Alva Gehrmann
Alva Gehrmann  

Gesellschaft, Medien, Kinder, Reise

 

Alva Gehrmann, Jahrgang 1973, reist in die entlegenen Winkel Nordeuropas, um gesellschaftspolitische Geschichten und Reisereportagen zu schreiben. Sie erklärt, wie die Isländer durch die Krise ihre Natur neu entdecken, berichtet über den schwedischen Wohlfahrtsstaat und begleitete die lettische Präsidentin an Mittsommernacht.

 

Außerdem beschäftigt sie sich mit Medienthemen wie den Trends in der Comedyszene, gesellschaftlichen Zukunftsmodellen und erklärt jungen Lesern zum Beispiel, wo es heute noch Piraten gibt. Sie arbeitet u.a. für Tagesspiegel, Frankfurter Rundschau, DIE ZEIT, Financial Times, FAZ, Spiegel Online, Das Parlament, GEOSaison, mare, fluter.de und Deutsche Welle TV.

 

Gehrmann studierte Kunstgeschichte und Betriebswirtschaftslehre. Ihre journalistische Ausbildung hat sie an der Berliner Journalisten-Schule absolviert. Danach betreute sie gemeinsam mit Imke Rosebrock redaktionell die Politik-Erklärseite „Einmaleins“ der Frankfurter Rundschau; und war Textredakteurin bei GEOlino. Sie ist Co-Autorin des „Fischer Weltalmanach für Kinder“ und des Kindersachbuchs „Wem gehört die Antarktis?“ (Beltz & Gelberg).

 

Am 1. Juni 2011 ist bei dtv ihr Sachbuch "Alles ganz Isi - Isländische Lebenskunst für Anfänger und Fortgeschrittene" erschienen.

http://www.dtv.de/buecher/alles_ganz_isi_24874.html

 

 

E-Mail: gehrmann(at)freieredaktion(dott)de

 

Arbeitsproben


 

Der Tagesspiegel – Wie uns die Zeiten ändern

Draumalandið erwacht – Das kleine Island, krisengeschüttelt und pleite, entdeckt etwas Wundersames: seine Natur

Der Wind pfeift lautstark um den Jeep und lässt ihn leicht hin- und herschaukeln. Man könnte jetzt auch gemütlich in einem der vielen hübschen Cafés sitzen, doch die isländische Gesprächspartnerin will etwas Privates erzählen. Da hier in Reykjavík jeder jeden kennt, ist das Auto der einzige Ort, an dem garantiert kein anderer zuhört. Und so hockt sie am Rande der isländischen Hauptstadt auf einem Parkplatz in ihrem total überhitzten Wagen, bietet auf einem Plastikteller mitgebrachten Möhrenkuchen an, der mit Plastikbesteck gegessen wird. Dazu gibt es Kaffee aus Plastikbechern.

Da sie beim Erzählen viel raucht, kurbelt sie zwischendurch das Fenster herunter, zwecks Frischluftzufuhr. Das Ergebnis des einstündigen Treffens: viel Plastikmüll, verqualmte Klamotten, Schnupfen – und ihr privates Geheimnis. Man hätte auch am Strand spazieren gehen können, in dicke Klamotten gehüllt, die frische Brise um die Ohren, den Blick auf die raue See, doch das ist nicht so ihr Ding – offensichtlich auch nicht das vieler anderer: Auf dem Parkplatz stehen an diesem Nachmittag viele vollbesetzte Geländewagen.

Jeeps sind auf der Vulkaninsel im fernen Nordatlantik das Symbol für den Triumph über die widrige Natur, die so viele Jahrhunderte das Leben der Menschen bestimmte, sie in die Schranken wies. Heute können sie mit ihren Monsterjeeps auf Gletscher fahren oder Flüsse durchfurten. In Reykjavík sehen die riesigen Karosserien deplatziert aus, verwundern tun sie aber nur Touristen. Die Isländer sind autoverrückt, die Pkw-Dichte ist größer als in Deutschland.

Ökologische Bedenken hatte die Mehrheit der Bevölkerung bisher nicht. Warum auch? Die unberührte Natur schien endlos zu sein: Nur 15 Minuten Autofahrt, schon säumen moosbewachsene Lavafelder und grüne Wiesen den Straßenrand, türmen sich in der Ferne Gletscher und Berge auf, aus jedem Fluss kann man unbesorgt trinken. Zum Natur- Repertoire zählen Vulkane, Geysire und riesige Wasserfälle.

Erdwärme und Wasserkraft sind auch die Grundlage für den Energiereichtum Islands. Bereits in den 1940er Jahren baute man das geothermische Heizsystem auf. Fast alle Häuser werden durch heißes Wasser geheizt, 90 Prozent des Energiebedarfs werden von Wasserkraftwerken produziert. Grüne Energie, die nicht die Luft verpestet. Selbst entlegene Dörfer können sich dank der Hitze aus dem vulkanischen Untergrund Schwimmbäder leisten.

Die Isländer haben saubere Energie im Überfluss, und so nutzen sie sie auch! Neben den USA steht das Inselvolk beim Energieverbrauch an der Weltspitze. Sein Konsum ist alles andere als nachhaltig: Das sieht man beim Spaziergang über die Straße Laugavegur, Reykjavíks Flaniermeile. Im Schritttempo rollen die spritfressenden Jeeps durch, ihre Cola trinken die Leute aus Dosen, im Supermarkt ist selbst das Gemüse in Plastiktüten abgepackt. Recycling gibt es zwar, ökologisches Verhalten wird aber noch immer belächelt: Auch in der Sitcom „Næturvaktin“ (Nachtschicht) ist der Antiheld ein griesgrämiger Öko-Hippie, der zum Nachtdienst an der Tankstelle mit dem Fahrrad fährt, dort selbstgemachte Tofu- Brote verkauft und aus den Mülleimern Pfanddosen fischt.

Es heißt, erst, wenn man selbst betroffen ist oder die Umweltbedrohung mit den eigenen Augen sieht, ändere sich das Bewusstsein: So scheint es auch bei den Isländern zu sein. Mit Tränen in den Augen verließen Anfang April einige Besucher das Háskólabíó, Reykjavíks größtes Kino, wo Andri Snær Magnasons Film „Draumalandið“, Traumland, seine Premiere hatte. Die Dokumentation berichtet über Islands Schwerindustrie und zeigt den ökologische Raubbau an der vermeintlich endlosen Natur.

Fast drei Jahre arbeitete Andri Snær am Film, der das Follow-up seines gleichnamigen Buches ist, das den verheißungsvollen Untertitel „Selbsthilfebuch für eine verängstigte Nation“ trägt und 2006 für Furore sorgte. Zentrum seiner Kritik ist Europas größtes Staudammprojekt, das bis Herbst 2006 im Osten Islands in ein unberührtes Naturgebiet gebaut wurde: Der Kárahnjúkar-Staudamm ist ein Koloss von 195 Metern Höhe, der sogar den Drei-Schluchten-Damm in China um einige Meter überragt. Das dazugehörige Kraftwerk erzeugt Strom, nicht etwa für die Isländer, sondern für die Aluminiumschmelze des US-Konzerns Alcoa, die im 50 Kilometer entfernten Hafenort Reyðarfjörður steht.

Der Energiereichtum – er ist Segen und Fluch zugleich. Zwar sprudeln überall im Land die Quellen, aber Erdwärme und Wasserkraft kann man nicht wie Erdöl in Tanker füllen und in andere Länder exportieren. Also müssen die Isländer ihre Energie vor Ort nutzbar machen. Ausländische Investoren wie Alcoa locken vor allem die günstigen Energiepreise, denn bei der Herstellung von Aluminium macht Strom einen Großteil der Kosten aus. Die nächste Schmelze ist trotz sinkender Alu-Preise längst geplant.

„Es ist so traurig, dass viele Menschen diese wunderbare Natur gar nicht kennen, die jetzt zerstört wurde“, sagt der 35-jährige Vater von vier Kindern kurz nach der Premiere. Andri Snær hofft, mit seinem Film die Leute wachrütteln zu können. Die Doku zeigt, wie für das Kárahnjúkar-Projekt über 57 Quadratkilometer Natur unter den Wassermassen verschwanden – Moore, Heidelandschaften und die Nester der Kurzschnabelgänse. Das Premierenpublikum im überfüllten Saal wirkte fassungslos, wütend und lachte, als die damalige Industrieministerin Valgerður Sverrisdóttir in einer Szene sagt, dass für sie mit dem Staudamm ein Traum in Erfüllung gegangen sei.

„Draumalandið“ lässt die Politiker nicht gut dastehen. Populär sind sie im krisengeschüttelten Island ohnehin nicht. Dass kaum einer zur Filmpremiere kam, lag aber daran, dass zur selben Zeit im Parlament eine Sitzung lief. Stattdessen zeigten sich Staatspräsident Ólafur Ragnar Grímsson und seine beliebte Vorgängerin Vigdís Finnbogadóttir. In einem Land mit knapp 320 000 Einwohnern, in dem sich jeder duzt, ist die Anwesenheit des Präsidenten nichts Ungewöhnliches und trotzdem eine Anerkennung.

Die ehemalige Präsidentin setzte auch im September 2006 ein wichtiges Zeichen, als sie bei einer Demonstration gegen den Kárahnjúkar-Staudamm in der ersten Reihe mitmarschierte – 3000 Menschen liefen mit Vigdís durch Reykjavík. 3000 klingt nicht viel, doch zu dieser Zeit waren öffentliche Proteste absolut unüblich. Es war, als würde man gegen seine eigene Familie demonstrieren. Schließlich sind alle irgendwie miteinander verwandt. Umso bemerkenswerter waren die martialischen Spruchbänder über die Industrieministerin: „Ertränkt Valgerður, nicht das Hochland“.

„Die Demonstrationen gegen den Staudamm haben den Grundstein für die heutigen Proteste zur Finanzkrise gelegt“, sagt Ósk Vilhjálmsdóttir. Die dreifache Mutter und Künstlerin engagiert sich seit Ende der 1990er Jahre für den Umweltschutz, gründete Umweltinitiativen, half bei der Organisation der Staudamm-Proteste. Sie nahm sogar an Kursen ausländischer Aktivisten teil, die den Isländern das richtige Demonstrieren beibringen sollten: Spucke keine Polizisten an, beleidige sie nie, denn sie machen ja nur ihren Job. Und wer weiß, vielleicht denken sie privat genauso wie du. Die 46-Jährige lebt mit ihrem Mann und den Kindern in einer kleinen Seitenstraße, das alte Holzhaus ist mit Wellblech verkleidet. Man wähnt sich auf dem Dorf und ist doch nur zwei Straßen von der Flaniermeile Laugavegur entfernt – mitten im Zentrum Reykjavíks. Ósk setzt Kaffee auf. Die schlanke Frau mit den langen, blonden Haaren trägt einen Pulli aus Schafswolle.

