Imke Rosebrock
imke rosebrock  

Wissenschaft, Technik, Leben, Gesellschaft

 

Imke Rosebrock, Jahrgang 1974, schreibt Berichte, Reportagen und Hintergrundartikel, zum Beispiel über die alternde Gesellschaft, die Stadt der Zukunft oder die aktuelle Arbeit von Forschern. Wie werden wir leben? Was können wir verändern? – Darüber spricht sie mit Wissenschaftlern, Ingenieuren oder auch Designern, Unternehmern, Politikern und jungen Menschen. In Berlin studierte sie Naturwissenschafts- und Technikgeschichte, Philosophie und Politikwissenschaft (Abschluss: MA), ihre journalistische Ausbildung absolvierte sie an der Berliner Journalisten-Schule.

Bisherige Arbeiten u.a. für Zeit Campus, Das Parlament, Frankfurter Rundschau, duz – Deutsche Universitätszeitung, Style and the family tunes, taz, fluter.de und Berliner Zeitung. Gemeinsam mit Alva Gehrmann betreute sie redaktionell die Politik-Erklärseite „Einmaleins“ der Frankfurter Rundschau, sie war Redakteurin beim Berliner Magazin Hekmag und Textchefin bei Style and the family tunes. Im März 2009 erschien ihr Kindersachbuch "Gewaltige Naturkatastrophen" im Beltz-Verlag.

 

E-Mail:
rosebrock(at)freieredaktion(dot)de

 

Arbeitsproben


 

MINT hat Zukunft

MINT hat Zukunft, da sind sich Politik und Wirtschaft einig. Um junge Talente für ein Studium in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik zu begeistern, sollen Imagekampagnen, Mentoringprogramme oder auch Schnuppertage an Universitäten und in Unternehmen, mehr Schulabgänger in die MINT-Fächer locken.

Der Nachwuchs wird dringend gebraucht, schließlich prophezeien zahlreiche Berechnungen einen Fachkräftemangel in ausgesuchten MINT-Berufen, vor allem bei den Ingenieuren. Auch, weil viele Fachleute aus den geburtenstarken Jahrgängen bald in den Ruhestand gehen werden. Aktuell versuchen Wirtschaftsinitiativen, Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen. Ganz besonderes Augenmerk von vielen Programmen aber liegt auf Frauen, deren Interesse für die MINT-Fächer seit Jahren auf eher niedrigem Niveau stagniert: Nur etwa 20 Prozent von ihnen absolvieren ein Studium in den bisher noch immer männlich dominierten Fächern, so der MINT-Herbstreport 2012 vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Von allen MINT-Absolventen stellten Frauen nur etwas über 30 Prozent.

Mühsam ist der Weg, junge Talente für diese zukunftsträchtigen Fächer zu begeistern, umso ernüchternder
 dann eine weitere Erkenntnis: 
Noch immer ist die Zahl der Studienabbrecher in den MINT-Fächern überdurchschnittlich hoch. Die Studenten wechseln das Fach oder geben ihre akademische Ausbildung ganz auf. Insgesamt verlieren die MINT-Fächer bis zum Abschluss fast 40 Prozent der Studienanfänger, so eine Veröffentlichung des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. „Die prognostizierte Fachkräftelücke bis 2020 würde um zwei Drittel geringer ausfallen“, so der Bericht, „falls sich die hohen Abbrecherquoten in den MINT-Fächern halbieren ließen.“

„Hauptgrund, das natur- oder ingenieurwissenschaftliche Studium abzubrechen, sind meist die hohen Leistungsanforderungen in den ersten Semestern“, sagt Ulrich Heublein, Hochschulforscher beim Hochschul-Informations-System (HIS). Viel komplizierter Stoff in kurzer Zeit, während die Studienanfänger noch damit beschäftigt sind, schulische Defizite in Mathe und Physik aufzuholen und sich im anonymen Massenbetrieb Uni zurechtzufinden. „Zudem sehen wir, dass viele Studenten mit den falschen Erwartungen an ihr Ingenieurstudium herangehen, keine klaren Berufsvorstellungen haben und schließlich nicht mehr genügend Motivation aufbringen, um dem hohen Leistungsdruck standzuhalten.“

Um die Abbrecherzahlen zu senken und die MINT-Ausbildung insgesamt zu verbessern, probieren immer mehr Hochschulen neue Konzepte in der Lehre. Die Universitäten Aachen, Dortmund und Bochum etwa haben sich zusammengetan und versuchen, mit dem Projekt „Exzellentes Lehren und Lernen in den Ingenieurwissenschaften“, kurz ELLI, neue Inhalte und Methoden in den Fächern zu etablieren. Ein Ziel ist es, die schwierige Einstiegsphase in das Studi- um zu erleichtern. Mit speziellen Seminaren, die helfen, Lücken aufzufüllen oder aber einen konkreten Bezug des Erlernten zu späteren Berufsbildern erkennen lassen.

„Wir wollen aber die Lehre in allen Phasen des Studiums verbessern“, sagt Ursula Bach, die an der RWTH Aachen zur MINT-Didaktik forscht und eine der Projektleiterinnen von ELLI ist. In virtuellen Laboren etwa sollen die Studenten schon frühzeitig die Möglichkeit bekommen, eigenhändig zu experimentieren und selbstständiger zu lernen. „Zudem versuchen wir, mit gezielten Coaching-Programmen, aber auch durch neue Vermittlungsmethoden, etwa problemorientiertes Arbeiten in Teams, die interdisziplinären und interkulturellen Kompetenzen unserer Studenten zu stärken.“ Solche Qualifikationen, die über das rein fachliche Wissen hinausgehen, sind von der Wirtschaft schon lange gefordert.

Interdisziplinarität, Teamarbeit, Praxisbezug, mehr Hilfen und Betreuung – eine Umstrukturierung der akademischen Ausbildung, die inhaltliche und methodische Neukonzeption der Curricula, könnten vielleicht helfen, auch mehr Frauen für die MINT-Fächer zu begeistern. Wenn die Wirtschaft es zudem schafft, ihre Arbeitsplätze attraktiver zu machen, besser bezahlt, familien- freundlicher und mit ausreichenden Optionen, sich weiterzubilden, dann haben die jungen Talente eine Chance, sich zu entwickeln.

von Imke Rosebrock, erschienen in: "Talente der Zukunft – Neue Chancen für Fachkräfte", Themenausgabe des in|pact mediaverlags, März 2013. www.inpactmedia.com


Investitionen in das Denken –

Wie fördert man Kreativität und Innovation im Unternehmen?

Wir machen Egomanen zu Teamplayern«, sagt Ulrich Weinberg über das Programm seiner School of Design Thinking. »In Schule und Studium geht es meist um die Einzelleistung, hier aber wollen wir vermitteln: Gemeinsam kommt man schneller zum Erfolg.« Mit einer einjährigen Zusatzausbildung bildet die Schule, angesiedelt an das Potsdamer Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik, Studierende im schnellen, gemeinschaftlichen »Erfinden« aus. Die Kernbotschaft dabei: Innovation ist die kreative Leistung eines möglichst multidisziplinär gemischten Teams.



Kreativität und die Fähigkeit, über den fachlichen Tellerand blicken zu können, gelten im Innovationsgeschehen gemeinhin als die wichtigsten sozialen Kompetenzen. Einige wenige Großkonzerne setzen daher auf eigene Kreativlabore und interdisziplinär besetzte Think Tanks. Das Gros der Unternehmen aber hat für derlei Stabsabteilungen keine Kapazitäten und muss sich andere Quellen des einfallsreichen Inputs erschließen. Manchmal liegt die Lösung näher als gedacht: »An Ideen mangelt es den meisten Unternehmen und ihren Mitarbeitern gar nicht«, sagt Oliver Som vom Fraunhofer- Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe. Nur versandeten zu viele Einfälle, weil sie niemand systematisch sammelt, weiterverfolgt oder zum richtigen Zeitpunkt wieder aufgreift. »Dabei entwickeln gerade kleine und mittlere Unternehmen zunehmend ein Bewusstsein dafür, dass Innovation kein punktuelles Ereignis ist, sondern ein verstetigter und institutionalisierter Prozess sein muss«, sagt Som. Doch im Kampf mit dem operativen Tagesgeschäft gingen viele gute Vorsätze, etwas zu ändern, wieder unter.

Tatsächlich wird ein »innerbetriebliches Innovationsmanagement«, das schon bei der Ideengewinnung und -verwertung Verluste verhindern könnte, »von den Unternehmen häufig nicht mit der gebotenen Konsequenz verfolgt«, so auch das Urteil im aktuellen Innovationsreport des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Bei knapp drei Vierteln der kleinen und mittleren Unternehmen und gut der Hälfte der Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern bestehe hier Nachholbedarf. Ein Innovationsmanagement könnte zudem prüfen, ob sich Ideen von Außen einholen lassen: Je nach Ausgangslage und Umsetzung bieten branchenspezifische Cluster, branchenübergreifende kooperative Netzwerke, oder auch, gerade für nichtforschende Unternehmen, die gezielte Zusammenarbeit mit öffentlichen F&E-Einrichtungen Möglichkeiten, die Innovationsfähigkeit zu steigern. Auch die Einbindung von Kunden in den Ideenfindungsprozess wird beliebter.

Grundsätzlicher ist die Frage, was eigentlich Kernkompetenz und Innovationsziel des eigenen Unternehmens ist. Soll ein Bauteil leichter, langlebiger und günstiger werden? Das erfordert eine andere Herangehensweise an den Innovationsprozess als etwa der Versuch, den hauseigenen Bestseller auf die Bedürfnisse anderer Branchen anzupassen. Wer die eigene Situation genau analysiert wird feststellen, dass all die Kreativitäts- und Innovationstechniken – um mit Brainstorming, Mind Mapping, Analogiebildung oder auch der TRI Z-Methode nur einige zu nennen – nicht für jeden Unternehmenstyp und Innovationsvorgang gleichermaßen geeignet sein müssen. Blinder Aktionismus und die wahllose Anwendung von Trend-Methoden könnten sogar kontraproduktiv sein, warnen Experten.

