gringer

Er wurde erst aggressiv und sexsüchtig, dann musste Clint Witchalls weinen,
als er in der Zeitung ein Gedicht las. Der britische Journalist hat in einer
klinischen Studie die „Pille für den Mann“ getestet. Der Hormoncocktail zeigte
ihm seine sehr weiblichen Seiten.

Wie funktioniert die „Pille für den Mann“?
Bei der Studie, an der ich teilgenommen haben, ist es ein Stäbchen, das man in den Oberarm eingepflanzt bekommt. Das fand ich schon mal gut: „Ich nehme das Röhrchen“ klang viel smarter als wenn ein Mann sagt „Ich nehme die Pille“.

Aber das gibt es doch auch schon für Frauen.
Ja genau, es ist dieses Hormonstäbchen namens Implanon. Es setzt das Hormon Etonogestrel frei, eine Substanz, die dem körpereigenen Progesteron ähnelt und die die Hoden daran hindert, weiter Sperma zu produzieren. Leider stoppt es auch die Produktion von Testosteron. Ohne Testosteron aber ist ein Mann kein Mann mehr. Deswegen bekam ich alle zehn bis zwölf Wochen noch etwas davon gespritzt. Der Arzt erklärte mir, das wäre als würde man beim Autofahren auf Gaspedal und Bremse gleichzeitig treten.

Wie sind Sie Proband geworden?
Ich habe im Internet von der Studie gelesen. Da stand, dass sie nicht genügend Freiwillige dafür finden. Vielleicht weil viele Männer denken, Verhütung sei Frauensache. Ich sehe das so: Meine Frau Sam hat mir drei wundervolle Kinder geschenkt. Insgesamt hat sie 27 Monate Schwangerschaft ertragen plus die Schmerzen der Geburten. Sie verträgt die Pille auch nicht. Also fand ich, dass es das Mindeste ist, dass ich Verantwortung für die Verhütung übernehme. Aber wir können nur zwischen zwei Möglichkeiten wählen – Kondom oder Vasektomie, also Sterilisation. Kondome sind auf Dauer nicht toll. Also wäre die OP für mich das notwendige Übel gewesen. Aber dass bei mir da unten jemand mit einem Skalpell unterwegs ist – nein, danke.

Was haben Sie dann gemacht?
Coitus interruptus. Ich weiß, dass das sehr unsicher ist, aber für mich hat es
17 Jahre lang funktioniert, also würde ich mal sagen, dass das Risiko nicht allzu groß ist.

Welche möglichen Nebenwirkungen hat das Hormon-Röhrchen?
Gewichtszunahme, Akne, Veränderungen des Geschlechtstriebs, Stimmungsschwankungen, Müdigkeit, Schwitzen, vor allem nachts - Ich habe alles davon bekommen.

Das klingt unangenehm.
Als ich meiner Frau von all meinen Beschwerden vorgejammert habe, meinte sie nur: Das habe ich jeden Monat. Ich würde nie sagen, dass PMS eingebildet ist. Jedenfalls jetzt nicht mehr. Ich habe bei diesem Versuch erlebt, was für einen großen Einfluss Hormone auf uns haben können und wie sich sogar sanftmütige Leute in rasende Ungeheuer verwandeln können. Auch wenn du weißt, dass da gerade „nur die Hormone aus dir sprechen“ hast du es nicht unter Kontrolle. Die Stimmungsschwankungen waren das Auffälligste. Ich wechselte zwischen „typisch weiblich“ und „typisch männlich“, die Hormone haben diese beiden Seiten in mir verstärkt. Wenn der Einfluss des Etonogestrel stärker war, war ich weiblicher. Dann
bin ich gern mit Sam shoppen gegangen, habe mir über ihre Probleme mit Freundinnen wirklich Gedanken gemacht, wir haben halt Mädchengespräche geführt. Das hat durchaus auch Spaß gemacht. Es waren interessante Einblicke in die weibliche Psyche.

Aber war es nicht peinlich, so ein „Mädchen“ zu sein?
Es hat meinen männlichen Stolz nicht zu sehr verletzt.

Wie sahen die „männlichen Phasen“ aus – Entwickelten sie sich zum Macho?
Nach den Testosteron-Spritzen wurde ich aggressiv und geil. Ich fühlte mich wie ein 16-jähriger Teenager. Ich glaube meine Frau wäre nicht begeistert, wenn ich ins Detail gehe. Aber vielleicht kann ich sagen: Wir hatten sehr viel öfter Sex als sonst. Während wir es vorher vielleicht drei Mal die Woche getan haben, taten wir es unter den Hormone manchmal drei Mal pro Tag – was vielleicht nicht ganz gewöhnlich ist für Paare, die fünfzehn Jahre zusammen sind.