„Durch den Staudamm hat sich vieles geändert“, sagt sie. Kein anderes Projekt war bisher so umstritten, die Menschen fühlten sich zudem überrumpelt, da es zwischen den Wirren eines Regierungswechsels im Stillen beschlossen wurde. „Vigdís und andere Stars sind sehr wichtig für die Protestbewegung.“ Durch sie wird aus der kleinen kritischen Masse langsam eine breite Öffentlichkeit: Auch Weltstar Björk, die sich früher mit politischen Statements zurückhielt, steht heute an vorderster Front der ökologischen Bewegung. Bereits Anfang 2006 war sie bei einem Protestkonzert dabei, im Juni 2008 organisiert sie ihr eigenes: „Náttúra“, Natur.

Gemeinsam mit der Band Sigur Rós trat Björk auf einer Wiese in der Hauptstadt auf: 30 000 Besucher, also rund ein Zehntel der Bevölkerung, kamen zum kostenlosen Konzert. Bei schönstem Sonnenschein traf sich „Familie Island“, trank Bier und Cola, aß Hotdogs und genoss die heimischen Bands. Björks lautstarkes Engagement geht über Konzerte hinaus: Sie gründete eine Initiative, die nachhaltige Start-ups fördert. Knapp eine Woche nach dem Finanzcrash, im Oktober 2008, sagte sie auf einem Workshop: „Ich denke, dass es in diesen Zeiten wichtig ist, die Menschen daran zu erinnern, den Reichtum ihrer Natur nicht in der gleichen Weise auszubeuten, wie sie es mit dem ökonomischen Wohlstand getan haben.“ Schon früher meinte Björk, sie sei so patriotisch, dass es schmerze.

Vollen Körpereinsatz zeigte Anfang des 20. Jahrhunderts auch Sigríður Tómasdóttir, sie war eine der ersten und stursten Umweltschützerinnen. Als eine britische Firma plante, das Gelände rund um den riesigen Wasserfall Gullfoss zu kaufen, um dort einen Staudamm und ein Kraftwerk zu errichten, drohte Sigríður, sich in die tosenden Fluten des Wasserfalls zu stürzen. Der Staat kaufte schließlich das Gebiet, heute ist der Gullfoss ein beliebtes Fotomotiv bei Touristen.

Es wäre also nicht fair zu behaupten, die Isländer entdeckten erst jetzt ihr ökologisches Gewissen – sie entdecken es wieder. Auch Halldór Laxness, der isländische Literatur-Nobelpreisträger, warnte vor fast 40 Jahren in seinem Artikel „Krieg gegen das Land“ vor dem Raubbau an der Natur. Doch damals fand er nur wenig Gehör. Das Land wollte – und will – sorglos konsumieren, Gewinne machen, sich schick einrichten, dicke Jeeps fahren. Daran hat sich nichts geändert.

Alles auf Pump, denn Kredite erhielt so gut wie jeder. Dann kam der 6. Oktober 2008, der Crash. Schon die Monate davor sank die Isländische Krone, doch so richtig ernst haben das viele nicht genommen. Ósk und ihre Freunde machten sich viele Gedanken – und wurden belächelt. Als sie ab 2003 mehrtägige Wandertouren in die bedrohten Gebiete anboten, bei dernen auch der Lebensraum wilder Gänse und Rentiere erkundet wurde, sagten

Tourismusexperten zu ihnen: Warum macht ihr das? In ein paar Jahren ist die Region sowieso überflutet. Das rechnet sich nicht! Doch darum ging es den Umweltschützern, die heute mit ihrer Firma „Hálendisferðir“ verschiedene alternative Wandertouren anbieten, auch nicht: Sie wollten auf die Region aufmerksam machen. Fast 1000 Leute wanderten mit ihnen bis September 2006 dorthin – Ósk war als eine der Letzten vor Ort. Unmittelbar danach wurde die Brücke, die Verbindung zu Kárahnjúkar, abgerissen. „Es war ein sonniger Herbsttag und die Moospflanzen blühten“, erzählt sie. „Die Erde glühte förmlich, es war seltsam still.“

Auch Yrsa Sigurðardóttir liebte die dortige Ruhe. Nur dass sie auf der anderen Seite stand: Yrsa war leitende Ingenieurin des Kárahnjúkar-Staudammes. „Natürlich wissen wir, die an dem Projekt gearbeitet haben, dass da Dinge verloren gegangen sind. Aber wir glauben, dass mehr gewonnen wurde.“ Lange Zeit suchten die Menschen in der abgelegenen Region Ostislands nach Jobmöglichkeiten. „Jetzt haben immerhin rund 700 Leute eine Arbeit“, sagt die Ingenieurin. 450 direkt im Kraftwerk, 250 bei Zulieferfirmen. Die meisten seien Isländer, anders als noch beim Bau des Dammes – wo vor allem Chinesen zu niedrigeren Löhnen arbeiteten. „Das Thema ist, wie Religion, eine Glaubensfrage.“ Ihre Familie und Freunde kritisierten die 46-Jährige jedenfalls nicht. Die breite Masse, da ist sich Yrsa sicher, stehe noch immer hinter dem Staudammprojekt.

Die Frage bleibt: Wie viel Natur darf für wirtschaftliche Interessen geopfert werden? Wenn es nach der jetzigen Regierung geht, die aus einer Koalition der Sozialdemokratischen Allianz und der Linken/Grünen besteht und Umfragen zufolge am heutigen Samstag vermutlich wiedergewählt wird, könnte es schon bald mit den nächsten Energieprojekten unter Beteiligung ausländischer Investoren weitergehen. Außenminister Össur Skarphéðinsson, der auch Industrieminister ist, warb zuletzt am Rande des Nato-Treffens im Gespräch mit dem US-Präsidenten Barack Obama für seine Green Energy. Island ein sauberes Energieland?

Ósk findet das nicht. Zumindest nicht, wenn man Alu-Schmelzen baut und nun sogar diskutiert wird, Bohrlizenzen für Erdöl zu verkaufen, das vor der Küste entdeckt wurde. Die Umweltschützerin hat sogar ihre Scheu vor der Politik abgelegt und ist, gemeinsam mit rund 20 Freunden, Mitglied der sozialdemokratischen Regierungspartei geworden. „In Krisenzeiten experimentiert der Wähler nicht, also planen wir eine Revolution von innen“, sagt sie. Bei der letzten Landesvertretung konnten sie einige Umweltaspekte auf die Tagesordnung bringen und durchsetzen.

Die Krise ist für viele die Chance, gleich eine neue Gesellschaft zu gestalten – einen Paradigmenwechsel zu schaffen. Die Gründer von „Vatnavinir“ (Wasserfreunde) etwa wollen das wertvolle Wasser nutzen, um ein nachhaltiges „Wellness Country Iceland“ zu entwickeln. Wie schon die Blaue Lagune, ein bläulich schimmernder See aus geothermalem Wasser, könnten die natürlichen heißen Quellen und Schwimmbäder auf dem Land Spa-Liebhaber anlocken. Derzeit prüfen die Macher, zu denen Architekten, Philosophen und Desiger zählen, gemeinsam mit Universitäten und Leuten vor Ort das Potenzial. Andere, die ihre Jobs verloren haben, wollen als Naturguide arbeiten oder fangen an, sich in Strick-Clubs zu treffen: Dort fertigen sie aus ökologisch hergestellter Schafswolle dicke Pullis.

Auf die Jeeps wollen die meisten nicht verzichten, obwohl auch sie längst Gegenstand des Spottes geworden sind. Auf einer isländischen Satire-Website steht diese fiktive Anzeige: „Zu verkaufen! Goldener Range Rover, einen Monat alt, 200 Meter gefahren. Jetzt zu haben – im Austausch gegen Essen!“

Erschienen am 25. April 2009.



 

Der Tagesspiegel – Wie uns die Zeiten ändern

Der Cyberstaat – Seit dem 13. Jahrhundert war Estland fremdbestimmt. Seit 16 Jahren ist es unabhängig. Und nun boomt es und boomt und boomt.

Sein Auftritt ist James-Bond-würdig. Rasant gleitet Jaan Manitski mit dem Motorboot übers Meer, er kommt gerade von der kleinen Insel Mohni. Mehr als 1500 Inseln gibt es in Estland, diese ist sein Eigentum. Schon von weitem winkt er dem Gast zu. Am Jachthafen des Fischerdorfes Viinistu springt er aus dem Boot, hilft seinen befreundeten Mitfahrern hinaus. Schreitet wie ein Model über den Pier, streicht sich noch einmal durchs Haar und ruft dann: „Willkommen am Ende der Welt!“

Die Bucht von Viinistu ist die nördlichste Spitze Estlands und damit nach Jaan Manitskis Definition nicht nur geografisch das Ende der Welt, sondern auch, was Zivilisation und Kultur angeht. Er zeigt aufs Meer. „Dahinter“, sagt der 65-Jährige, „dahinter ist nur noch Finnland.“ Jeder in Estland kennt Manitski: In den 70er Jahren war er Finanzmanager der schwedischen Popband ABBA, ab 1992 Außenminister Estlands und später Chef der estnischen Treuhandanstalt. Seit Mitte der 90er Jahre investiert er Teile seines Millionenvermögens darin, sein Heimatdorf Viinistu zu retten. Dafür ließ er die brachliegenden Hallen der ehemaligen Fischereikolchose zu einem Kulturkomplex umbauen. 30.000 Besucher kamen diesen Sommer schon in das entlegene Dorf.

Natürlich verfügt nicht jeder in Estland über so viel Kapital wie Manitski, dennoch boomt das Land am vermeintlichen Ende der Welt: Der kleine Staat wird als „baltisches Hongkong“ und die „westlichste Republik Osteuropas“ gefeiert. Wirtschaftswachstumsraten in zweistelliger Höhe, Lohn- und Einkommensteuern von gerade mal 22 Prozent, es gibt mehr Mobiltelefone als Einwohner, Parkgebühren können per SMS bezahlt werden, jeder Bürger hat per Gesetz das Recht auf kostenlosen Zugang zum Internet, und im März konnten die Esten als weltweit erste Nation bei den landesweiten Parlamentswahlen ihre Stimme online abgeben.