Dabei sind Fortbildungen wohl unverzichtbar, denn nur durch ihre Ausbildung an Universität oder Fachhochschule sind viele Absolventen in den Ingenieurberufen nicht ausreichend vorbereitet auf die neuen Herausforderungen der globalisierten Welt mit ihren sich verkürzenden Produktlebenszyklen. »Wir sind angesichts der abnehmenden Vorbildung schon stark damit ausgelastet, die fachlichen Qualifikationen des Nachwuchses sicherzustellen«, sagt Michael Berger, Vizepräsident der FH Westküste in Heide und Vorsitzender des Fachausschusses für Ingenieurausbildung beim Verband der Elektrotechnik (VDE). Für die Persönlichkeitsentwicklung der Studierenden oder auch die Förderung von Kreativität und interdisziplinären Interessen bliebe da nur noch wenig Raum.

von Imke Rosebrock, erschienen in: "Wirtschaftsfaktor Technologie – Innovationen als Wachsrumstreiber", in|pact mediaverlag, Januar 2012. www.inpactmedia.com


Schlüsselfigur Lehrer –

Viele Initiativen wollen Technikbegeisterung bei Mädchen wecken. Doch welcher Ansatz ist richtig?

Den MINT-Berufen fehlt der weibliche Nachwuchs. Mit zahlreichen Informations- und Imageprogrammen wie beispielsweise dem Girl’s Day versucht man daher, junge Frauen für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu begeistern. Um schon im Schulunterricht das Interesse von Mädchen für MINT-Fächer zu steigern, werden Maßnahmen wie geschlechtergetrennter Unterricht oder auch eine spezifische Themenauswahl diskutiert.

Doch dadurch könnten sich die Geschlechterrollen noch zusätzlich verfestigen, warnen Kritiker. „Solche speziellen Mädchen-Angebote unterstellen, dass es eine prinzipielle Differenz zwischen den Geschlechtern gibt, wenn es um das Interesse für Naturwissenschaften oder Mathematik geht“, sagt die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Hannelore Faulstich- Wieland. Dabei seien jedoch längst nicht alle Jungen technikbegeistert, und nicht jedes Mädchen könne etwas mit der Untersuchung von Kosmetika im Chemieunterricht anfangen. Wichtiger sei es, dass Lehrer und Lehrerinnen ihre eigenen Genderbilder hinterfragen und nicht unreflektiert subtile Prägungen weitergeben. Das einzelne Kind, unabhängig vom Geschlecht, gelte es wieder in seiner Individualität beim Lernen und Verstehen wahrzunehmen.

„Kleine Kinder interessieren sich sehr für Naturphänomene und zeigen einen ausgeprägten Forscherdrang, das gilt für Jungen und Mädchen gleichermaßen“, sagt Entwicklungspsychologin Janna Pahnke von der Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ in Berlin. „Früher hat man die Erkenntnisfähigkeit von Kindern eher unterschätzt“, sagt Pahnke, „heute weiß man, dass selbst Säuglinge schon ein Kernwissen über die Natur haben und beispielsweise belebte von unbelebten Dingen unterscheiden können.“ Um dieses Potenzial nicht versanden zu lassen, bildet die Stiftung bundesweit pädagogische Fachkräfte aus Kitas und Grundschulen fort und entwickelt Praxisideen und Experimente in Themengebieten wie etwa Luft, Wasser oder auch Magnetismus. Der frühe Kontakt mit MINT-Themen, die eigene Auseinandersetzung mit Naturphänomenen sei sehr wichtig, betont Pahnke: „In den ersten zehn Lebensjahren wird die Basis für spätere Interessen gelegt, wenn in unserer Gesellschaft Kinder erst danach mit Naturwissenschaften konfrontiert werden, dann ist das zu spät.“

Experten weisen darauf hin, dass neben zahlreichen Mädchen viele Jungen vom üblichen Unterricht in den MINT-Fächern abgeschreckt würden. Neue Lehrkonzepte, die nicht nur methodisch, sondern auch inhaltlich neue Wege gehen, sind gefragt. Unter dem Schlagwort „Nature of Science“ etwa wollen Didaktiker nicht nur reines Faktenwissen vermitteln, sondern das – historisch, kulturell und diskursiv geprägte – Wesen der Naturwissenschaften selbst verständlich machen: Wie entstehen Theorien? Wie werden sie begründet? Wo sind sie anwendbar, wo liegen ihre Grenzen? Wenn Kinder „Wissen über das Wissen“ erlangen und wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung als menschlichen, kreativen Prozess begreifen, verlieren MINT-Fächer vielleicht von ihrem Schrecken.

von Imke Rosebrock, erschienen in: "Frauen machen Zukunft", Themenausgabe des in|pact mediaverlags, Februar 2012. www.inpactmedia.com


ZEIT Campus

Innovationen

Man muss kein Daniel Düsentrieb sein, um als Erfinder gute Einfälle zu haben. Doch kann man diesen Beruf erlernen? Eine Erfinderschule unterrichtet Kreativität für jedermann. Auch Konzerne nutzen die Ideen von Amateuren.



Mit einer Idee, die ihm in seiner Freizeit gekommen ist, hat Christian Hedberg gerade 20.000 US-Dollar verdient. Hedberg ist 32 und forscht hauptberuflich als Biochemiker am Max-Planck-Institut für molekulare Physiologie in Dortmund. Nach Feierabend denkt er über ungelöste Probleme nach. Er findet sie im Internet, zum Beispiel auf der Seite von InnoCentive, auf der Konzerne, NGOs und staatliche Institutionen Fragen aus Wissenschaft und Technik präsentieren, an denen sich Forscher bislang die Zähne ausgebissen haben.

Die Aufgabe bei InnoCentive musste er sich nur kurz anschauen, erzählt Hedberg, dann hatte er schon die Idee. Vier, fünf Tage, ein wenig Literaturrecherche, Zettel und Stift, mehr war nicht nötig. Das Nutzungsrecht an seiner Erfindung hat er abgegeben – und dafür das Preisgeld bekommen. »Ein ganz guter Stundenlohn«, sagt er.

Seine Erfindung ist eine »alternative synthetische Verbindung«, wie er verrät, aber was genau es ist, darf er nicht sagen. Für wen er gearbeitet hat, darf er selbst nicht wissen. Welches Unternehmen gibt schon gern zu, dass die eigene Forschungsabteilung nicht weiterkommt und man stattdessen auf Hilfe von außen setzt? Auf das Wissen und die Erfahrung von Wissenschaftlern, Hobbyforschern und Bastlern?

Es gibt tatsächlich einen Markt für diese Einzelkämpfer, die ohne eine ganze Forschungsabteilung Probleme wegtüfteln. InnoCentive zum Beispiel sucht Lösungen für Probleme in Wirtschaft, Physik, Mathematik, IT oder Design. Die Firma wirbt damit, dass 125.000 der »hellsten Köpfe der Welt« über diese Probleme nachdenken. Das Honorar für eine Lösung liegt zwischen 1000 und 1.000.000 Dollar, es kann sich also lohnen, Erfinder zu sein. Die Frage ist nur: Kann man diesen Beruf überhaupt erlernen?

Ordnung ist der Feind des Kreativen, und die Studenten der Potsdamer School of Design Thinking müssen einen unbändigen Schöpfungswillen haben: Papierschnipsel, Scheren, Stifte liegen kreuz und quer auf Stehpulten, vollgekritzelte Klebezettel, Fotos und Pfeildiagramme zieren die rollbaren Stelltafeln. Materialien, um die umherschwirrenden Ideen sichtbar zu machen.

Die School of Design Thinking gehört zur Universität Potsdam und versteht sich als Erfinderschule. Sie will kreatives Schaffen lehren. Knapp 40 Studenten aus 30 verschiedenen Fachrichtungen besuchen die einjährige Zusatzausbildung. Sie kommen neben ihrem regulären Studium an zwei Tagen pro Woche in den verglasten Neubau mit den verschiebbaren Wänden, um auf Sofas und Sitzkissen über die Grenzen ihres eigenen Studienfachs hinauszudenken.

In kleinen Arbeitsgruppen diskutieren sie dann beispielsweise, wie man die »intuitive Recherche« in Bibliotheken, also das Herumstöbern in den Buchreihen, technisch unterstützen könnte. Wie etwa ließe sich das Stöbern auf die Onlinerecherche übertragen, bei der einen die starre Stichwortsuche doch regelmäßig an den interessantesten Publikationen vorbeischlittern lässt? Könnte ein Chip im Buch zählen, wie oft und wie lange es von anderen Nutzern angeschaut wurde? Und wenn man schon von zu Hause aus sehen könnte, ob die Freunde in der Cafeteria sind, vielleicht wäre dann der Anreiz größer, selbst in die Bibliothek zu gehen?

Sätze wie »Das kann doch gar nicht klappen« sind hier nicht zu hören. Das ist eine der Grundregeln der School of Design Thinking: keine vorschnelle Kritik. Alles ist möglich.

Für die Ideensuche verwenden die Potsdamer dieselbe Methode wie ihre Schwestereinrichtung an der kalifornischen Stanford University. Die Formel heißt genauso wie die Schule: »Design Thinking«. Ein Ansatz, den beide von der Design- agentur Ideo aus den USA übernommen haben. Das Unternehmen hat zum Beispiel für Apple die erste Computermaus entwickelt.

Das Prinzip in Potsdam lautet: Dinge visualisieren, die Welt mit den Augen des Nutzers sehen – und vor allem »wilde« Ideen zulassen. »Wer Erfindungen haben will, muss erlauben, dass die Gedanken auch mal abschweifen«, sagt Johannes Weyer, Techniksoziologe an der Universität Dortmund.

In Unternehmen und Forschungsinstitutionen wird das allerdings immer schwieriger. Dort ist der wirtschaftliche Druck oft so groß, dass auf keinen Fall etwas erforscht und entwickelt werden kann, das später womöglich im Papierkorb landet. Das hemmt die Kreativität, und abseitige Ideen werden schneller verworfen.