Solange Sie sich nur für Sam interessiert haben, ist doch alles in Ordnung.
Ja, zum Glück habe ich nicht angefangen herumzustreunen. Ich habe nur definitiv mehr Frauen wahrgenommen als zuvor. Wenn in der U-Bahn ein attraktives Mädchen auftauchte, hat mein Radar es garantiert auf den Schirm gekriegt. Ich hab mir dann ein oder zwei verstohlene Blicke erlaubt. Aber vor der Testosteron-Spritze hätte mein Kopf an der Zeitung geklebt und ich hätte mir nicht mal die Mühe gemacht, hochzugucken. Diese Phasen waren auch immer nur kurz. Bis zur nächsten Spritze in zehn Wochen wurde ich schnell zum jammernden Wrack. Bei kitschigen Sachen im Fernsehen habe ich geweint. Ein Mal habe ich in meinen Kaffee geschluchzt als ich im Guardian ein Gedicht gelesen habe über eine Bombe, die in der U-Bahn hochgeht. Es war mir peinlich und ich habe mir schnell die Augen trocken gewischt. Ich war überhaupt total unsicher in diesen Zeiten und dieses Gefühl habe ich gehasst. Ich hatte Angst, Sam aus dem Auge zu lassen. Ich war überzeugt davon, dass sie mich betrügt.

Was hat sie dazu gesagt?
Sam fand es sowieso nicht gut, dass ich bei der Studie mitgemacht habe. Ich habe ihr erst nicht davon erzählt, darüber war sie ziemlich sauer. Als ich das Röhrchen dann implantiert bekommen hatte, fand sie unsere Mädchengespräche anfangs noch amüsant. Aber als ich depressiv wurde und meine Stimmungen außer Kontrolle gerieten, fand sie das ganz bestimmt nicht mehr lustig.

Wieso depressiv?
Die Stimmungsschwankungen waren erst nicht so schlimm, aber nach acht, neun Monaten gab es wirklich nur noch wenig, über das ich hätte lachen können. Ich wurde sogar ernsthaft depressiv. Ich weiß nicht sicher, ob das von den Hormonen kam, aber ich denke schon. Der Arzt verschrieb mir Prozac. Ich habe den Test noch weitere drei Monate bis zum Ende durchgezogen. Dann wurde das Implantat entnommen und ich konnte das Prozac wieder absetzen. Sie haben mich noch sechs Monate regelmäßig untersucht - Spermienzahl, Bluttests, Hodengröße. Alles wurde wieder normal.

Was genau meinen Sie mit „Hodengröße“?
Da die Spermienproduktion gedrosselt wird, schrumpfen die Hoden. Die Ärzte haben das regelmäßig gemessen indem der Arzt mich mit der einen Hand abtastete und das mit einer Holzkette mit verschieden großen Kugeln in der anderen Hand verglich. Die Hoden entwickeln sich dann nach drei Monaten ohne Etonogestrel wieder auf Normalgröße. Es gab diese ständigen Untersuchungen und ich musste sehr oft Sperma-Proben abgeben. Da es eine Doppelblindstudie war, in der immer die Hälfte der Probanden ein Placebo bekommt, musste ich auch trotzdem weiter verhüten. Am Ende war ich wirklich froh, dass alles vorbei war.

Wann wird die Pille auf den Markt kommen?
Zu mir haben die Ärzte gesagt, in zwei, drei Jahren. Aber ein irischer Journalist hat mir erzählt, dass die Studie wahrscheinlich nicht in Phase III gehen wird. Ich nehme mal an, weil zu viele Probanden die gleichen Symptome hatten wie ich. Ich habe in Phase II mitgemacht. Phase I hatte bewiesen, dass Etonogestrel zur Verhütung für Männer geeignet ist, in Phase II ging es um die Feinabstimmung der Dosierung des Mittels und des Testosteron. Wenn es nicht auf den Markt kommt, bin ich ziemlich enttäuscht. Aber es sind andere Verhütungsmittel für Männer in der Entwicklung und nicht alle basieren auf Hormonen. Ich hoffe, sie finden bald etwas.

Es war immerhin ein ganzes Jahr, in dem sie so hormongesteuert waren. Was denken Sie heute darüber?
Ich bin überwältigt, welche Kraft Hormone haben können und es hat mich ins Grübeln gebracht darüber, wie viel freien Willen wir eigentlich wirklich haben. Klar, die Hormone sind nicht dein Schicksal, aber sie beeinflussen es ganz sicher und du musst sehr stark sein, um ihren Auswirkungen zu widerstehen. Das Testosteron hat mir gefallen – ich fühlte mich jung, stark und unangreifbar. Es war so gut, dass ich überlegt habe, ob ich nach dem Versuch noch mal was nehme. Die Behandlung ist zu teuer. Aber ich hätte sogar fünf Jahre weniger Lebenserwartung riskiert dafür.

Über seine Zeit mit dem Hormonstäbchen im Arm hat Clint Witchalls ein Tagebuch geschrieben: „Die Pille und ich. Ein Mann im Selbstversuch“ erscheint im April (rowohlt, 7,90 Euro).