In E-Estland, wie sie ihr elektronisch geprägtes Land nennen, existieren fast so viele Jungunternehmer wie Inseln und etliche zielstrebige Politiker wie Urmas Paet. Der 33-Jährige ist seit 2005 Außenminister und war zuvor schon Kulturminister. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Unabhängigkeit Estlands 1991 boten besonders der jungen Generation eine Chance: Die alten Regeln galten nicht mehr, alles fing bei null an. Also probierten sie sich aus, gingen ihren eigenen Weg. Auch 16 Jahre später scheint in diesem Land alles möglich zu sein. Zumindest sind die Esten sehr geschickt darin, ihr modernes Image im Ausland zu vermarkten. Erst vergangene Woche kürte „Der Spiegel“ die estnische Hauptstadt Tallinn neben Dublin und Kopenhagen zu einer der „coolsten Städte Europas“.

Tallinn – die alte Hansestadt gilt als heißeste Partymeile und Metropole voller Schönheiten. Nun, im August, flanieren viele Estinnen in gewagten Hot Pants und High Heels über die engen kopfsteingepflasterten Gassen der Altstadt und könnten dabei glatt als jüngere Schwestern der US-Stilikone Gwen Stefani durchgehen. Die schönen Estinnen lockten Mitte der 90er auch Sextouristen hierher, seit dem 21. Jahrhundert kommen die Skandinavier und Briten vor allem wegen des günstigen Biers und Wodkas. Letzterer wird in Tallinns Supermärkten sogar im praktischen Zweiliter-Tetrapack verkauft. Doch nun, da mit dem estnischen Wirtschaftsaufschwung die Preise steigen, ziehen die sogenannten „Wodkatouristen“ weiter zur nächsten, billigeren Partycity.

Der Stadt Tallinn ist das nur recht. Schließlich orientiert sich das Tourismus-Department in Richtung Kultur: Neben der Hanse, die in der Altstadt durch Restaurants und mittelalterliche Märkte lebendig gehalten wird, wirbt Tallinn mit seinen Kirchen, den prächtigen Parks im Viertel Kadriorg und dem 2006 eröffneten Kunstmuseum „Kumu“. Neue Fünf-Sterne-Hotels wie das Telegraaf, im ehemaligen Telegrafenamt, sollen ebenfalls zeigen, wohin die Reise der Europäischen Kulturhauptstadt 2011 geht.

Während sich das Tallinner Volk wie seit Jahrhunderten in der Unterstadt tummelt, wird die Politik hoch oben auf Toompea, dem Domberg, betrieben. Unweit des Parlaments liegt in der verwinkelten Gasse Rahukohtu tänav das Stenbock- Haus. 1792 ließ der schwedische Adlige Jakob Pontus Stenbock es als Gericht bauen, heute ist es der Amtssitz von Premierminister Andrus Ansip. Die knarrenden Holzfußböden und hohen Säle verleihen dem Haus eine besondere Würde. Im größten Saal des Westflügels werden die Kabinettssitzungen abgehalten. Auf dem Tisch von Ansip liegt ein Holzhammer, wie man ihn aus Gerichtssälen kennt. Wenn das Kabinett etwas beschließt, schlägt er damit auf den Tisch. Ansonsten ist der Saal mit neuester Technik ausgestattet, ganz im Sinne E-Estlands. 2000 war es das weltweit erste Land, das seine Kabinettssitzungen online abhielt.

Seitdem hocken die Minister an Sitzungstagen nicht mehr vor Aktenbergen, sondern vor ihren Bildschirmen. Schneller, effektiver, transparenter und günstiger – das sind die Schlagwörter, die zu E-Government immer wieder zu hören sind. „Durch unsere E-Kabinettssitzungen sparen wir pro Jahr fast 200.000 Euro an Papier- und Kopierkosten“, sagt Aivar Rahno, der Direktor der Abteilung Regierungssitzungen im Stenbock-Haus. Er führt den Gast durch den Kabinettssaal und fährt zur Erläuterung des Systems einen Laptop hoch.

Jeden Dienstag treffen sich der Premier und seine Minister hier, um zum Beispiel über neue Gesetzesentwürfe zu diskutieren. Im internen Computersystem sind alle Dokumente hinterlegt, meist haben die Minister vorab schon ihre Kommentare dazu verfasst. So ist jeder genau informiert – lange, zeitraubende Diskussionen finden kaum noch statt. Abgestimmt wird per Mausklick. „Ist ein Minister gerade im Ausland, kann er trotzdem per Laptop an der Sitzung teilnehmen.“ Die Registrierung erfolgt mit der ID-Card, die in den Rechner geschoben wird und so die digitale Signatur ermöglicht.

Rahno wendet sich vom Laptop ab und öffnet die Terrassentür. „Wenn Sie schon mal hier sind, sollten Sie die einmalige Aussicht genießen“, sagt er. Von der Terrasse im Stenbock-Haus blickt man über die Stadt und auf das Westmeer – wie die Ostsee hier genannt wird. Bei gutem Wetter soll in der Ferne Finnland zu sehen sein. Gerade mal 85 Kilometer ist Helsinki von Tallinn entfernt. Die Finnen und Esten verbindet seit jeher eine enge Freundschaft: beide Sprachen sind finno-ugrischer Abstammung, ihre Kulturen ähneln sich, und selbst die Melodie der Nationalhymnen ist identisch. Auch zu Sowjetzeiten konnten die Esten finnisches Fernsehen empfangen und hatten so ihr Fenster zur freien Welt. Nach 1991 waren die Nachbarn genau wie die Schweden Vorbild und Förderer.

Sie investierten in den Aufbau der Infrastruktur. Denn die gab es Anfang der 90er Jahre kaum: sowohl, was das Bankwesen, als auch, was die Telekommunikation betrifft. Natürlich engagierten sich die Finnen nicht völlig uneigennützig. In Estland konnte einfach günstiger produziert werden, Nokia etwa lässt hier Teile seiner elektronischen Produkte herstellen. Inzwischen kaufen die finanzstarken Esten auch finnische Firmen auf – wie die große Fährlinie Tallink.

Nicht nur die estnische Regierung ist vernetzt, seit 2000 sind alle Schulen online, und im ganzen Land gibt es mehr als 700 öffentliche Internetpunkte, etwa in Bibliotheken – selbst in strukturell schwächeren Regionen wie im Osten Estlands entlang des Peipus-Sees. Viele der meist russischstämmigen Bewohner leben dort noch in uralten Holzhäusern, doch auch in diesen Dörfern stehen am Straßenrand die Hinweisschilder mit dem @-Zeichen. Die Frage ist nur, ob die alten Mütterchen, deren Umfeld eher an die Zarenzeit erinnert, diese Möglichkeit tatsächlich nutzen. Denn: So sehr das Land seinen E-Hype pflegt, nicht jeder kommt mit.

Dennoch sollen 2005 bereits 82 Prozent der Bürger ihre Steuererklärung online abgegeben haben. Bestätigt wird sie mit der ID-Karte, die in vielen Bereichen den Personalausweis ersetzt. In kleinen Gesellschaften wie Estland mit gerade mal 1,35 Millionen Bürgern ist so eine digitale Umwälzung sicherlich leichter zu bewerkstelligen, doch die jungen Esten sind auch technikaffin. So verwundert es nicht, dass die Internet-Telefonfirma Skype, die ihr Hauptquartier zwar in Luxemburg hat, ihre Entwicklungsabteilung nach Estland verlegte. Die moderne Technologie kam dem vernetzten Land auch während der Krawalle um die Umsetzung des sowjetischen Kriegerdenkmales im April zur Hilfe. „Bitte verlassen Sie nicht das Haus. Bleiben Sie ruhig und lassen Sie sich nicht provozieren“, schrieb die estnische Regierung ihren Bürgern per SMS am frühen Abend des 27. April, dem Tag nach den ersten Ausschreitungen. Eine ähnliche Bitte versendete sie per E-Mail.

Kaum ein Thema löst bei den sonst eher stoischen und zurückhaltenden Esten so viele Emotionen aus wie die Ereignisse vom 26. und 27. April 2007. An diesen Tagen begann die Polizei am Rande von Tallinns Altstadt mit der Versetzung eines sowjetischen Kriegerdenkmales. Bereits im Vorfeld hatte der russische Präsident Wladimir Putin persönlich gedroht, die diplomatischen Beziehungen seien in ernsthafter Gefahr, wenn die Esten das Monument verlegen würden. Und so wurde der Abbau vor allem von jungen, russischen Demonstranten begleitet. Die Polizei ahnte, dass es zu Krawallen kommen könnte, am Abend kreisten Hubschrauber über das Gelände, und dennoch waren sie nicht auf das Ausmaß der Gewalt vorbereitet. In der Nacht eskalierte die Demonstration: Ein Russe starb, hunderte Demonstranten wurden verletzt und verhaftet, betrunkene – meist russischstämmige – Jugendliche plünderten Dutzende Geschäfte. Zigaretten, Alkohol, Boss-Anzüge oder sogar Blumen nahmen sie mit.

In diesen Aprilnächten wurde Tallinn, die sonst so liebliche Stadt mit ihrem mittelalterlichen Wehrtürmen und dem wilden Partyleben, zur Krisenregion. Tagsüber machten die Esten einfach weiter. Die Buchhandlung „Kehrwieder“ öffnete trotz zerschlagener Fensterscheiben, nach dem Motto: Nie wieder lassen wir uns von Russen abhalten. Die Esten sind Patrioten. Seit der Unabhängigkeit wird in Tallinn jeden Morgen bei Sonnenaufgang hoch oben auf Toompea am estnischen Parlament die Flagge gehisst. Dabei erklingt aus großen Lautsprechern die Nationalhymne.

Nach einigen Wochen beruhigte sich die Lage wieder: Die Polizei habe wie Berserker auf die Demonstranten eingeschlagen und so die Wut geschürt, sagen die einen. Die anderen sind sich sicher, dass Moskau die Unruhen in Auftrag gegeben hat und auch hinter der Cyberattack steht, die Estland später kurzzeitig lahmlegte. Der Umgang mit der sowjetischen Vergangenheit erhitzt die Gemüter bis heute. Immer noch machen die Russen (26 Prozent), Ukrainer und Weißrussen fast ein Drittel der estnischen Bevölkerung aus. Viele sind Nachfahren in der Sowjetzeit angesiedelter Russen. Der Staat versucht sie zu integrieren, doch das gelingt nur teilweise. Auch im prosperierenden Estland gibt es Verlierer.