Die meiste Schöpfungskraft ziehen die Potsdamer aus der Begegnung mit Vertretern anderer Disziplinen. Germanisten treffen in der Erfinderschule auf Informatiker und Philosophen auf Physiker – eine Horizonterweiterung, die viele aus ihrem regulären Studium gar nicht kennen. »Ich hatte früher manchmal den Eindruck, mit Scheuklappen zu studieren«, sagt Gesa Krey, 26, über ihr Biochemiestudium. Sie will ihren Blick für Fachfremdes öffnen. Nicht immer ohne Mühe: »Die Herangehensweise an ein Thema ist in den jeweiligen Disziplinen völlig unterschiedlich«, sagt sie. »Manchmal versteht man nicht einmal die Worte des anderen.«

Johannes Weyer von der Uni Dortmund hält diesen Ansatz für genau richtig. »Erfindungen geschehen an den Rändern von Wissensgebieten, durch den Austausch von Ideen und Konzepten«, sagt Weyer. »Ein guter Erfinder hat die Fähigkeit zur Grenzüberschreitung.«

Die Formel des Tüftlers Christian Hedberg lautet ähnlich: »Nimm das etablierte Wissen, vermische es mit deiner eigenen Erfahrung, und wende es auf das zu lösende Problem an. Die Idee mit den intelligenten Büchern jedenfalls wäre ja schon mal gar nicht so schlecht.

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Infos: Wohin mit den Ideen?

1. Erfinderschule: Die School of Design Thinking richtet sich an Studierende aller Fachrichtungen der Unis Berlin und Potsdam. Die studien-begleitende Ausbildung dauert ein Jahr, die Seminare finden an zwei Tagen pro Woche statt. Die nächste Ausbildungsrunde beginnt zum WS 2008/09, Bewerbungen sind ab Juli möglich. www.hpi.uni-potsdam.de/d-school

2. Erfinderclubs: INSTI heißt eine Initiative des Bundes, die vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft geleitet wird. Ziel des Netzwerkes ist es, freie Erfinder bei der Entwicklung und Verwertung ihrer Ideen zu unterstützen.
www.erfinderclubs.de

3. Treffpunkte: Tüftler und Unternehmer finden etwa bei InnoCentive zusammen. Auf dem InnovationMarket können Erfinder nach Kapitalgebern und Projektpartnern suchen: www.innovationmarket.de
Allgemeine Informationen rund ums Erfinden:
www.erfinderring.de
www.deutscher-erfinder-verband.de

4. Patente: Der »Patentserver« gibt Informationen zu Anmeldung, Schutz und Nutzung von Patenten:
www.patentserver.de

5. Erfindermethoden: Die TRIZ-Methode gibt dem Erfinden System. Der Russe Genrich Altschuller analysierte in den vierziger Jahren Tausende Patente und erkannte, dass die Erfinder nur etwa 40 Lösungsprinzipien verwendeten.
www.triz-online.de

von Imke Rosebrock, erschienen in: ZEIT Campus 03/ 2008


Das Parlament

Der Griff zur Flasche – Leitungswasser ist out, doch ohne Grund, sagen Experten. Kehrt sich der Trend bald um?

Mineralwasser ist purer Pop. Ein Lifestyleprodukt, aus großen Tiefen gewonnen, bisweilen aus weiter Ferne herangekarrt und mit schicken Verpackungen vertrieben, dessen Nutzen uns aufwändige Werbekampagnen vermitteln: Flaschenwasser trinken macht schön, glücklich und hält jung.

"Wer eine Flasche Wasser mit sich herum trägt, zeigt seinem Umfeld, dass er gesund, fit und aufgeschlossen ist", sagt Trendforscherin Anja Kirig vom Zukunftsinstitut im hessischen Kelkheim. Frisch, gesund und ohne Kalorien - Wasser ist das Trendgetränk jener Konsumenten, die Qualm, Schnaps, Pfunden und dem Altwerden den Kampf angesagt haben. Und damit der Branche einen immensen Absatz bescheren.

Steigende Absätze

Durchschnittlich etwa 130 Liter Mineralwasser trinkt jeder Deutsche heute im Jahr. 1970 waren es noch 12,5 Liter. Der Verband Deutscher Mineralbrunnen, der etwa 220 Betriebe vertritt, verzeichnete im Jahr 2007 einen Mineralwasser- Absatz von knapp 10 Milliarden Litern. Am beliebtesten ist dabei noch immer sprudelndes Wasser. Die größten Zuwachsraten sind jedoch bei stillen sowie aromatisierten Wässern zu beobachten. Hier stiegen die Absätze um knapp 25 beziehungsweise um gut 33 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Doch warum greifen die Deutschen zur Flasche? Schließlich gilt doch Trinkwasser aus der Hausleitung als das am gründlichsten überwachte Lebensmittel im Land. Es ist in der Regel bedenkenlos genießbar und günstig noch dazu: In Berlin beispielsweise kostet ein Kubikmeter Wasser aus dem Hahn - das sind eintausend Liter - derzeit 2,20 Euro, der Bundesdurchschnitt lag 2007 bei rund 1,80 Euro. Für die gleiche Menge eines durchschnittlichen Mineralwassers müsste der Supermarktkunde zwischen 500 und 600 Euro bezahlen.

"Im Vergleich zum Leitungswasser hat Mineralwasser dank seiner Mineralien bei den Verbrauchern einen Bonus", sagt Anja Kirig, "und natürlich ist es viel schicker, eine Flasche ,Voss' zu trinken als eine Karaffe Leitungswasser." Die norwegische Marke "Voss" gehört zu jenen Luxuswässern, die man im Edelrestaurant serviert bekommt oder für den heimischen Esstisch im Internet bestellen kann. Durch dichte Gesteins- und Eisschichten geschützt, sei das Wasser aus einer Quelle im Süden Norwegens rein und unbelastet, so die Eigenwerbung der Marke. Popstars wie Madonna schwören angeblich auf das teure Nass, das im Restaurant schon 15 Euro pro Flasche kosten kann.

Gesundheitsfördernd und unberührt vom Zivilisationsschmutz - mit diesen Argumenten werben die Produzenten von Mineralwasser für ihr Produkt, ganz gleich, ob es aus der Südsee oder aus dem Harz kommt. Das aber gilt nicht für jede Flasche gleichermaßen: Die Unterschiede in Zusammensetzung, Qualität und Geschmack des Wassers können erheblich sein. Und nicht jedes Wasser in einer Flasche ist Mineralwasser.

Natürliches Mineralwasser darf sich in Deutschland nur nennen, was aus einer geschützt im Erdinneren liegenden, amtlich anerkannten Quelle - in Deutschland gibt es davon knapp 800 - gewonnen wurde. Verunreinigungen durch die Umwelt oder chemische Zusätze haben in diesem Wasser nichts zu suchen. Kohlensäure hingegen darf zugefügt, Arsen, Eisen und Schwefel können entfernt werden. Im Gegensatz zum Trinkwasser aus der Leitung ist es nicht erlaubt, natürliches Mineralwasser chemisch zu behandeln. In welchen Mengen Mineralstoffe und Spurenelemente wie Calcium, Magnesium, Natrium, Kalium oder Fluorid im Wasser enthalten sind, hängt von der Herkunft des Wassers, also den geologischen Gegebenheiten ab.

Neben dem natürlichen Mineralwasser kennt die Deutsche Mineral- und Tafelwasserverordnung noch das Quellwasser. Es darf aus mehreren unterirdischen Quellen gemischt werden, die jedoch weder vor Verunreinigungen durch die Umwelt geschützt noch amtlich anerkannt sein müssen. Das so genannte Tafelwasser hingegen ist ein hergestelltes Produkt, das aus Leitungs- oder auch Meerwasser, Natursole oder auch Mineralwasser bestehen kann. Im Gegensatz zum Mineral- und Quellwasser, die nur in Flaschen vertrieben oder auf den Restauranttisch gestellt werden, darf man Tafelwasser auch in Container abfüllen oder aus Zapfanlagen ausschenken. Heilwasser schließlich gilt als Arzneimittel, seine therapeutische Wirksamkeit muss nachgewiesen sein. Zu welcher Sorte das Wasser der Wahl gehört, sieht der Verbraucher auf dem Flaschenetikett.

Umstrittene Ökobilanz

Das vom Konsumenten so geschätzte natürliche Mineralwasser jedoch ist in seiner ursprünglichen und teils jahrtausende alten Form nicht unendlich. "Wenn es bewirtschaftet, also gefördert wird", sagt Engelbert Schramm, Wasserexperte und Mitbegründer des Instituts für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main, "sickert langfristig Wasser nach - von oben wie unten. Das kann die alten Wasserbestände verunreinigen." In die Ökobilanz des Mineral- und Flaschenwassers muss zudem der Aufwand eingerechnet werden, mit dem man das Nass aus der Tiefe holt, hinzu kommen der Betrieb von Abfüllanlagen, die Lagerung, Transport und nicht zuletzt die Verpackung: "Plastikflaschen für Getränke müssen ganz besondere Kriterien erfüllen", erklärt Schramm, "daher wird hier kaum recyceltes, sondern neues, aus Erdöl gewonnenes Plastik verwendet."

Zahlen aus den USA könnten hier ein Anhaltspunkt sein: Wissenschaftler des Pacific Institute in Kalifornien, das zu Themen wie Nachhaltigkeit und Umweltschutz forscht, haben sich mit dem Energieaufwand für Flaschenwasser beschäftigt: Im Jahr 2006 haben die US-Bürger 31 Milliarden Liter Wasser in Flaschen konsumiert, die meisten davon PET-Flaschen. Allein für die Produktion des Plastiks müssten 17 Millionen Barrel Öl veranschlagt werden, so die Wissenschaftler. Zudem seien insgesamt 2,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid durch Flaschenwasser entstanden. Und umgerechnet drei Liter Wasser seien nötig, um einen Liter Wasser in Flaschen herzustellen.

Nicht zu unterschätzen ist die Umweltbelastung, die durch den Transport der Flaschen entsteht: Gut 1,1 Milliarden Liter Mineralwasser wurden im Jahr 2007 nach Deutschland importiert, so die Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Etwa 60 Prozent davon kamen aus Frankreich, andere nennenswerte Lieferanten sind die Niederlande, Italien und Luxemburg. Doch selbst Länder wie Iran, Taiwan, Saudi-Arabien, Südafrika und Brasilien exportierten Mineralwasser in die Bundesrepublik.

Täglicher Mineralstoffbedarf

Weltweit ist der Markt für Flaschenwasser auf Wachstumskurs. Branchenkenner wie die Beverage Marketing Corporation in New York sprechen von globalen Zuwachsraten von bis zu 10 Prozent im Jahr. Die Global Player wie Danone, Nestlé, Coca Cola, PepsiCo und Unilever kämpfen auf fünf Kontinenten um Marktanteile. Auf den ersten Blick mag dieser Boom auch in ärmeren Ländern verständlich erscheinen, etwa wenn hygienisch einwandfreies Wasser nicht in jeder Haushaltsleitung verfüg- bar ist. Doch Kritiker warnen: Statt in Flaschenwasser sei das Geld in den Ausbau der öffentlichen Versorgung besser investiert.

In Deutschland indes freuen sich derweil die Ernährungswissenschaftler und Mediziner über den Wasserboom; um die zwei bis zweieinhalb Liter sollte ein Erwachsener täglich trinken. "Ob das Wasser aus der Leitung oder der Flasche kommt, ist dabei unerheblich", sagt Helmut Heseker, Mitglied des wissenschaftlichen Präsidiums der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Einen gesundheitlichen Mehrwert von Mineralwasser sieht er nicht: "Wir decken unseren täglichen Mineralstoffbedarf vor allem durch feste Nahrung, Wässer mit einem zusätzlichen Mineralstoffgehalt sind für die tägliche Versorgung in der Regel nicht notwendig." Vor allem bei neueren Trendgetränken, etwa Wasser mit einem hohen Sauerstoffgehalt, ist der Experte skeptisch: "Wir brauchen nicht den Darm, um uns mit Sauerstoff zu versorgen. Das schafft die Lunge ohne Probleme allein."

Weg vom Luxuswasser

Und während in teuren Restaurants Luxuswässer wie "Fiji-Water" aus der Südsee angeboten werden oder auch "Bling H2O", dessen Flasche mit Swarovski-Kristallen verziert ist, lässt die mangelnde Nachhaltigkeit mancherorts den Trend wieder abebben. "Viele Restaurants in New York oder auch in Kalifornien schenken überhaupt kein Flaschenwasser mehr aus", berichtet Trendexpertin Anja Kirig, "nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die Plastikflaschen die Umwelt belasten. Mit dem steigenden Gesundheits- und Umweltbewusstsein wird sich parallel zum bei Vollmond abgefüllten hawaiianischen Luxuswasser mittelfristig auch hier ein Trend zum Leitungswasser entwickeln."

von Imke Rosebrock, erschienen in: "Das Parlament" mit der Beilage "Aus Politik und Zeitgeschichte"
© Deutscher Bundestag und Bundeszentrale für politische Bildung, 2008.


Das Parlament

Gesundheit aus dem Wasserhahn – Über Filtersysteme und die Notwendigkeit, Leitungswasser zusätzlich aufzubereiten

Filter für den Hausgebrauch und bunte Steinchen und Kristalle - mit allerlei Gerätschaften oder gar esoterischen Anwendungen bearbeiten Menschen ihr heimisches Leitungswasser und versuchen, es gesünder, verträglicher, genießbarer zu machen...

Dabei gibt es am Trinkwasser aus bundesdeutschen Wasserhähnen nichts auszusetzen, so das Fazit des aktuellen Berichts über die "Qualität von Wasser für den menschlichen Gebrauch", den Umweltbundesamt und Bundesgesundheitsministerium im Dreijahresturnus herausgeben. Für den Bericht werden die Messwerte derjenigen Versorgungsanlagen erfasst, die insgesamt mehr als 60 Millionen Bundesbürger beliefern: Zu über 98 Prozent seien die Anforderungen eingehalten worden. Selbst die Grenzwertüberschreitungen von Nitrat - im landwirtschaftlich genutzten Raum ein Problem - hätten sich von 1,1 Prozent im Jahr 1999 auf 0,13 Prozent (2004) verringert.

Richtige Anwendung

Die technische Aufrüstung im Privathaushalt sei daher meist überflüssig, so die Ansicht von Experten. "Aus gesundheitlichen Gründen ist es nicht notwendig, das Trinkwasser aus der Leitung mit speziellen Filtern aufzubereiten", sagt Oliver Schmoll vom Umweltbundesamt. "Im Gegenteil: Werden die Filter nicht richtig bedient oder gewartet, können sie verkeimen und dadurch Schaden anrichten." Auch Stiftung Warentest und die Verbraucherzentralen beurteilen die diversen Filtersysteme eher kritisch. So erkenne der Laie nicht, wann beispielsweise der Filter eines "Ionenaustauschers" - er soll Nitrat, Blei oder Kupfer aus dem Wasser entfernen - seine Kapazitätsgrenze erreicht hat. "Von diesem Punkt an treten die zuvor ausgefilterten Schadstoffe wieder in das gefilterte Wasser ein - und diesmal sehr viel konzentrierter", warnt eine Broschüre der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Handlungsbedarf scheint hingegen bei so mancher Hausinstallationen zu bestehen, denn oft wird das Wasser erst auf den letzten Metern verunreinigt. "Bei knapp 22 Prozent der von uns untersuchten Proben wurden Grenzwerte überschritten", berichtet Stephan Bruck von der Firma AQA. Sein Unternehmen bietet in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik private Wasseranalysen an. Häufige Probleme in den Haushalten: Vernickelte Armaturen machen Allergikern zu schaffen. An Kupferleitungen in Regionen mit hartem, speziell zusammengesetzem Wasser können Schäden auftreten. Und Bleileitungen in älteren Häusern stellen vor allem für Schwangere und Kinder eine Belastung dar. Hier helfen dann auch keine Kristalle oder Tischfilter mehr.

von Imke Rosebrock, erschienen in: "Das Parlament" mit der Beilage "Aus Politik und Zeitgeschichte"
© Deutscher Bundestag und Bundeszentrale für politische Bildung, 2008.


Flexible Räume

Gestern armer Student mit dezidiertem Designgeschmack, heute Familienmensch mit hohem Platzbedarf und Sinn fürs Praktische, morgen vielleicht gut situiertes Mitglied der Silver Ager-Generation mit ausgeprägtem Repräsentations- und Komfortanspruch – wie sich die Lebensphasen und Einkommen ändern, wechseln auch die Wohnbedürfnisse innerhalb eines Menschenlebens.

Flexibilität ist eines der wichtigsten Schlagworte im Wohnungsbau. Starre Grundrisse, die jedem Raum eine klare Funktion zuweisen, sind nicht mehr gefragt. „Viele Projekte mit Bauherren konstruieren wir heute so, dass tragende Wände möglichst in den Randbereich kommen“, sagt der Berliner Architekt Christian Roth, „so lassen sich, je nach Bedarf, verschiebbare oder auch fest installierte Trennwände mit überschaubarem Aufwand einziehen oder entfernen“.

Die von seinem Büro zanderroth betreuten Bauten zeigen, dass sich der vermeintliche Widerspruch zwischen schicken, aber manchmal unpraktischen offenen Grundrissen sowie dem festgezurrten Entwurf von mehreren kleinen, in ihrer Nutzung festdefinierten Räumen, aufheben lässt. Ein in Prenzlauer Berg errichtetes Ensemble aus insgesamt 45 Town- und Penthouses sowie Gartenhäusern kombiniert auf kleiner Grundfläche, zum Teil im Split-Level, offene Grundrisse und hohe Decken mit kleineren, niedrigeren Räumen, die Privatheit und Rückzug erlauben. „Um noch besser auf die unterschiedlichen Nutzungsbedürfnisse der Bewohner einzugehen, haben wir bewusst Durchgangszimmer geplant“, erklärt Roth, „und tatsächlich sehen wir, wie unterschiedlich diese Räume heute genutzt werden: als Arbeitsbereich, als Platz für Gäste, als Spielzimmer für die Kinder.“ Dachterrassen, großzügige Balkone oder auch zu öffnende Fensterfronten verlängern bei den verschiedenen Bauvarianten den Wohnraum in den Außenbereich.

Im Wohnungsbau der Zukunft werden aus einzelnen Räumen „Wohnzonen“, so das Urteil einer Studie des GdW Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen zu den „Wohntrends 2020“. So werden etwa aus kleinen Nasszellen ansprechende Wellnessbereiche mit Platz für Hometrainer und Yogamatte, aus einem schlichten Schlafzimmer Erholungsräume zum Entspannen, Lesen und Fernsehen, und die frühere „gute Stube“ zum offenen Ort der Kommunikation und Repräsentanz. „Wohnen und Essen gehören zueinander und bilden einen großen Lebensbereich“, sagt die Münchener Innenarchitektin Ursula Beigler, „schließlich hat das Kochen einen neuen Stellenwert bekommen.“ Der Tisch in dieser Wohnküche wird größer, ist nicht mehr nur zum Essen da, sondern multifunktionell: Hier machen die Kinder ihre Hausaufgaben, hier wird gearbeitet und am Abend mit den Freunden gegessen.

Doch auch in diesen neuen Zonen gilt: Immer schön flexibel bleiben. „Ideal wären Schiebeelemente, mit denen sich bei Bedarf auch die Küche abtrennen lässt, wenn man keine Lust hat, auf schmutziges Geschirr zu blicken“, sagt Beigler. Und wer nicht nur nebenbei, sondern dauerhaft von zu Hause arbeitet, wünscht sich wohl doch ein eigenes Arbeitszimmer und nicht nur eine Ecke am wuseligen Gemeinschaftstisch.

„Rückzugsmöglichkeiten innerhalb der Wohnung sind wichtig“, betont die Innenarchitektin, schließlich suche der Mensch ja auch Schutz in seinen eigenen vier Wänden. Das Grundbedürfnis nach Privatheit und Ruhe erklärt vielleicht auch, warum bei so manchem ambitionierten Bau am Ende doch wieder Vorhänge hinter den vollverglasten Häuserfronten hängen.