Jaan Manitski findet, dass sich sein Nachfolger als Außenminister, Urmas Paet, und die gesamte Regierung während der Krawalle richtig verhalten haben. „Es kann doch nicht sein, dass viele der Russen sich nicht integrieren wollen. Und unsere Sprache nicht lernen wollen.“ Wie an nahezu jedem Ort Estlands hat die mehr als fünfzig Jahre währende russische Okkupation auch in seinem Heimatdorf Spuren hinterlassen. Über 500 Menschen lebten einst in Viinistu, das 70 Kilometer nordöstlich von Tallinn und mitten im Lahemaa-Nationalpark liegt. Heute sind es noch 150. Etliche Anwohner starben während des Zweiten Weltkrieges, weitere flüchteten – wie Manitskis Familie 1943 – vor der Roten Armee oder wurden nach Sibirien verschleppt. Zu Sowjetzeiten war der ganze Nationalpark Sperrgebiet, Zutritt hatten nur Anwohner und Esten mit Sondergenehmigungen. Um eine Flucht übers Meer ins nahe gelegene Finnland zu verhindern, patrouillierten an den Stränden Soldaten. Wenn es dunkel wurde, kontrollierten sie mit riesigen Scheinwerfern das Geschehen am Strand. Jeder Fußabdruck war potenziell verdächtig.


Was eine alte Dame aus Viinistu in den 80er Jahren zu einem Scherz trieb. Im Winter, wenn die Ostsee an den Küsten über mehrere Monate zugefroren ist, bohren sich die Esten zum Eisfischen ein Loch ins Meer. Besagte Dame tat dies ebenfalls, nur dass sie einmal in genau denselben Spuren wieder zurückging, die sie beim Hinauslaufen auf das vereiste Meer hinterlassen hatte. So sah es aus, als wäre jemand durch das Eisloch geflüchtet. Die Sowjets untersuchten den Fall tagelang, irgendwann gaben sie auf.

Manitski liebt diese Anekdote und erinnert sich an seinen Job als Außenminister. „Während meiner Amtszeit haben wir den Abzug der russischen Truppen geregelt.“ Als 1993 Wahlen anstanden, bot ihm Präsident Lennart Meri einen weiteren Posten an, doch Manitski hatte längst neue Bestimmungen gefunden. Unter anderem wollte er Viinistu helfen. Nicht nur die Fischereikolchose lag brach, auch der Dorfladen musste schließen. Also ließ er den Kulturkomplex bauen, zu dem heute neben seinem „Kunstimuuseum“ mit der größten privaten Sammlung estnischer Kunst auch noch ein 100-Betten-Hotel mit Restaurant und Kongresszentrum, Tennisplätze und eine Freilichtbühne zählen. 30 Jobs schuf der Este so.

Viinistu mit seinen frisch gestrichenen Holzhäusern, die hier meist als Sommersitze dienen, erinnert an die alten Epochen. So modern die Esten auch sein mögen, ihr Volksglauben hat sich über all die Zeit bewahrt. Viele geben sich bis heute nicht über der Türschwelle die Hand, weil sie fürchten, sonst Feinde zu werden. Junge Estinnen stellen ihre Handtasche nicht auf den Boden, da sonst das Geld wegläuft, und im Haus pfeifen viele nicht, weil es sonst abbrennen könnte.

Jaan Manitski selbst glaubt nur bedingt an all diese Regeln, doch am Ende des Abends will er noch einen besonderen Stein zeigen, vielmehr ist es ein riesiger Findling. Bei Sonnenuntergang spaziert er zum Strand, Hunderte der rund geformten Steine liegen entlang der Küste. „Hinter diesem Findling werden die Babys geholt“, sagt er. Auch seine Mutter ging hierher, um den kleinen Jaan abzuholen. „Ich bin der Mann, der hinter dem Stein hervorkam.“

01.September 2007

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Der Tagesspiegel – Sonntag Magazin

Jenseits von Gut und Böse – Polizisten sollen Diebe und Mörder jagen. In Island ist das besonders schwer. Es gibt fast keine Verbrechen. Was ist da los?

Langsam ziehen am Horizont die Wolken entlang. Sie schweben über den Fjord hinweg, bleiben an den majestätischen Bergen hängen. In der Ferne glänzen Gletscher, und am Fuße der schneebedeckten Berge weiden Schafe. Ein Boot steuert vom Atlantik auf den Hafen zu. Isafjördur ist ein Ort im einsamen Nordwesten Islands. Und Isafjördur ist ein bisschen wie New York: Es hat dieselbe Strategie zur Bekämpfung von Kriminalität – null Toleranz. In Isafjördur leben allerdings nur 4000 Menschen, die einander kennen und ihre Babys unbeaufsichtigt im Vorgarten schlafen lassen.

Für Polizisten wie Önundur Jónsson, der an diesem Tag Dienst hat, gibt es hier nicht viel zu tun. Während sein Kollege auf Patrouille ist, sitzt er in der Polizeistation und genießt den Blick auf die ruhige Bucht. Der letzte Störenfried war ein Eisbär, der auf einer Eisscholle von Grönland in die Westfjorde getrieben wurde. Nachdem Tierschützer immer wieder vergebens versucht hatten, ihn einzufangen, erschoss ihn ein Jäger. Der Vorfall liegt inzwischen ein paar Monate zurück.

Island ist eines der sichersten Länder Europas. Eine Armee gibt es nicht, und die Zahl der jährlichen Gewaltverbrechen lässt sich an einer Hand abzählen: 2005 gab es drei Morde. „Der letzte Mordfall in Isafjördur war vor 19 Jahren“, erzählt Önundur, der seit 1979 Polizist ist. „Und das waren noch nicht mal Leute aus der Region, sondern Wanderarbeiter.“ Der Grund: Ehestreitigkeiten.

Önundur holt sich in der Küche einen Kaffee und setzt sich in den Aufenthaltsraum, der mit der schwarzen Ledercouch und dem großen Fernseher eher einem Wohnzimmer gleicht. Seine Chefin Sigridur Gudjónsdóttir und der 22-jährige Praktikant Nonni gesellen sich dazu. Wie kommt es, dass es bei euch so wenig Verbrechen gibt?

„Vergehen wie Prügeleien und zerschlagenen Fensterscheiben gehen wir sofort nach“, sagt Sigridur. „Wenn du mit kleinen Verbrechen davonkommst, hast du keinen Respekt“, sagt Önundur. In Island duzt man sich, klar.

Manchmal kommt die extreme Natur der Polizei zur Hilfe. Wer hier etwas anstellt, kann nicht leicht entwischen. Es gibt eine Straße, die sich am Fuße der Berge die unwegsamen Fjorde entlang schlängelt, danach ist Atlantik.

Island ist eine kleine Gesellschaft, in der jeder zählt und jeder auffällt. Und somit ist natürlich auch die soziale Kontrolle größer. Besonders in Orten wie Isafjördur oder den Nachbargemeinden, wo ein Dorf auch mal aus fünf Bewohnern bestehen kann. „Gerade, weil wir als Polizeibeamte das Gesetz repräsentieren, müssen wir immer ein gutes Vorbild sein“, sagt Sigridur, die auch die Frau des Pfarrers ist. „Deshalb trinkt keiner von uns in der Kneipe Alkohol. Das geht höchstens im privaten Rahmen.“ Nonni wird plötzlich knallrot. Wahrscheinlich überlegt der Praktikant sich, ob er wirklich Polizist werden will.

Nach so viel Friedlichkeit hilft auf der Fahrt in die Hauptstadt Reykjavík nur noch die Lektüre eines isländischen Krimis: „Nordermoor“ von Arnaldur Indridason. „Der typisch isländische Mord ist schäbig, sinnlos und schlampig ausgeführt“, schreibt Arnaldur. Das Opfer wird ganz schnöde mit einem Aschenbecher erschlagen. Und so langsam findet Kommissar Erlendur heraus, dass hinter dem Verbrechen ein Familiendrama steckt.

Familienstreitigkeiten und Eifersucht sind die häufigsten Mordmotive, nicht nur in Romanen, sondern auch in der Wirklichkeit, sagt Rannveig Þórisdóttir. Die Soziologin der Nationalen Polizeibehörde hat sich wissenschaftlich mit Gewalt in Island beschäftigt. Es gebe sie, auch wenn die isländische Gesellschaft im Vergleich zu den meisten anderen Ländern ziemlich sicher sei. Doch wie in vielen westlichen Gesellschaften gibt es in Island einen erheblichen Unterschied zwischen der realen und „gefühlten“ Gefahr durch Verbrechen.

„Die Angst vor Verbrechen hat in den letzten Jahren um 40 Prozent zugenommen“, sagt die Soziologin. „Und der Krimiautor Arnaldur ist mit schuld daran.“ Der Schriftsteller war der Erste, der Mordfälle beschrieb, die in der Nachbarschaft spielten: „Auf einmal können sich die Isländer vorstellen, wie das ist, wenn um die Ecke ein Verbrechen passiert.“

Aber ihr habt doch auch all die schaurigen Sagen, in denen die Helden mit dem Schwert über die Insel metzeln?

„Schon, aber die sind nicht so realistisch, und außerdem spielen sie in einer ganz anderen Zeit.“ Natürlich habe auch die Berichterstattung über Verbrechen im Allgemeinen zugenommen. Wobei man erwähnen sollte, dass in Island auch in der Zeitung steht, wenn ein Schaf von einem Auto angefahren wurde.

600 Polizisten gibt es auf der Insel, 250 davon arbeiten in der Hauptstadt. Einige von ihnen arbeiten im Hauptquartier der Polizei Reykjavík. Rannveig führt durch alle Abteilungen: das Drogendezernat, die Mordkommission, die Einsatzbereitschaft. Ganz schön viele Leute, aber wirklich gestresst sieht keiner aus. Ein kräftiger Mann in Zivil hat es sich mit einem Kollegen im Aufenthaltsraum gemütlich gemacht. Hinter ihm steht ein großer Billard-Tisch. „Wir warten auf das Verbrechen“, sagt Sigurdur Pétursson und lacht. Der Kriminalkommissar fing 1986 bei der Polizei an, machte dann aber sieben Jahre Pause, um als Profi-Golfer sein Geld zu verdienen.