Das Thema Flexibilität scheint auch in der Immobilienwirtschaft angekommen zu sein, so legt es zumindest der Trendbericht des GdW Bundesverbandes nahe. Denn einerseits würden sich, „wenn sich die Gesellschaft zunehmend nach Altersgruppen, Lebensformen, Haushaltstypen, Einkommensschichten, kultureller Zugehörigkeit und Wohnkonzepten differenziert“ die Wohnungsmärkte „stärker als je zuvor in Nischen segmentieren“, etwa Townhouses, Loftwohnungen, Öko-Häuser oder auch Seniorenwohnungen.

Ein guter Grundriss, schöne Räume, viel Licht – das allein reicht wohl in Zukunft nicht mehr aus, um Menschen für eine Wohnung zu begeistern. Die technische Ausstattung einer Wohnung wird zunehmend an Stellenwert gewinnen. Dabei, so die GdW-Trendstudie, gelte es sich daran zu orientieren, „was die Menschen haben und bezahlen wollen, und nicht daran, was technisch möglich ist.“ Akzeptiert würden vor allem technische Lösungen, „die mehr Komfort, mehr Sicherheit und eine bessere Wirtschaftlichkeit des Wohnens ermöglichen – zum Beispiel elektronische Heizungs- und Lichtsteuerungen, Alarmanlagen – sowie eine Reduzierung des individuellen Energieverbrauchs ermöglichen.“

Was aber heute das Allerneueste ist, mag in wenigen Jahren überholt sein, das macht es gerade in diesem Bereich schwierig vorauszuplanen. Eine Volltechnisierung im Wohnbereich sei allerdings gar nicht wünschenswert, sagt etwa Ursula Beigler. „Ich rate meinen Kunden zum Beispiel ab von vollautomatisch durch das Tageslicht geregelten Leuchten im Innenbereich. Schließlich ist es für das eigene Zeitgefühl und Empfinden ganz sinnvoll, wenn man mitbekommt, ob draußen noch die Sonne scheint, oder es schon dämmert.“

von Imke Rosebrock, erschienen in: "Wohnen der Zukunft – Energieeffizient, intelligent & hochwertig", Themenausgabe des in|pact mediaverlags, Juni 2012. www.inpactmedia.com


Neue Wohnlichkeit –

Das Bad von morgen erfüllt Wellness-Träume

Die Design-Wanne steht mitten im Raum, hochwertige Armaturen blitzen am Waschbecken, die ausgeklügelte Beleuchtung sorgt für angenehme Stimmung. In diesem Luxusbad ist Platz für ausgedehnte Yogaübungen auf wohlig temperiertem Boden oder eine Dusche unter der riesigen Regenschauer-Brause. So ungefähr sieht das neue Ideal des Bades in Wohnzeitschriften und ambitionierten Badausstellungen aus...

Vorbei ist die Zeit, als rein funktionale Sanitärobjekte einfach rundum an der Badezimmerwand angebracht waren. Zukünftig, so prophezeien es Trendexperten, besticht das Bad durch eine neue Raumaufteilung, in der zum Beispiel durch kleinere Vormauerungen, Trennwände oder auch freistehende Waschtische, Duschen oder Wannen verschiedene Nutzungszonen definiert werden.

Aus der ehemals ungemütlichen Nasszelle wird ein Raum neuer Wohnlichkeit. „Dabei können neue Materialien wie speziell imprägniertes Holzparkett oder auch Lederfliesen zum Einsatz kommen“, sagt Birgit Hansen, Innenarchitektin aus Köln, „ebenso lassen sich mit passgenauen Platten aus Mineralwerkstoffen Wände, Möbel und Einbauten effektvoll gestalten, Quarzwerkstoffe sind an Wand und Boden einsetzbar.“ Allerdings: Die schicken Materialien sind oft sehr pflegeintensiv, weiß die Expertin. Viele Kunden entschieden sich letztlich doch wieder für Fliesen. Hier geht der Trend in zwei Richtungen: Immer größer und immer kleiner. Fliesen im Großformat, rechteckig oder quadratisch, mit 70, gar 80 Zentimetern Seitenmaß, gern kombiniert mit Mini-Mosaik.

Was gar nicht mehr geht, ist die klassische Schwimmbecken-Optik: Fliesen rundherum bis an die Decke. „Es reicht völlig, nur die Dusche komplett zu fliesen“, sagt auch Innenarchitektin Hansen. „Im Spritzwasserbereich, etwa hinter Waschbecken und Toilette sowie direkt an der Badewanne ist ein Fliesenspiegel in Höhe von einem Meter zwanzig optimal, die restlichen Wände im Bad bleiben nur verputzt. Das ist auch besser fürs Raumklima.“

Wer sich möglichst lange an seinem neuen Bad erfreuen möchte, sollte schon jetzt an Zeiten denken, in denen die eigene Beweglichkeit nachlassen wird. „Easy Bathroom“ nennt die Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS) ein Zukunftskonzept, wonach Badezimmer für alle Generationen gleichermaßen geeignet sein sollten. Ein rutschfester Bodenbelag, ausreichend Platz für Rollstühle und Rollatoren, unterfahrbare Waschtische, Sitzgelegenheiten in der bodenebenen Dusche oder Haltegriffe an Badewanne und Toilette – solche Details tragen dazu bei, dass Senioren länger in vertrauter Umgebung wohnen bleiben können. Sie erleichtern aber auch kleinen Kindern oder einem 40-jährigen Hobbysportler mit gebrochenem Bein das Leben.

„Auch die Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz werden bei der Badplanung immer wichtiger“, berichtet Birgit Hansen. Neue Armaturen senken den Wasserverbrauch und somit, bei Warmwasser, auch den Energiebedarf im Haushalt. Zugleich schreitet die Digitalisierung weiter voran. „Manches mag heute noch als Spielerei gelten, aber benutzerdefinierte Einstellungen an Wannen- und Duscharmaturen, angesteuert über ein Touchpad oder sogar das Smartphone, sind bereits auf dem Markt“, sagt Hansen.

Mehr Raum, mehr Komfort, mehr Sicherheit, für jedes Alter und jeden Bedarf. So könnte die Zukunft aussehen. Doch ein Blick in die Gegenwart ernüchtert: Die Bäder in deutschen Privathaushalten sind im Durchschnitt keine acht Quadratmeter groß, 28 Prozent kommen nicht einmal auf sechs Quadratmeter, so das Ergebnis einer aktuellen Bad-Studie des Branchenverbands VDS, ausgeführt von der Gesellschaft für Konsumforschung.

Hier dürfte kaum Platz für architektonische Wellnessträume sein. Von Barrierefreiheit ganz zu schweigen. Birgit Hansen hat sich auf Badsanierungen im Bestand spezialisiert. „In vielen Bauten aus den Siebzigern und Achtzigern ist zum Beispiel der Bodenaufbau sehr niedrig“, erklärt sie. „Da ist kaum Platz, um Leitungen in den Boden zu versenken, so wie es etwa für eine bodenebene Dusche nötig wäre.“ Zudem, das dürfe man bei aller Design-Diskussion nicht vergessen, wollten die Menschen noch immer pflegeleichte, praktische Bäder. „Ein Waschtisch, der ein paar Zentimeter von der Wand abgerückt ist, sieht gut aus. Aber vernünftig putzen kann man dahinter kaum.“

von Imke Rosebrock, erschienen in: "Haus der Zukunft – Architektur, Design, Technik", Themenausgabe des in|pact mediaverlags, Dezember 2012. www.inpactmedia.com


Das Parlament

Ringen um ein großes Ziel – UN-Naturschutzkonferenz: Die Frage des gerechten Zugangs zu genetischen Ressourcen birgt Konfliktstoff

Der Affe wirkt entspannt. Er hockt im Baum, hält sich mit seinen langen Armen an zwei Ästen fest, sein rotbraunes Fell hängt in zotteligen Strähnen herunter, er scheint zu dösen. Wenn er einen Begriff von sich, der Welt und seiner Existenz hätte, wäre es mit seiner Gelassenheit wohl vorbei. Schließlich gehören er und seine Artgenossen, die Orang-Utans der indonesischen Insel Sumatra, zu den vom Aussterben bedrohten Arten, die die Weltnaturschutzunion IUCN in ihrer Roten Liste aufführt.

Der Orang-Utan teilt sein Schicksal mit Tausenden anderer Lebewesen. Das Verschwinden der Arten und ganzer Ökosysteme zu stoppen, die biologische Vielfalt der Erde zu erhalten, das ist das hochgesteckte Ziel der internationalen Staatengemeinschaft, die sich vom 19. bis 30. Mai 2008 zur Naturschutzkonferenz der Vereinten Nationen in Bonn trifft.

Regierungsdelegationen, Entwicklungshelfer, Vertreter von Umweltgruppen - man rechnet mit etwa 5.000 Teilnehmern bei der "Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt", so der offizielle Titel der Konferenz, die im Zwei-Jahres-Turnus und nun zum neunten Mal stattfindet. Sie ist das politische Entscheidungsgremium der UN-Biodiversitätskonvention (englisch kurz: CBD), die 1992 auf dem Erdgipfel in Rio de Janeiro verabschiedet wurde. Rund 190 Staaten haben seither die CBD unterzeichnet und sie damit zu einem der größten internationalen Abkommen überhaupt gemacht.

Vorteilsausgleich

In der Präambel der Konvention erkennen die Vertragsparteien die Bedeutung der Biodiversität "in ökologischer, genetischer, sozialer, wirtschaftlicher, wissenschaftlicher, erzieherischer, kultureller und ästhetischer Hinsicht" an. So zahlreich die Aspekte sind, so komplex darf man sich die Probleme beim Schutz der Biodiversität vorstellen. Während die Staatengemeinschaft schon mit dem Washingtoner Artenschutzabkommen von 1973 ein Instrument entwickelt hat, vor allem den internationalen Handel mit gefährdeten Tieren und Pflanzen zu regeln beziehungsweise zu unterbinden, gehen die Ziele der CBD über den Horizont bisheriger Naturschutzabkommen hinaus: Neben dem Artenschutz geht es um die nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen. Das dritte Ziel lautet: gerechter Vorteilsausgleich. Dabei wird ein gerechter Zugang zu genetischen Ressourcen und ihrer Nutzung angestrebt.

Dieses Thema bildet einen der Schwerpunkte der diesjährigen Konferenz. Und es birgt erheblichen Konfliktstoff - schließlich sind es auf der einen Seite vor allem Entwicklungsländer, die über einen großen Artenreichtum verfügen, denen aber die finanziellen oder wissenschaftlichen Mittel fehlen, diese Ressourcen selbst zu nutzen. Andererseits machen die Industrienationen mit den aus den Urwäldern gewonnenen Wirkstoffen Profit in der Pharma-, Kosmetik- oder Biotechnologiebranche. Die Biodiversitätskonvention will mit dem "gerechten Vorteilsausgleich" den Nutzerländern den Zugang zur genetischen Vielfalt sichern, im Gegenzug die Herkunftsländer beispielsweise am Gewinn beteiligen oder Technologie- und Wissenstransfers in die ärmeren Ländern fördern. Auf eine rechtsverbindliche Regelung aber haben sich die Vertragsstaaten seit 1992 nicht einigen können. Die Verhandlungen sind zäh, denn hier geht es zugleich um die Interessen von Staaten und Konzernen, das uralte Wissen indigener Völker oder auch nationale Patentgesetze. Länder wie Kanada, Japan, Australien oder Neuseeland etwa, so die Kritik aus den Reihen der Nichtregierungsorganisationen, blockierten verbindliche Beschlüsse. In Bonn wird weiterverhandelt. Die Bundesrepublik strebt "im Grundsatz eine Einigung" zu diesem Thema an und setzt beispielsweise auf ein Zertifizierungssystem zur Herkunft genetischer Ressourcen.

Errichtung von Schutzgebieten

Zweiter Diskussionsschwerpunkt auf der Bonner Agenda: die Errichtung eines weltweiten Netzes an Schutzgebieten, bis 2010 an Land, bis 2012 auf den Meeren. Laut der Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen, FAO, sind ein Viertel der weltweiten Fischbestände stark gefährdet und die Hälfte immerhin so stark ausgebeutet, dass sich die Fangquoten nicht mehr erhöhen lassen. Und in Afrika beispielsweise sind nach Angaben der Organisation zwischen 1990 und 2005 neun Prozent des Waldbestandes verschwunden. Schutzgebiete jedoch kosten Geld: Für die Einrichtung und Überwachung der Gebiete, aber auch um nachhaltige Einkommensmöglichkeiten für die lokale Bevölkerung zu schaffen. Schließlich kann kein Schutzgebiet lange bestehen, wenn die Menschen aus Armut gezwungen sind, ihre Ziegen und Rinder doch wieder in den geschützten Arealen weiden zu lassen.

Zurzeit werden nach Angaben der Bonner Nichtregierungsorganisation Forum Umwelt und Entwicklung etwa sechs bis zehn Milliarden Euro im Jahr für den Erhalt von Schutzgebieten ausgegeben, das meiste davon allerdings in den Industrieländern. In den ärmeren Staaten fehlten für diese Vorhaben jährlich 2,5 Milliarden Euro. Und so gehen laut FAO noch immer, auch wenn inzwischen etwa zwölf Prozent der Landfläche des Globus wenigstens auf dem Papier unter Schutz stehen, 13 Millionen Hektar Waldfläche im Jahr verloren.

Erhalt der Wälder

Der Waldschutz ist denn auch das dritte große Thema der Konferenz: Zum einen, da in ihnen meist eine hohe Zahl verschiedener Pflanzen- und Tierarten heimisch ist. Zum anderen, weil an den Wäldern der Zusammenhang zwischen Biodiversität und Klimawandel deutlich wird. Nach Schätzungen von Experten geht etwa ein Fünftel des vom Menschen verursachten CO2-Ausstoßes auf die Rodung von Wäldern zurück. Wenn die pflanzlichen Kohlenstoffdioxid-Konsumenten verschwinden, bedeutet das eine Beschleunigung des Treibhauseffekts, und dieser wirkt dann wieder auf die Artenvielfalt zurück. Eine Veröffentlichung des Bundesumweltministeriums gibt an, dass ein Drittel aller heute lebenden Arten durch den Klimawandel vom Aussterben bedroht sei.

Zahlreiche weitere Themen werden im Lauf der Bonner Konferenz diskutiert werden, denn das Geflecht an Arbeits- und Sonderprogrammen um die Biodiversitätskonvention ist inzwischen dicht gesponnen. Dabei stehen Meere und Küsten im Fokus, Trockengebiete und Binnengewässer und nicht zuletzt die Vielfalt in der Landwirtschaft. Sie ist zunehmend gefährdet, seit sich einige wenige Arten - hochgezüchtete Nutztierrassen oder besonders ertragreiche Getreide- oder Reissorten - weltweit durchsetzen.

Andere Arbeitsbereiche behandeln übergreifende Fragen, etwa, wie sich Anreize für den Biodiversitätsschutz schaffen lassen oder wie mit dem Problem umzugehen ist, dass Arten in fremde Ökosysteme eindringen. Ein zentrales Zusatzabkommen ist das "Cartagena-Protokoll" von 2003. Es zählt über 140 Vertragspartner, 80 haben es bisher ratifiziert, und regelt den Umgang mit gentechnisch veränderten Organismen und deren Handel. Schließlich könnte genmanipuliertes Saatgut auch eine Gefahr für Mensch und Umwelt bedeuten. Das Protokoll soll für mehr Transparenz sorgen, damit Staaten beispielsweise den Import kritischer Organismen untersagen können.

Das Zusammentreffen im Mai wird vor allem eines zeigen: Ob die Beteiligten in der Lage sind, sich über die Willensbekundungen hinaus auf völkerrechtlich verbindliche Beschlüsse einigen zu können. Und wie ernst es den Staaten ist, das vor sechs Jahren in Johannesburg beschlossene so genannte 2010-Ziel zu erreichen: das Verschwinden der Arten bis dahin zu stoppen oder zumindest erheblich zu verlangsamen. Viel Zeit bleibt also nicht mehr.

von Imke Rosebrock, erschienen in: "Das Parlament" mit der Beilage "Aus Politik und Zeitgeschichte"
© Deutscher Bundestag und Bundeszentrale für politische Bildung, 2008.


Style and the family tunes

Einordnungen – Vom Sammeln, Aufbewahren und Erkennen

Das Ding im Raum:
Warum der Schrank ein Werkzeug des Wissens ist, zeigt eine Ausstellung des Tübinger Universitätsmuseums mit Bildern von Candida Höfer und Simone Demandt.



Auf, zu, auf, zu. Die Welt der Wissenschaft ist bisweilen recht profan. Sicher, bahnbrechende Experimente, schlaue Überlegungen, scharfe Analysen, sie alle trugen ihren Teil dazu bei, dass der Mensch es irgendwie aus den Höhlen in die beheizte Stadtwohnung geschafft hat. Doch so wenig trivial dieser Prozess war, so unspektakulär war häufig das Handwerk, das den Menschen zu Fortschritt und Erkenntnis führte. Genau diesen Wegen der Wissensgewinnung widmet sich eine neue Riege von Kultur- und Wissenschaftshistorikern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, ein Bild der Wissenschaft aus der Perspektive ihrer Praktiken zu zeichnen. Anke te Heesen ist eine von ihnen. Ihr geht es um das Sammeln in den Wissenschaften, das Zusammentragen von Gegenständen und ihre Aufbewahrung, das Hantieren mit Objekten und das produktive Nachdenken darüber. Mit „auf/zu – der Schrank in den Wissenschaften“ konzipierte die Leiterin des Tübinger Universitätsmuseums nun eine Ausstellung mit Fotografien von Candida Höfer und Simone Demandt, die eine neue Sicht auf die Arbeit und das Umfeld des Wissenschaftlers als Sammler ermöglicht.

Die Welt ist ein Chaos. Überall liegt und läuft etwas herum, Tiere, Pflanzen, Steine, das, was schon immer da war, ebenso wie das, was der Mensch erst erschaffen hat. Dinge, die wir für unseren Alltag benötigen, die uns zum Grübeln bringen, oder die wir einfach nur gerne anschauen. Das Sammeln ist so etwas wie ein Versuch der Gegenwehr, ein Versuch, es mit dem Durcheinander aufzunehmen. Walter Benjamin hat es galanter ausgedrückt: „Der große Sammler wird ganz ursprünglich von der Verworrenheit, von der Zerstreutheit angerührt, in dem sich die Dinge in der Welt vorfinden.“

Sammeln, so eine andere Erklärung, lebe als Urtrieb im Menschen fort, auch wenn der Bewohner moderner Konsumgesell- schaften wohl nicht mehr wirklich darauf angewiesen ist, das eigene Überleben durch Beerensammeln zu sichern. So sind es eher Figuren aus Überraschungseiern, limitierte Sonderdrucke oder Kaffeetassen aller Genres, die der heutige Sammler glücklich und – je nach Gattung des zu Sammelnden – um einige Euro erleichtert von seinem Beutezug nach Hause trägt. In der Liebe zum Objekt unterscheidet sich der private Sammler vom wissenschaftlichen dabei nicht.