Sigurdur zeigt seinen Arbeitsplatz. Und wedelt schwungvoll mit dem Knüppel herum. „Das ist alles, was wir dabei haben. Und CS-Spray.“ Wenn Polizisten in Island auf Patrouille gehen, tragen sie keine Waffen. „Wir brauchen keine“, sagt Sigurdur. Und wenn es dann doch mal ernst wird, kommen die Kollegen von der so genannten Wikinger-Einsatzgruppe. Die sind bewaffnet.

Doch dass Island die Insel der Friedliebenden ist, dem widersprechen die Experten dann doch. „Ich würde gern an den Mythos glauben“, sagt die Soziologin Rannveig. Doch sei neben Internetkriminalität auch sexueller Missbrauch ein Thema, das größte Problem jedoch sei der zunehmende Drogenschmuggel. „Und mit dem Drogenkonsum steigt auch die Gewalt“, bestätigt Kriminalkommissar Sigurdur. Zuletzt haben seine Kollegen vom Drogendezernat 15 Kilogramm Amphetamine und 10 Kilo Haschisch beschlagnahmt. Der bisher größte Coup.

Im Alltag hat Polizist Sigurdur es vor allem mit betrunkenen Jugendlichen zu tun. Einige von ihnen schlafen ihren Rausch in den Zellen des Hauptquartiers aus. Heute ist nur ein junger Mann da, also kann der Wärter in Ruhe fernsehen.

In Island gibt es fünf Gefängnisse – Litla-Hraun ist das größte, dort können bis zu 87 Insassen untergebracht werden. Derzeit gibt es in Island rund 110 Gefangene, sechs davon sind Frauen. Im Reykjavíker Gefängnis sind gerade mal die Hälfte der Zellen belegt. Sieben Insassen hat das kleine Backsteinhaus, das mitten in der Innenstadt liegt. Nebenan sind ein Supermarkt, ein paar Cafés und Clubs. Seit 1874 ist das Gefängnis in Betrieb.

In Zelle Nummer 11 ist heute der Gymnastik-Raum. „1992 sind hier ein paar Häftlinge ausgebrochen“, erzählt der Kriminalbeamte Jón Ottar Olafsson, der einige Zeit in diesem Gefängnis gearbeitet hat und nun durch den kleinen Zellentrakt führt. „Sie wollten zu einem Konzert gehen, doch die Wärter haben sie noch rechtzeitig erwischt.“ Die Zellen sind offen, zwei Männer schluffen den Gang entlang. Wem es zu langweilig wird, der kann sich in der Gefängnis-Bibliothek nach einer passenden Lektüre umschauen. Natürlich stehen auch die Krimis von Arnaldur Indridason im Regal. Sie sehen aus, als seien sie oft gelesen worden.

Die „ungefährlichen Verbrecher“ sind Freigänger und kommen in das offene Gefängnis von Grundarfjördur. Es ist eine Art Farm. Die Insassen sitzen hier wegen Steuerhinterziehung, weil sie ihre Alimente nicht gezahlt haben oder, wie der Politiker Arni Johnsen, wegen Betrugs. Arni hatte öffentliche Gelder veruntreut und kam für ein Jahr in den Knast. Als Erstes freundete er sich mit einem Wärter an, dann organisierte Arni für alle Insassen neue Betten, später stellte er seine experimentellen Bilder in einer Galerie aus. Und als die Strafe verbüßt war, brach er gemeinsam mit dem Gefängniswärter zum Kreuzfahrturlaub in die Karibik auf. Inzwischen ist der Wärter zum Gefängnisdirektor befördert worden.

Jeder in Island kennt die Arni-Geschichte. Die Isländer haben ein Faible für Exzentriker – und wo das Verbrechen die Menschen in Ruhe lässt, bleibt genug Zeit für Hobbys. Sæmundur Pálsson zum Beispiel gilt als „der coolste Polizist Islands“. Berühmt ist er unter anderem, weil er früher „Rokkdancer“ war, also Rock- ’n’- Roll-Tänzer. Aus diesen Tagen hat er auch seinen Spitznamen, unter dem ihn bis heute jeder kennt: Sæmi Rokk. „Ich tanze immer noch“, sagt er. „Nur den Spagat kriege ich nicht mehr ganz hin.“

Restaurant „Enricos“ auf dem Laugavegur, der Flaniermeile Reykjavíks, am frühen Abend. Sæmi ist ein groß gewachsener, schlanker Mann mit grauem Haar. Seit zweieinhalb Jahren ist der ehemalige Kriminalkommissar in Pension. Nun nutzt der Isländer die freie Zeit, um einen Amerikaner aus dem japanischen Gefängnis zu holen. Bei dem Gefangenen handelte es sich um Bobby Fischer. Den Mann, der 1972 in Island Schachweltmeister wurde, als er gegen den russischen Meister Boris Spassky gewann. Sæmi war damals von der Polizei abgestellt, um für Fischers Sicherheit zu sorgen – zuerst war er sein Bodyguard, später auch sein Freund.

Lange Zeit hatten sich die beiden aus den Augen verloren, bis Bobby Fischer ihn eines Tages aus dem japanischen Gefängnis anrief. Dort saß er wegen eines Haftbefehls in den USA in Abschiebehaft. Fischer hatte gegen ein US-Embargo verstoßen, als er 1992 in Jugoslawien die Revanche gegen Spassky spielte. Der Schachspieler fiel durch antisemitische und antiamerikanische Äußerungen auf, gilt inzwischen als traurige Figur. „Nein, nein, das ist er nicht“, sagt Sæmi. „Jedes Genie ist doch ein bisschen verrückt.“ Sæmi half seinem alten Freund, sprach mit dem isländischen Premier – und 2005 wurde Bobby Fischer isländischer Staatsbürger.

Doch es gab noch mehr aufregende Erlebnisse in 35 Dienstjahren. So war Sæmi 1972 auf Patrouille, als eine Bank überfallen wurde. „Der Täter hatte sich vorher bei uns beworben, weil er auch Polizist werden wollte“, erzählt Sæmi. „Und er war mein Nachbar.“ In New York wäre das nicht passiert.

6. August 2006


Das Parlament – Themenausgabe "Werte und Konsum"

Die permanente Steigerung – Von der Erlebnisgesellschaft zur Sinnsuche

Es gibt Freunde, die schaffen es einfach nicht mehr anzurufen. Stattdessen werden Mails oder SMS verschickt. Nicht eine, sondern meist gleich fünf am Tag. Kontakt halten ist ihnen wichtig, aber real treffen, etwa im Café, dafür ist keine Zeit mehr. Und so piept ständig das Handy: "Huhu, geht's dir gut? Bis bald." Konkreter wird es nicht, sonst müsste ein Termin ausgemacht werden, und der ohnehin prall gefüllte Terminkalender würde vermutlich platzen.



Hatte man früher zwei bis drei gute Freunde, so ist heute das Netz durch wechselnde Jobkontakte und neue Hobbys wesentlich größer. Das führt zu Entscheidungsstress. Bei wem hat man sich schon lange nicht mehr gemeldet? Wem sollte man wenigstens mal wieder eine Mail schicken? Wem eine SMS?

Wir leben im Zeitalter der zahllosen Möglichkeiten: Denn es gibt nicht nur mehr Kontakte, sondern auch Angebote. Das Berufsleben ist meist schon stressig, in der Freizeit geht es weiter. Auf der "To Do"-Liste stehen neben Einkauf und Haushalt noch Termine an wie: den neuesten Kinofilm ansehen, das angesagte Restaurant testen, und natürlich regelmäßig zum Sport gehen - um gut auszusehen, fit zu sein.

Die Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist im Kommunikationsstress und Dauereinsatz. 24 Stunden aktiv sein, um dann festzustellen, wieder etliche Punkte auf der Liste vergessen zu haben. Ein Leben in der Endlosschleife. Die Medien heizen das weiter an. So zeigen Boulevardmagazine à la "Explosiv" (RTL), dass es nicht mehr nur reicht, eine gute Figur zu haben, auch der Bauchnabel muss kerzengerade sein. Ist er es nicht, hilft nur eins: eine Schönheits-OP.

Perfekt sein, frisch und erholt aussehen, außerdem ständig verrückte Dinge tun. Dabei kann mit Bungee-Jumping heute kein Arbeitskollege mehr beeindruckt werden, ebenso wenig mit einem Tattoo. Und zum Golfen nach Florida fliegen heute selbst Buchhalterinnen. Höher, weiter, schneller - geht fast nicht mehr. Die Erlebnisgesellschaft am Rand des Kollapses.

Wofür das alles?, fragen sich zunehmend Eventgestresste. Sie sind überfordert: Zum einen von den ständig zunehmenden Angeboten, zum anderen, weil das Geld knapper wird. Sie können und wollen nicht mehr bei jedem Trend dabei sein. Also besinnen sie sich wieder auf entspanntere Freizeitaktivitäten wie Fahrradfahren, Kochen und Bücher lesen.

Je hektischer das Alltagsleben wurde, desto mehr entstand die Sehnsucht nach Ruhe, nach Faulenzen und Nichtstun, charakterisiert auch Freizeitforscher Horst Opaschowski den Wandel der Freizeitvorlieben. Seit 1979 ist Opaschowski Wissenschaftlicher Leiter des BAT Freizeit-Forschungsinstituts. In der aktuellen BAT-Studie stellt er fest: "Über wichtige Dinge reden oder einfach den eigenen Gedanken nachgehen, gehören zu den regelmäßigen Freizeit-Beschäftigungen, die Spaß machen und Sinn haben."

Die Gesellschaft begibt sich auf Sinn- und Entspannungssuche. Gingen früher gestresste Manager in der Freizeit zum Boxen, um sich abzureagieren, zieht es sie heute eher ins Yoga-Studio. Bikram Yoga ist der neueste Trend aus den USA. Bei 38 Grad Celsius schwitzen ausgepowerte Menschen ihre Gifte aus, um nach 90 Minuten, so versprechen es die Bikram-Yoga-Trainer, ein anderer Mensch zu sein. Oder sie gehen ins Kloster - nehmen sich hier eine Auszeit von der 24-Stunden-Gesellschaft.