Wir ziehen aus, um die Dinge zu uns zu holen. Der Kunstsammler in die Galerien, der Wissenschaftler in den südamerikanischen Urwald, so wie Alexander von Humboldt, um Gesteinsproben und Mess-Ergebnisse zu sammeln. Wir dringen ein, in Höhlen, um nach lichtscheuen Lurchen zu suchen, selbst in den Körper des Menschen, um vielleicht einen bizarren Nierenstein zu finden und ihn hinterher in ein Glas legen zu können. Fingerabdrücke in früheren Zeiten, Gensequenzen heute. Katalogisieren, Ordnen, Vergleichen, Sortieren, Überschauen, damals mit Hilfe von Zetteln und Karteikästen, heute mit dem Computer. Das Sammeln war und ist, noch lange vor dem Experiment im Labor, die grundlegende Praxis des Forschers, ohne die es nicht denkbar wäre, Wissen über die Natur zu erlangen. Nicht das reine Anhäufen, die bloße Akkumulation der Dinge, sondern das In-Beziehung-Setzen der gesammelten Objekte ist es, was uns in der Erkenntnis weiterbringt. Denn im ständigen neuen Zusammenstellen der Sammlung erkennt man die Muster, Verwandtschaften, Ähnlichkeiten und Unterschiede, wird deutlich, wo noch Lücken bestehen und was noch zu suchen ist, kann man sich ein Bild machen von der Ordnung der Natur als Ganzes oder zumindest von jenem kleinen Ausschnitt, für den sich der Forscher interessiert.

Dabei waren es einst nicht nur Größen wie Charles Darwin oder eben Humboldt, die sich auf die mühselige und nicht selten gefahrvolle Reise machten, um die vielen Dinge, die an Berghängen, in Wüsten oder an Meeresküsten zu finden waren, einzusammeln und nach Hause zu bringen. So legten auch die vielen Naturforscher, die es nicht zum Lexikoneintrag geschafft haben, den Grundstein für die Bestände naturkundlicher Museen oder der Lehrsammlungen in den Universitäten. An Bord von Kriegs- und Handelsschiffen waren im 18. und 19. Jahrhundert häufig auch Gelehrte mit an Bord, die zum Beispiel als Schiffsarzt arbeiteten und zugleich im wissenschaftlichen Auftrag unterwegs waren. Sie sammelten unbekannte Pflanzen und exotische Tiere, und präparierten, zeichneten und katalogisierten sie noch in der engen Kajüte, bevor die Schätze aus der fremden Welt ins europäische Heimatland fuhren. Es war diese Arbeit, die in tausendfacher Wiederholung eine in Kisten verpackte Natur nach Europa brachte, mit der die Museen bestückt wurden oder die in den Regalen und Schränken von Universitätsinstituten landete, wo sie schließlich über die Zeit hinweg ihr jeweils eigenes Schicksal erfuhr: ausgestellt, aber eben auch verhökert, weggeworfen, von Motten befallen, zerbröselt, verschimmelt oder schlicht und einfach vergessen und verstaubt.

Sammeln ist eine Kulturtechnik, wie Lesen und Schreiben. Erst in jüngerer Zeit werden die wissenschaftlichen Sammlungen von Historikern in dieser Bedeutung wiederentdeckt. Das Berliner Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik ist dabei, die Bestände überhaupt erst einmal in ihrer Existenz und Vielfalt zu erfassen. An der Humboldt-Universität in Berlin allein gibt es etwa 30 Millionen Sammlungsobjekte, deutschlandweit sind zurzeit über 900 wissenschaftliche Sammlungen erfasst. Darunter beispielsweise das Berliner Phonogramm-Archiv, in dem zigtausende Aufnahmen mit traditioneller Musik und Sprachproben aus allen Regionen der Welt zusammengetragen sind. Einige dieser Tondokumente, aufgenommen zwischen etwa 1890 und den 1950ern, auf Schellack oder ins Wachs einer Edisonwalze eingeprägt, hat die UNESCO inzwischen in die Liste „Memory of the world“ aufgenommen. Das Verzeichnis dessen, was als des Sammelns würdig angesehen wurde, ist lang, es reicht von Abgüssen antiker Plastiken über Modelle von Landmaschinen aus der „Königlichen höheren landwirtschaftlichen Lehranstalt zu Poppelsdorf“ bis hin zu über 2000 Jahre alten Hufeisen und chinesischen „Hipposandalen“. Die Tatsache, dass bestimmte Dinge als überhaupt Sammelnswert gelten, während andere Objekte am Wegesrand liegen bleiben, zeigt, wo eine Gesellschaft in einer bestimmten Zeit steht.

Um die historischen und sozialen Zusammenhänge und das Wesen des wissenschaftlichen Arbeitens zu verdeutlichen, arbeiten kreative Kuratoren an neuen Ausstellungskonzepten, darunter eben auch die Tübinger Ausstellung „auf/zu – Der Schrank in den Wissenschaften“. In dieser geht es nicht darum, die schönsten Stücke vergangener Schatz- und Wunderkammern oder alte Laborinstrumente frisch poliert und neu herausgeputzt vorzuführen, um an die glorreiche Vergangenheit dieser oder jener Universität, an dieses oder jenes Forschergenie zu erinnern. Solche Ausstellungen sind zwar ein gutes Instrument, um auf die Wissenschaften und ihre Objekte aufmerksam zu machen. Doch wenn sie an verschiedenen Orten ständig neu aufgelegt werden, ist das Interesse irgendwann dahin und der Besucher lernt nichts mehr dazu. Kuratorin te Heesen verfolgt ein ganz anderes Konzept. Der Kultur- und Wissenschaftshistorikerin liegt nicht daran, das vermeintlich Höhere, Erhabene der Wissenschaften zu zeigen. In ihrer Ausstellung über das Sammeln in den Wissenschaften rückt das für Laien vermeintlich Nebensächliche, Unscheinbare in den Vordergrund: die Kästchen, Schränke und Zimmer, also jene Räumlichkeiten innerhalb einer Sammlung die – ähnlich dem Labortisch des Experimentators – die Orte der Wissenschaften sind, an welchen die Augenblicke der Wissensentstehung greifbar werden.

Im Gegensatz zu Science-Events und PR-Veranstaltungen, die mit Knöpfchendrückerei und Spaßlaboratorien im Vorbeigehen abzuhandeln sind, muss man sich für te Heesens Wissenschaftsausstellung Zeit nehmen, genauer hinschauen. Dann erkennt man, dass die scheinbare Banalität grundlegenden Anteil am Erkenntnisprozess des Menschen hat: „Das ständige Mobilisieren der Objekte, das heißt das Hineinlegen, das Herausnehmen aus dem Schrank, ist ein wesentlicher Moment für den Erkenntnisgewinn“, sagt Anke te Heesen, „und sei es nur, dass Sie eine Denkpause haben, die Sie wieder daran erinnern lässt, was vielleicht auch in einer anderen Schublade ruht. Sie legen es nebeneinander und plötzlich wird Ihnen klar, was die strukturelle oder auch die inhaltliche Gemeinsamkeit dieser Objekte ist.“

Das Gedächtnis für die Ordnung der Dinge im Raum, letztlich der Körper des Sammlers und sein Tastsinn als ordnendes Erkenntnisinstrument: „Wir wollen immer – und das ist eine Grundbedingung des Sammelns, in der sich der private Sammler nicht vom Wissenschaftler unterscheidet – etwas mit den Händen greifen können“, sagt te Heesen, „aller Digitalisierung und Virtualisierungstendenzen zum Trotz.“ Es geht jedoch nicht um die schiere „Fülle der Dingwelt und ihre Beziehungen untereinander“, so heißt es im zur Ausstellung erscheinenden Begleitband, sondern um den „Schrank als ein Teil der materiellen Kultur der Universität“, als ein „Werkzeug innerhalb eines sozialen Raumes“, der in der Universität vom Keller über die Laboratorien und Seminarzimmer bis hinauf zum Dachboden reicht.

Te Heesens Ausstellung lehrt, diese Werkzeuge erst einmal sehen zu lernen und erlaubt mit den Fotografien von Candida Höfer und Simone Demandt einen eigenständigen künstlerischen Zugang zum Thema. Regale mit aufgerollten Karten und mathematischen Modellen oder die Diasammlung der kulturwissenschaftlichen Fakultät – immer wieder anders fotografiert zeugen die Wissenschaftsschränke von dem ständigen Versuch des Forschers, die Verstreutheit der Dinge in Wissen umzuwandeln. Aber auch davon, was mit den Dingen und dem Wissen über sie geschieht, wenn die wissenschaftliche Karawane weiterzieht und das Gesammelte in Vergessenheit gerät. „Sie müssen eine Sammlung, genau wie jede digitale Datei, die Sie zur Datenspeicherung anlegen, immer wieder wie einen Garten pflegen. Sobald Sie das nicht mehr machen und der Schrank zu bleibt, liegt im Schrank der Beginn des Musealen.“

von Imerschienen in: Style and the family tunes / Style100 // Dezember 2007


Frankfurter Rundschau

Renaissance der Städte – Das Häuschen im Grünen verliert an Attraktivität / Urbanes Leben wird wieder schick - wenn es den Ansprüchen genügt

Millionen Menschen träumen vom eigenen Haus mit Garten. Warum eigentlich? Die Schwärmerei für die Natur kommt von der Unbewohnbarkeit der Städte, sagte Bertolt Brecht einmal. Ganz unrecht hatte der Dramatiker zu seiner Zeit wohl nicht....

Mit der fortschreitenden Industrialisierung wuchsen die Städte zu stinkenden, lärmenden Ballungszentren heran, die wenig Platz zur persönlichen Entfaltung oder Areale der Erholung boten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam für den Westen Deutschlands das Wirtschaftswunder, und seit den sechziger Jahren lautete für tausende Familien die Parole: Nichts wie raus – auf die grüne Wiese, rein in das neue Eigenheim. Mit der Wiedervereinigung folgten dann die neuen Bundesländer diesem Beispiel.

Doch selbst die angesagtesten Trends verlieren irgendwann an Schwung. Der Prozess der „Suburbanisierung“ verlangsamt sich seit Ende der neunziger Jahre. Folgt man den Einschätzungen zahlreicher Experten, stehen die Städte womöglich vor einer Renaissance. Seit 1998 lässt sich in vielen westdeutschen Kernstädten ein kontinuierlicher Bevölkerungszuwachs beobachten, heißt es im jüngst veröffentlichten Raumordnungsbericht des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung.

Im Osten Deutschlands, der generell zurückgehende Einwohnerzahlen verzeichnet, hat sich die Wanderung ins Umland nicht nur verlangsamt. Dort verlieren zunehmend die vor wenigen Jahren noch wachsenden Vorstädte Einwohner, während die Zahl der Stadtbewohner sich mancherorts stabilisieren hat.