Wohin bewegt sich die Gesellschaft im 21. Jahrhundert? Diese Frage stellt sich auch Gerhard Schulze in seinem Buch "Die beste aller Welten". Der Professor für Soziologie an der Universität Bamberg und Autor des Buchs "Erlebnisgesellschaft" (1992) entwirft das Bild einer Gesellschaft, die nicht mehr vom Prinzip der permanenten Steigerung dominiert wird. Denn wer braucht noch ein neues Waschmittel? Ein noch schnelleres Auto?

Das "Steigerungsspiel" werde immer absurder - Erschöpfung trete ein. Gerhard Schulze glaubt an den neuen "Common Sense". Das Bewusstsein einer hoch entwickelten Gesellschaft, die sie sich vom Prinzip des ewigen Weiterschreitens verabschieden muss, um ihre Zukunft in den Griff zu bekommen. Das Individuum entscheide zunehmend selbst, was es aus seinem Leben macht. Im 21. Jahrhundert gibt es ohnehin nicht mehr den einen Lebensweg: vielmehr ist es normal, sein Leben mehrfach umzustellen - sei es im Beruf oder im Privatleben. "Gerade deshalb ist es heute immer wichtiger, intensiv darüber nachzudenken, was man aus seinem Leben machen will", sagt Schulze. "Und Fehler zu korrigieren."

Eine Sinnsuche, die auch wieder im Entscheidungsstress enden kann. Denn was ist schon ein sinnvolles Leben? Manche finden ihren Sinn in sozialem Engagement, helfen ehrenamtlich im Sportverein oder kochen in der Wärmestube Suppen für Obdachlose. Jede weitere Qualifikation kann wichtig sein, um konkurrenzfähig zu bleiben. Erst recht auf dem hart umkämpften Arbeitsmarkt. Workaholics sind dennoch out. Zukunftswissenschaftler Horst Opaschowski sieht die junge Generation auf dem Weg zu einer neuen Lebensbalance. "Leistung und Lebensgenuss sind für sie keine Gegensätze mehr", sagt er. Arbeit soll auch Spaß machen, sie haben Lust etwas zu schaffen, wollen weder über- noch unterfordert werden.

"Arbeiten wie die Eltern - festangestellt und mit geregeltem Feierabend", so wünschen sich nach einer Repräsentativuntersuchung des BAT auch im 21. Jahrhundert noch über 70 Prozent der Berufstätigen ihren Arbeitsalltag. Es wird für viele ein Wunsch bleiben: Flexibel sein, jederzeit erreichbar, so sieht wohl der realistischere Alltag aus. Im Jahr 2004 nehmen viele den Job, der ihnen geboten wird. Da selbst große Unternehmen Outsourcing betreiben, neue Mitarbeiter nur Zeitverträge erhalten, steigt die Zahl der Jobnomaden. Wer das eine Jahr in Bielefeld arbeitet, kann im nächsten Jahr schon wieder in Rosenheim sein.

In Bewegung bleiben, heißt die Devise. Das wird selbst innerhalb einiger Unternehmen praktiziert, zum Beispiel bei der Werbeagentur Jung von Matt (JvM), die unter anderem Kampagnen für Sixt und "Bild" entwirft. "Regelmäßig ziehen bei uns alle Mitarbeiter innerhalb des Hauses um", sagt Merel Wouters von JvM, "damit wir immer wieder eine neue Perspektive haben." Einen neuen Blick - aus dem Fenster und auf die Arbeit. Die Büroräume selbst jedoch sind alle gleich eingerichtet: Wände bleiben weiß, es werden keine Poster oder Fotos aufgehängt, auch Teddybären auf dem Schreibtisch sind verpönt. "Wir wollen hier arbeiten und uns nicht häuslich einrichten."

Jedes Unternehmen besitzt seine eigene Philosophie, an die sich der Mitarbeiter zu gewöhnen hat. Bei Sportartikel-Unternehmen wie Adidas gehört es zum guten Ton, bei sportlichen Aktivitäten, etwa einmal im Jahr beim Marathon, teilzunehmen. Die Realität der heutigen Arbeitswelt gleiche einer "Viel-Gesichter-Gesellschaft", sagt Horst Opaschowski. Und beschreibt sie so: "Mal Ellbogen- und mal Verantwortungsgesellschaft, mal Wegwerf- und mal Leistungsgesellschaft." Ein bisschen von allem. Und immer wieder anders.

Individuell gestaltet sich die Gesellschaft auch ihren privaten Lebensentwurf: Sei es ohne Trauschein zusammenzuleben oder mit über 30 Jahren noch in einer Fünfer-WG zu leben. So wohnt ein Lehrerpaar heute selbstverständlich gemeinsam mit drei Mitbewohnern in einer Villa.

Die Art, wer wie mit wem zusammenlebt, mag sich geändert haben, die zwischenmenschlichen Werte jedoch sind gleichgeblieben: etwa der Wunsch nach beständigen Beziehungen. Die junge Generation sehnt sich nach einer eigenen Familie - auch Kinder sind nicht mehr verpönt. "Es ist noch nicht so lange her, da wurden Frauen für blöd erklärt, wenn sie sich für Kinder und nicht für die Karriere entschieden haben", sagt Soziologe Gerhard Schulze.

Heute ist es sogar trendy, Mutter zu werden. Das Magazin "Max" entdeckte kürzlich die "Funky Mama": "Die neuen Mütter sind attraktiv, sexy und selbstbewusst. Kinder sind in, Mutter zu werden ist hip", heißt es in einem Artikel. Prominente wie Sarah Jessica Parker, Hauptdarstellerin der US-Serie "Sex and the City", leben es vor, sie laufen selbst hochschwanger in Highheels durch New York.

Designerin Elin Sandal, 34, hat in London die Firma "Funky Mama" gegründet, sie macht coole Mode für Schwangere. Etwa ein T-Shirt mit der Aufschrift "No, I'm not fat". Über 30-Jährige zeigen gerne ihren Bauch, zelebrieren ihre Schwangerschaft. "Kinder bedeuten nicht mehr automatisch den Abschied vom Spaß im Leben", weiß die "Max". Und wenn Stil-Ikonen schwanger sind, werden Kinder zu einer Art Accessoire, das jeder haben will. Designer Elin Sandal ist sich sicher: "Früher wollten alle die Gucci-Handtasche, heute wollen alle das Gucci-Baby."

Typisch für die Generation des 21. Jahrhunderts. Es reicht nicht mehr, einfach "nur" Kinder zu bekommen. Nebenbei sollte die Schwangere noch gut gestylt sein, am besten bis zum achten Monat der Schwangerschaft fulltime arbeiten, um dann drei Monate nach der Geburt wieder weiterzumachen. Das Baby versorgt in dieser Zeit der moderne Vater. So kommen die, die ihren Sinn in der Gründung einer eigenen Familie gefunden haben, schnell wieder in den 24-Stunden-Stress. Die einzige Lösung, dem zu entkommen, ist sich unabhängig von den perfekten Familienbildern und Gesellschaftsdefinitionen zu machen.

14. Juni 2004


 

Frankfurter Rundschau – Medien

Ein luderfreier Abend – Erst die Goldene Kamera, nun die Berlinale: Für Gesellschaftsreporter ist Hochsaison

„Pussy, Pussy" rufen die Fotografen über den Roten Teppich. Die Sängerinnen der Band The Pussy Cat Dolls, die zur Verleihung der Goldenen Kamera ins Berliner Axel-Springer-Haus gekommen sind, haben vermutlich richtige Vornamen. Doch für die interessiert sich keiner. Hier am Roten Teppich geht es laut zu und grob. Prominente werden geduzt. Als aus der Ferne ein quietschendes Lachen ertönt, brüllen die Fotografen "Verona, Verona". Routiniert posiert Verona Pooth in ihrem eng anliegenden Kleid mit tiefem Ausschnitt - trotz Eiseskälte. Deutschland sucht seine Superstars und eine satisfaktionsfähige Variante zum Oscar-Theater. Der Anlass ist ziemlich egal. Wer kommt mit wem? Wie ist das "Outfit"? Worüber wird getratscht? Darum geht es den drei Dutzend Klatschreportern, die sich samt Fotografen und Kamerateams an der Absperrung drängeln.

Wer gute Kontakte hat, bekommt einen überdachten Platz, das hilft bei Mistwetter. "Hendrikje Kopp - RTL" steht auf dem weißen Zettel an der Absperrrung; seit 17.30 Uhr steht die der Reporterin des Magazins Exclusiv da mit ihrem Kamerateam. Über zwei Stunden lang versucht sie Gesprächsfetzen und Scherzchen von deutschen Prominenten zu erhaschen.

"Die Goldene Kamera ist eine von fünf Jahreszeiten", sagt Reporterin Kopp. Die anderen Jahreszeiten-Events seien der Deutsche Filmpreis, der Deutsche Fernsehpreis, die Bambi-Verleihung sowie die Berlinale, die gestern Abend begann. Für Hendrikje Kopp bedeutet das, stundenlang am Roten Teppich zu stehen in der Hoffnung, dass etwas Aufregendes geschieht. Kurz vor Beginn der Verleihungszeremonie für die "Goldene Kamera" bauen einige Teams ihre Ausrüstung wieder ab. "Das ZDF ist auch schon weg", weiß der RTL-Kameramann. Also geht Kopp mit ihren Kollegen ins Restaurant des Springer-Hauses. Da wärmen sie sich auf, machen sich über das Büffet her und verfolgen auf einer Leinwand die Verleihung der "deutschen Oscars". Kopp plaudert mit einer Sat1-Kollegin, doch es bleibt beim Geplänkel, echte Informationen gönnen die Konkurrentinnen einander selbstverständlich nicht.

Die Konkurrenz ist im Laufe der Jahre größer geworden: Leute heute, Brisant, Blitz oder taff sind nur einige TV-Magazine. Hinzu kommen etliche Zeitschriften und Zeitungen wie Gala, Bunte oder Bild. Sie alle haben ihre eigenen "Societyreporter", da wird es schwerer, exklusive Geschichten zu bekommen - davon aber leben sie. "Das einzige was hilft, sind die guten, langjährigen Kontakte", sagt Kopp. Seit gut sechs Jahren arbeitet sie bei Exclusiv. Die 35-Jährige beteuert, sie habe genau da hinwollen, als sie noch Jura studierte.

Es gibt nicht nur mehr Medien, sondern auch mehr Prominente. Tatjana Gsell oder Maja von Hohenzollern gehören für Kopp zur D-Prominenz, Verona Pooth hingegen ist A-Promi. "Dadurch, dass sie nun Mutter ist, hat sie ein neues Feld erschlossen" - das Baby als Gucci-Accessoire. Andere kommen bei Kopp nicht so gut weg. Boris Becker etwa habe nur sein chaotisches Liebesleben zu bieten. "Und am Roten Teppich lässt er uns manchmal auch mit seinem kühlen und starren Blick richtig auflaufen." Böser Bube.

Während sie das erzählt, zieht Hendrikje Kopp ihre Stiefel aus und die sommerlichen Stilettos an. Die Reporterin ist perfekt geschminkt, trägt eine Hochsteckfrisur und ein türkisfarbenes Satinkleid - ihre Arbeitskleidung. Nach der Verleihung tummeln sich rund 800 Gäste auf der Dinnerparty. Kopp schlängelt sich mit ihrem Team durch die Masse, immer auf der Suche nach Prominenten, neuen Pärchen oder Streithähnen.

Nach ein Uhr nachts darf nicht mehr gedreht werden, das bedeutet Feierabend für die RTL-Reporterin. Ihr Fazit: "Endlich mal wieder ein luderfreier Abend." So macht sie sich auf den Weg nach Hause, am nächsten Morgen muss sie einen Beitrag für die Sendung um 18.30 Uhr machen und noch einen für die Exclusiv Weekend-Ausgabe.

Moderiert wird das RTL-Magazin seit mehr als elf Jahren von Frauke Ludowig. Am Abend zuvor war auch sie in Berlin über den Roten Teppich gelaufen - längst ist sie Teil der Prominenz. Gefragt, ob er das nicht problematisch finde, sagt der stellvertretende Redaktionsleiter Christoph Richter: "Wenn man sich in dieser Branche bewegt, besteht die Gefahr, Teil jener Gesellschaft zu werden, über die man eigentlich berichtet. Die Versuchung ist groß - gerade in unserem Ressort." Wichtig sei es, die ironische Distanz zu wahren. Das gelingt nicht immer. Doch sowohl Frauke Ludowig als auch Hendrikje Kopp betonen, dass sie mit fast keinem Prominenten befreundet seien.

Abends laufen dann die Berichte. Hauptthema ist der Auftritt des kranken Rudi Carrell, doch landet bei ARD-Brisant die Goldene Kamera zwischen blutüberströmten Leichen und Unfällen. Bei Exclusiv als Klatsch- - offiziell: Starmagazin - werden wie immer kurz die Klamotten bewertet. In Anspielung auf einen von Verona Pooths Werbespots für Spinat kommentiert die Reporterin mit süffisantem Unterton: "Der Busen hat nicht blubb gemacht."

10. Februar 2006


Financial Times Deutschland / Weekend

Die Zeitung der Toten – Islands größte Zeitung besteht zu beachtlich großen Teilen aus Trauertexten: Jeder Tote kann einen Nachruf bekommen, und jeder Hinterbliebene darf einen schreiben.


Wirklich tot ist nur, wer einen Nachruf bekommt. In Island ist der letzte Abschied auch eine Frage der richtigen Publicity. Anders als in Deutschland wird in Island nicht nur berühmter Verstorbener gedacht, sondern jedes Toten. In einem Land mit gerade einmal 300.000 Einwohnern ist eben jeder wichtig. Und so veröffentlicht Islands größte Tageszeitung "Morgunbladid" täglich mindestens 50 Nachrufe für fünf Verstorbene. Geschrieben werden sie nicht von Journalisten, sondern von Verwandten, Freunden, Kollegen oder einfach nur Bekannten.



Die kostenlos veröffentlichten Nachrufe beginnen stets mit einer kurzen Biografie, in der außer der Karriere auch die Familienverhältnisse des Verstorbenen rekonstruiert werden. Im kinderreichen Island mit oft weit verzweigten Patchworkfamilien bedeutet das ernsthafte Recherchearbeit. Deren Ergebnisse werden akribisch dokumentiert und füllen viele Zeilen.

"Das Schreiben und Lesen von Nachrufen ist für Isländer ein bisschen wie eine nationale Obsession", sagt Arnar Arnason. Der Anthropologe lehrt an der Universität von Aberdeen in Schottland und hat zum Thema "Tradition der isländischen Nachrufe" geforscht. Rund 80.000 Isländer, also mehr als ein Viertel der Bevölkerung, lesen täglich die Erinnerungen an ihre Landsleute.

Kenne ich den Verstorbenen? Oder einen der Verwandten? Das sind auch die Gedanken von Johanna Leopoldsdottir, wenn sie die aktuelle Ausgabe des "Morgunbladid" durchblättert. Die 51-Jährige hat bisher rund 20 Würdigungen verfasst, zuletzt eine über einen Familienfreund. Darin schildert sie, wie sie als Zehnjährige die Treffen mit dem warmherzigen Mann genoss und wie er ihrem Bruder und ihr isländische Gedichte beibrachte. Am Ende bedankt sie sich bei ihm für die schöne gemeinsame Zeit. Isländische Nachrufe sind manchmal wie nüchterne Biografien formuliert, oft aber auch als intime Briefe an die Verstorbenen. Nur, dass alle an der Trauer und dem Schicksal der anderen teilhaben können.

"Zeitung der Toten" wird "Morgunbladid" von einigen genannt, denn kein anderes Blatt in Island druckt heute noch Nachrufe, die auf Isländisch Minningar heißen. "Unsere Zeitung ist wie ein Akkordeon", sagt Stefan Olafsson, der die Minningar-Redaktion betreut, "je mehr Menschen sterben, umso umfangreicher ist die nächste Ausgabe." Da die Würdigungen am Tag der Beerdigung erscheinen, sind besonders die Wochenendausgaben prall gefüllt. In ruhigeren Wochen werden etwa 35 Menschen beerdigt. Dann lassen gut 250 Nachrufe den Umfang des "Morgunbladid" anschwellen. An manchen Tagen füllen die Nachrufe bis zu 15 Seiten - mehr Seiten als gewöhnlich die internationale Politik einnimmt.

Auch an diesem Tag stapeln sich auf Olafssons Schreibtisch wieder Minningars, die in den nächsten Tagen gedruckt werden. Nur selten müsse er die Autoren anrufen und um Änderungen bitten, sagt der Redakteur, etwa wenn sie den Toten oder dessen Familie beleidigen. Ansonsten gibt es nur zwei Regeln beim Schreiben eines Nachrufs für das "Morgunbladid" zu beachten. Zum einen darf der Text einen gewissen Umfang nicht überschreiten, zum anderen gilt: Keine selbstverfassten Gedichte, bitte! Früher veröffentlichte man sie noch, doch die meisten waren von so fragwürdiger lyrischer Qualität, dass die Redaktion irgendwann beschloss, diese Form auszuschließen. Eine umstrittene Maßnahme im Land mit der weltweit höchsten Dichte an Schriftstellern.

Bereits seit über 90 Jahren erscheinen in Island die einzigartigen Gedenktexte. Sie waren und bleiben bis heute ein Porträt der Gesellschaft - kurze moderne Sagas. "Manche benutzen in ihren Texten Bilder aus alten Sagas", sagt Anthropologe Arnason. In einem Nachruf über einen Mann namens Ari etwa stand zu lesen: "Er war bekannt für seinen Fleiß. Wenn er mit anpackte, war es, als würde er mit drei Schaufeln graben oder mit drei Hämmern schlagen."

Bis heute sind die Isländer stolz auf ihre alten Heldengeschichten und die Wikingersprache, die sich seit der Besiedelung vor über 1000 Jahren kaum veränderte. Die Sozialpsychologin Annadis G. Rudolfsdottir untersuchte für ihre Doktorarbeit über 200 Nachrufe. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts, als Island noch eine Kolonie Dänemarks und ein armer Bauernstaat war, beschrieb man gute Männer vor allem als freie und starke Individuen, deren Leidenschaft und Tatendrang gelobt wurden. Eine gute isländische Frau hingegen war eine selbstlose Mutter, wie diese Verstorbene: "Im Einklang mit ihrer selbstlosen Art nahm sie Abschied an einem Tag, an dem alle freihatten. So konnten sich alle von ihr verabschieden, ohne ihre Arbeit unterbrechen zu müssen."

Früher schrieben vor allem Verwandte und Bekannte die Würdigungen, damals noch ausschließlich in der dritten Person. Seit 1994 ist es auch erlaubt, die Nachrufe direkt an den Verstorbenen zu adressieren. "Dadurch sind die Erinnerungen viel emotionaler und persönlicher", sagt Rudolfsdottir, die heute in Bristol an der University of the West of England lehrt. Auch, weil nun öfter nahe Verwandte - wie Kinder oder Ehepartner - die Erinnerungen aufschreiben.

Für die Trauernden haben diese Zeilen eine erleichternde Wirkung. Die neueren Nachrufe konzentrieren sich auf die Gefühle und Erinnerungen des Schreibers. Die sind nicht nur an die Sonnenseiten geknüpft, da wird selbst der Alkoholismus des Vaters thematisiert. "Manchmal", sagt Rudolfsdottir, "fühlt man sich wie ein Voyeur, wenn man diese intimen Briefe liest."

© 2007 Financial Times Deutschland
ZUM THEMA Weekend: Island für Fortgeschrittene (http://www.ftd.de/lifestyle/reise/160326.html)


Der Tagesspiegel (Kinderseite)

Piraten sind legendäre und gefürchtete Seeräuber – auch heute gibt es sie noch


Goldener Ohrring, Kopftuch und schwarze Augenklappe: So kennen wir Piraten aus Büchern und Filmen wie „Pippi Langstrumpf“, „Die Schatzinsel“ oder „Fluch der Karibik“. So witzig wie der Kinoheld Jack Sparrow waren die Freibeuter allerdings nicht. Im wahren Leben ging es schon immer viel brutaler und grausamer zu.



Armut ist neben Habgier ein Grund, warum Menschen auch heute noch zu Seeräubern werden. Mehr als 350 Piratenüberfälle gibt es jedes Jahr. Viele werden von verzweifelten Menschen begangen, die so arm sind, dass ihnen ein bisschen Geld oder Lebensmittel schon helfen. Als gefährlichste Region gilt die Straße von Malakka, das ist eine Meeresenge zwischen Sumatra und Malaysia in Asien.