Die Gründe für diese Entwicklung sind komplex und von Region zu Region durchaus verschieden. Ein Grund, warum der Trend wohl anhalten wird, gilt jedoch für die gesamte Republik: Die Zahl der Einwohner wird in den nächsten Jahrzehnten sinken. Der demographische Wandel ist ein wesentlicher Grund dafür, dass die Stadtflucht nachlässt. Denn die klassischen Häuslebauer, junge Familien mit Kindern, werden nach und nach zur Seltenheit in einem Land, in dem sich heute der so genannte Pillenknick aus den sechziger Jahren bemerkbar macht. Zunehmend erschweren auch die wirtschaftlichen Verhältnisse den Umzug ins Umland. Das erscheint paradox, wenn man bedenkt, dass es vor allem die günstigen Grundstückspreise waren, die den Traum vom eigenen Haus verwirklichen ließen. Zum Ende des 20. Jahrhunderts aber ist das Umland vor den Toren der Kernstädte längst zur städtischen Region geworden, die Immobilienpreise sind gestiegen.

Wer jetzt noch günstig bauen will, muss oft weg aufs Land ziehen und damit lange und zeitraubende Wege zur Arbeit in Kauf nehmen. Gleichzeitig steigen die Benzinpreise. Pendlerpauschale und Eigenheimzulage stehen auch auf der Kippe – und dabei ist es egal, welche Partei die nächsten Wahlen gewinnt. Selbst jene, die heute noch gut verdienen, wissen nicht, ob sie das in nächster Zukunft noch tun, oder die Hypothek für ein Eigenheim plötzlich den persönlichen Ruin bedeutet.

Die Städte könnten von dieser Entwicklung profitieren, nachdem sie lange Jahre die Verlierer des Suburbanisierungstrend waren. Mit den Gutverdienenden, die es sich leisten konnten, aus der Stadt wegzuziehen, ging den Kämmerern auch lohnende Steuerzahler verloren. Nach und nach wanderte überdies die Industrie aus den teuren Innenstädten ab. Gleichzeitig nutzten die Bewohnern der Umlandgemeinden die kostspieligen kulturellen und infrastrukturellen Einrichtungen der Zentren.

Doch die Zeiten ändern sich. Heute hat die Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft die Vorrangstellung von Industrie und Handwerk abgelöst und sorgt für neue Beschäftigungsmöglichkeiten, gerade in den Städten. Der Raumordnungsbericht des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung sieht überregionale Dienstleistungen wie Finanz- und Beratungsdienste, Medien und Tourismus als Wachstumsbranchen. Solche Jobs mit ungewöhnlichen Arbeitszeiten, in denen Flexibilität und Netzwerke wichtig sind, lassen innenstadtnahe Bereiche als Wohnort interessant werden. Das muss nicht nur für Yuppies gelten. Junge Familien, in denen beide Elternteile arbeiten, profitieren ebenfalls von einer städtischen Struktur, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Alleinerziehende, Singles oder Ältere stellen einen immer größeren Anteil der Bevölkerung, die Kultur und Kneipen ebenso schätzt wie gute Kinderbetreuung und kurze Wege.

Auch Zuwanderer aus dem Ausland zieht es in der Regel in die Städte. Entgegen früherer Szenarien, wonach nur jene bleiben würden, die zu arm sind um wegzuziehen, könnte die Zukunft der innerstädtischen Bevölkerungsstruktur ganz anders aussehen: ein Nebeneinander unterschiedlicher sozialer Schichten, Einkommenklassen und Altersstufen.

Die mögliche Renaissance der Städte sei jedoch kein Selbstläufer, warnen Stadtplaner. Um die Innenstädte wirklich wieder als Wohnort attraktiv zu machen, müsse vor allem die Wohnqualität verbessert werden. Die Quartiere aus der Gründerzeit mit ihren hübsch sanierten Altbauwohnungen und grünem Hinterhof sind nur begrenzt vorhanden und nicht für jeden erschwinglich. Es kommt darauf an, auch weniger ansprechende Flächen und Bauten in den Zentren wieder zu neuem Leben zu erwecken. Leer stehende Wohnsilos und Plattenbauten, Industriebrachen, stillgelegte Bahnflächen und verwaiste Militärgelände – hier bietet sich die Möglichkeit, durch Abbriss, Rückbau und Umwandlung neue Wohnkonzepte zu verwirklichen, die den Ansprüchen an eine zentrale Wohnlage, und ausreichend Grünanlagen gerecht werden. „Innenentwicklung“ nennen das die Experten. Alte Bestände umzuwandeln ist ein teures Unterfangen, es fordert viel Einsatz von Stadtplanern wie Investoren, ist aber aus ökologischer Perspektive sinnvoll. In Deutschland wächst die Siedlungs- und Verkehrsfläche um täglich etwa 105 Hektar (Stand 2003). Das sind umgerechnet 147 Fußballfelder, die jeden Tag an wertvoller Freifläche verloren gehen. Die rot-grüne Bundesregierung hat die Losung ausgerufen, bis 2020 diese Zahl auf 30 Hektar zu reduzieren. Ob das gelingen wird, ist fraglich. Denn trotz des langfristig zu erwartenden Bevölkerungsrückgangs in Deutschland rechnen Experten mit einem steigenden Flächenverbrauch.

Industrie und Dienstleistungsgewerbe brauchen pro Arbeitsplatz zunehmend mehr Fläche, und Verkehrswege werden ausgebaut. Überdies steigen die Ansprüche, die Menschen ans Wohnen stellen. Die Pro-Kopf-Wohnfläche liegt zurzeit bei etwa 40 Quadratmetern. Der Anspruch an die Baukultur dürfte steigen, wenn es nicht zuletzt darum geht, wenigstens ansatzweise die Individualität und relative Abgeschiedenheit eines freistehenden Einfamilienhaus auch in den Städten nachzuahmen.

Wachstum, Stagnation und Schrumpfung – je nach Region, ja teilweise je nach Stadtteil – finden gleichzeitig im Land statt. Sie werden in Zukunft die gesamte Gesellschaft ebenso wie einzelne Kommunen vor neue planerische Aufgaben stellen. Anteilig an der gesamten Siedlungs- und Beschäftigungsstruktur gewinnen in Ostdeutschland vor allem die Kernstädte wie Dresden, Potsdam oder Leipzig an Bedeutung. In den alten Ländern, die die Suburbanisierung nachhaltiger verändert hat, liegt die Hoffnung auf den Metropolregionen wie dem Rhein-Main-Gebiet oder dem Ballungsraum München. Sie sollen auf einem globalisierten Markt für die Wettbewerbsfähigkeit des Landes sorgen. Das könnte klappen, sagen Fachleute, wenn sich Stadt und Umland sich nicht länger Konkurrenz machen, sondern an einem Strang ziehen.

von Imke Rosebrock für Frankfurter Rundschau (10. August 2005)



Frankfurter Rundschau – Einmaleins für Kinder

In Deutschland herrscht Gewaltenteilung - dabei geht es nicht um Prügeleien, sondern um Macht

Gibt es in eurer Klasse auch jemanden, der immer alles bestimmen will? Ein Junge, der festlegt, welches Spiel ihr spielt und wie die Regeln dafür sind. Vielleicht motzt er rum und behauptet, ihr würdet euch nicht an die Spielregeln halten. Und am Ende bestimmt der Bursche auch noch, wer mitspielen darf und wer nicht....

Das kann ganz schön nerven, und manchmal fühlt man sich ungerecht behandelt. Jetzt stellt euch aber mal vor, so was passiert nicht nur auf dem Schulhof, sondern im ganzen Land. Ein König oder ein Herrscher könnte einfach allein alle Gesetze beschließen. Anschließend kontrolliert er, ob sich auch alle an die Gesetze halten. Und am Ende entscheidet er auch noch, ob jemand, der die Regeln verletzt hat, ins Gefängnis muss oder eine Strafe zahlt.

Das ist ganz schön viel Macht für eine einzelne Person. Damit kein Herrscher oder König allein alle Fäden in der Hand hat, gibt es einen Trick: Man teilt die Aufgaben auf verschiedene Gruppen auf, damit sie sich gegenseitig kontrollieren können.

In Deutschland ist das so geregelt. Die wichtigsten und mächtigsten Aufgaben, die ein demokratischer Staat hat, werden in drei Gruppen aufgeteilt: die drei Gewalten. Das Wort Gewalt hat in diesem Fall nichts mit Kratzen, Beißen oder Schlagen zu tun, sondern diese "Gewalt" ist nur eine andere Bezeichnung für "Macht" oder "Verantwortung". Die Aufteilung der Macht nennt sich daher Gewaltenteilung.

Das funktioniert so: Zum einen gibt es das Parlament. Dort sitzen Abgeordnete, die vom Volk gewählt worden sind und nun Gesetze beschließen. Also die Spielregeln festlegen, nach denen die Menschen im Land leben. Diese gesetzgebende Gewalt heißt auch lateinisch Legislative .

Ob die Gesetze richtig angewendet werden und ob sich alle an die Regeln halten, darauf hat das Parlament keinen Einfluss mehr. Dafür ist jetzt die zweite Gewalt zuständig. Zu der Gruppe - der Exekutive - gehören die Polizei, die Behörden und auch die Bundesregierung samt dem Kanzler.

Die dritte Gewalt, zu der man auch Judikative sagt, sind die Gerichte und Richter. Nur sie dürfen darüber entscheiden, ob jemand wirklich gegen ein Gesetz verstoßen hat und welche Strafe er für einen Gesetzesverstoß erhält. Niemand darf den Richtern bei ihrer Arbeit reinreden - nicht das Parlament, die Polizei oder die Regierung.

Wenn also an eurer Schule mal wieder jemand über alles bestimmen will, könnt ihr ja mal den Vorschlag machen, die Aufgaben aufzuteilen - damit alle Spaß haben.

von Imke Rosebrock für Frankfurter Rundschau (23. März 2005)