Die modernen Piraten nähern sich den Schiffen meist mit kleinen Schnellbooten, die der Kapitän auf seinem Radar nicht sehen kann. Dadurch sind er und seine Mannschaft den plötzlichen Angriffen schutzlos ausgeliefert. Bewaffnet mit Maschinengewehren, entern die Piraten die Schiffe, einige rauben die Ladung, andere stehlen gleich das ganze Schiff und töten die Besatzung. Brutal ist die Piraterie also bis heute, nur die Waffen und Boote haben sich geändert.

Eine Augenklappe muss übrigens kein Pirat mehr tragen. Sie stammen aus einer Zeit, als Seefahrer die Fahrtrichtung noch mit Fernrohren bestimmten. Dabei blickten sie immer direkt in die Sonne. Nach einigen Jahren erblindeten die Piraten durch das grelle Licht und verbargen unter der Klappe ihr kaputtes Auge.

Seit Menschen über die Meere segelten, gab es auch Piraten. Sie enterten Schiffe, überfielen Küstenorte und plünderten alles, was ihnen wertvoll erschien: Schatztruhen mit Gold und Diamanten, aber auch alltägliche Dinge wie Fleisch, Eier oder hochprozentiger Rum. Wer sich den Seeräubern widersetzte, wurde gefoltert oder ermordet. Ein echter Freibeuter muss also vor allem eines sein: rücksichtslos.

Viele Legenden ranken sich um die Piraten, die auf den Weltmeeren ihr Unwesen trieben – einige stimmen, doch viele sollen auch erfunden sein. Schon in der Antike, also vor über 2000 Jahren, gab es die gefürchteten Seeräuber. Die Griechen nannten sie „peirates“, daher stammt der heutige Name. Später waren viele berühmte Piraten in der Neuen Welt unterwegs. So nannten die Europäer Amerika, das Christoph Columbus im Jahr 1492 entdeckte. Seefahrernationen wie Portugal, England und Spanien machten sich unter anderem deswegen auf in die Neue Welt, weil es dort Naturschätze wie Gold und Edelsteine zu holen gab.

Die meisten Piraten waren dank ihrer Beutezüge unvorstellbar reich. Der Engländer Francis Drake zum Beispiel überfiel vor etwa 450 Jahren mit seiner Mannschaft spanische Segelschiffe, die gefüllt mit Schätzen aus Amerika zurückkamen. Später raubte er auch im Auftrag der englischen Königin Elisabeth der Ersten, die so ihren Feind Spanien schwächen wollte. Sie schlug Drake sogar zum Ritter, so dass er sich „Sir“ nennen durfte.

Rund hundert Jahre später kreuzte Henry Morgan durch die Karibik. Er gilt als einer der größten Piraten aller Zeiten und ist die Vorlage für Jack Sparrow. Durch die sogenannten Kaperbriefe hatte Morgan mit seinen Gefolgsleuten die Erlaubnis des englischen Königs, alle feindlichen Schiffe und Orte zu kapern. Dabei durften sie alles erbeuten, was sie kriegen konnten. Einen Teil davon sollten sie an die englische Krone abtreten, doch nicht alle Freibeuter hielten sich daran.

Viele Piraten waren eben rücksichtslose Kerle, und genauso brutal endete ihr Leben: Klaus Störtebecker etwa, der vor ungefähr 600 Jahren viele Schiffe auf der Nord- und Ostsee enterte. Man nannte ihn Störtebecker, weil er so viel und schnell Met trinken konnte („stürz den Becher“). Er wurde in Hamburg geköpft und sein Haupt an der Elbe als Warnung auf einen Pfahl genagelt. Dabei soll der berühmteste deutsche Pirat, der vom armen Bauernsohn zum superreichen Seeräuber wurde, sogar noch einer der netten gewesen sein: Er teilte die Beute gerecht mit seiner Mannschaft und gab auch den Armen etwas ab.


Die Frankfurter Rundschau / FRplus:Politik "Einmaleins"

Der Knigge beim Staatsbesuch – Wenn auf dem Roten Teppich eine Panne passiert, kann einer nicht lachen: der Protokollchef

Es war ihr erster Staatsempfang als Bundeskanzlerin, alles war bis ins letzte Detail geplant, wie das bei jedem Staatsbesuch so üblich ist. Erst wurden die beiden Nationalhymnen gespielt, dann schritten Singapurs Premierminister Lee Hsien Loong und Angela Merkel vor dem Kanzleramt nebeneinander auf dem roten Teppich die Ehrenfront des Wachbataillons der Bundeswehr ab.

In der Mitte der Formation vor der deutschen Fahne blieb Merkel stehen, um sich protokollgerecht zu verneigen. Doch dann passiert es: Premierminister Loong verpasste den international üblichen Einsatz und marschierte einfach weiter. Auch Merkels kurzer Zuruf an den Gast blieb ungehört. Erst ein Protokollbeamter konnte den Staatsgast stoppen, so dass Merkel und Loong dann das Abschreiten der Formation gemeinsam fortsetzten.

So eine Panne wie am 1. Dezember 2005 mag für die meisten nur eine Kleinigkeit sein, doch für Bernhard von der Planitz ist sie ärgerlich. Der 65-Jährige ist der Protokollchef des Auswärtigen Amtes. Natürlich ist es nicht seine Schuld, doch seine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass jeder Staatsbesuch – sei es im eigenen Land oder im Ausland - reibungslos abläuft. Und das bedeutet eben, dass das Protokoll eingehalten wird.

Für jeden Anlass, jede Art von Empfängen gibt es eigene Regeln, die genau festgelegt sind. Wie wird ein Staatsgast behandelt? Mit welchem Auto wird er abgeholt? Wird der Teppich ausgerollt? Wie ist die Sitzordnung beim offiziellen Empfang? All das steht in einer so genannten Handreichung, einem dicken Buch, das alle Mitarbeiter des Protokolls auf ihrem Schreibtisch liegen haben.

Rund 100 Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes sorgen dafür, dass alles nach Plan verläuft. Bernhard von der Planitz ist ihr Chef, er beschreibt seinen Job als eine harte Managementaufgabe. Vor allem, weil die Zahl der Reisen und Besuche ständig steigt. Vergangenes Jahr gab es 102 eingehende Reisen, bei denen die Bundesrepublik als Gastgeber auftrat. Dazu zählen Staatsempfänge, aber auch internationale Konferenzen und Gipfeltreffen. Hinzu kamen 128 Auslandsreisen. Eine weitere Aufgabe der Protokoll-Abteilung ist übrigens die Betreuung des Diplomatischen Corps – also der Botschafter, deren Mitarbeiter und Angehörigen.

Nun wird die Abteilung sogar vorübergehend aufgestockt, denn im ersten Halbjahr 2007 übernimmt Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft. Das bedeutet noch mehr Empfänge und Treffen, die meist mehrere Monate im Voraus organisiert werden müssen. Staatsbesuche deutscher Politiker im Ausland, etwa bei US-Präsident George W. Bush, erfordern eine ebenso lange und detaillierte Vorbereitung. Bei einigen bevorstehenden Besuchen begibt sich ein Protokoll-Referent sogar auf eine Vorreise, in der er die Anforderungen mit der deutschen Botschaft vor Ort und den zuständigen Protokoll-Kollegen des jeweiligen Landes klärt.

Im Auswärtigen Amt gibt es für jede Region einen Referenten, der auch die inoffiziellen Besonderheiten kennt – also das, was nicht im dicken Protokoll-Buch steht. Etwa, welches Gastgeschenk gut ankommen würde, und wie die kulinarischen Vorlieben bestimmter Politiker sind. Wenn der französische Staatspräsident Jacques Chirac beispielsweise nach Deutschland kommt, isst er am liebsten Eisbein mit Sauerkraut. Das hat ihm der damalige Kanzler Schröder dann gern im Kanzleramt auf der Terrasse servieren lassen. Es sind die kleine Gesten, die die Freundschaft erhalten.

Das Protokoll hat eben trotz der ganzen Sachlichkeit auch immer etwas mit Symbolen zu tun. Als Kanzlerin Merkel nach ihrer ersten Auslandsreise in Paris das Flugzeug bestieg, schritt sie die Gangway alleine empor – erst mit Abstand folgten Außenminister Frank-Walter Steinmeier und die Mitarbeiter. Das Protokoll sorgt so für Aura.

Bernhard von der Planitz ist der Regisseur dieses Staatstheaters. Die Kanzlerin und den Außenminister begleitet er nur bei besonderen Reisen und Staatsempfängen, meist ist er mit Bundespräsident Horst Köhler unterwegs. „Rund um den Globus, rund um die Uhr“, so beschrieb der Protokollchef mal seinen Alltag. Seit 1970 arbeitet von der Planitz im Außenministerium und hat mittlerweile den Rang eines Botschafters.

Er hält sich immer diskret im Hintergrund, ist aber schnell zur Seite, wenn ein Problem oder eine Frage auftaucht. Gerade in fernen Ländern, kann ein deutscher Politiker leicht die Gefühle seiner Gastgeber verletzen, wenn er die lokalen Gepflogenheiten missachtet. Will der Außenminister eine Moschee in Indien besuchen, muss auch Steinmeier – wie in einer Moschee üblich – die Schuhe ausziehen, bevor er sie betritt.

Ernsthafte politische Verwicklungen habe es aufgrund eines Protokollfehlers aber noch nicht gegeben, heißt es im Auswärtigen Amt. Für Aufsehen sorgte dennoch in den Neunzigern das Treffen zwischen dem damaligen Außenminister Klaus Kinkel und dem Dalai Lama. Denn Kinkel weigerte sich, vom Oberhaupt der Tibeter zur Begrüßung einen Schal umhängen zu lassen. Dies sei ein inoffizielles Treffen gewesen, so das Auswärtige Amt heute. Bei offiziellen Empfängen würden die Politiker stets en detail auf die Reise vorbereitet, da wüsste ein Außenminister auch, was auf ihn zukommt.

Für Bernhard von der Planitz ist eine Reise nur gelungen, wenn alles nach Plan verläuft. Wie streng ein Protokollchef sein kann, macht eine Äußerung deutlich, die der kürzlich verstorbene Johannes Rau einst gemacht haben soll. Als der damalige Bundespräsident auf einer Auslandsreise schon in Zeitverzug war, habe Bernhard von der Planitz ihn gedrängt, ein Gespräch zu beenden. „Kennen Sie den Unterschied zwischen einem Protokollchef und einem Terroristen?“, habe Rau schmunzelnd gefragt, und gleich selbst die Antwort geliefert: „Mit einem Terroristen kann man wenigstens verhandeln.“

27. März 2006