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taz, die tageszeitung vom 31.3.2007
Soldaten schreien still
von Matthias Lohre
Gut und Böse trennt nur eine schmale, asphaltierte Straße. Auf der einen Seite der Shuhada-Straße haben sich radikale jüdische Siedler in einem Labyrinth aus sandsteinverkleideten Häusern und Anbauten verschanzt. Gegenüber leben Palästinenser hinter Mauern, von denen die Farbe blättert. Zwischen ihnen stehen israelische Soldaten, bewaffnet mit Maschinengewehren und Funkgeräten. Sie haben den Befehl, die verfeindeten Gruppen auseinander zu halten. Mehr wissen die jungen Frauen und Männer in Uniform selten, wenn sie nach Hebron kommen. Wenn ihre Armeezeit endet, glauben viele von ihnen nicht mehr an die Unterteilung in Gut und Böse. Doch während die meisten von ihnen darüber schweigen, haben einige begonnen zu reden - Exsoldaten wie Mikhael Manekin.
An diesem sonnigen Wintertag steht der 27-Jährige in Hebrons verwaister Altstadt. "Hier mussten Soldaten bis vor wenigen Wochen darüber wachen, dass die Palästinenser die Straße gegenüber dem Siedleranwesen nicht betreten. Nicht einmal die Anwohner." Mit seinem Dreitagebart, weiten Jeans und amerikanischem Akzent wirkt Manekin eher wie ein verträumter US-Collegestudent, nicht wie ein Reservist der israelischen Armee. "18-Jährige in Uniform zwangen Alte und Kinder, eine schmale Treppe zu ersteigen und an einem Steilhang entlangzugehen. Hauptsache, Palästinenser und Siedler gingen einander nicht an die Gurgel." Mit schnellen Worten erklärt er, was er erlebt hat während seiner Armeezeit in der zweitgrößten Stadt des Westjordanlands. "Die hiesigen Siedler gehören zu den gewalttätigsten überhaupt", sagt Manekin. Er versucht, ruhig zu klingen.
Die Siedler stehen im Zentrum einer Geschichte von Gewalt und Gegengewalt, wie sie so oft in diesem unruhigen Land zu hören ist. Aber in Hebron ist sie noch bizarrer. Wie in einer Schneekugel liegen hier die Konflikte, die Israel zermürben, offen zutage. Deshalb erzählt der Exsoldat, was er und andere junge Soldaten hier erlebt haben und was neuerdings sogar Israels Regierung aufschreckt. Das jüngste Kapitel dieser langen Geschichte des Hasses, das Kapitel der radikalen Siedler, begann 1967.
Seit dem israelischen Sieg im Sechstagekrieg strömten immer mehr strenggläubige Juden in die Stadt, in der Abraham begraben sein soll. Und besetzten seither Schritt für Schritt "Heiliges Land". Die Siedler nutzen ihren Einfluss in Militär und Regierung, um sich immer weiter in Hebrons Altstadt festzusetzen. Manekin fasst die Taktik der Siedler so zusammen: "Ein Siedlungsbewohner lädt Verwandte ein, die Armee lässt sie als vorübergehende Besucher passieren, und sie bleiben als neue Siedler." Die Folgen sind bizarr. Schätzungsweise 400 haben sich in der Altstadt festgesetzt - beschützt von rund 1.000 Soldaten und umringt von Palästinensern. Über 130.000 Einwohner zählt die Stadt insgesamt.
In manchen Häusern wohnen Siedler und Palästinenser übereinander - und doch strikt voneinander getrennt. Über den engen Altstadtgassen haben die arabischen Bewohner Drähte gespannt, die ein wirres Netz bilden. Darauf liegen verfaulendes Fleisch, Steine und leere Flaschen. Siedler aus den umliegenden Häusern bewerfen damit ihre palästinensischen Nachbarn, um sie zu zermürben. Auf Dachgiebeln halten Soldaten Wache. Sicherheit ist alles hier, wirklicher Frieden weit entfernt. "Militär und Polizei drängen immer nur die Palästinenser zurück, nie die Siedler", sagt Manekin mit Blick auf den kleinen Checkpoint, der aussieht wie eine mobile Toilette. Neben dem Häuschen versperren Steinbarrieren die Zugänge zur Altstadt.
"Das mildeste Wort für unsere Arbeit hier", sagt Manekin, "lautet ,Politik der Trennung'." Er lacht kurz auf. Der junge Mann möchte sarkastisch wirken, aber es gelingt ihm nicht. Zu nahe geht ihm das, was hier geschieht. Manekin hasst das Militär nicht, der Sohn einer linksliberalen säkularen Familie verpflichtete sich sogar für länger als die obligatorischen drei Jahre bei der Armee. Aber seine Erfahrungen haben ihm gezeigt, dass die Unterteilung in jüdische Israelis und Palästinenser, in Gut und Böse grundfalsch ist. Im Januar musste auch das Militär selbst eingestehen, dass die "Politik der Trennung" rechtswidrig ist. Seither dürfen die palästinensischen Anwohner zum ersten Mal seit Jahren wieder ohne Genehmigung die Straße vor ihrer Tür betreten. Ein Erfolg für Mikhael Manekin und "Breaking the Silence".
Manekin führt die kleine Nichtregierungsorganisation ehemaliger Soldaten von seiner Tel Aviver Wohnung aus, gemeinsam mit zwei angestellten und wenigen freien Mitarbeitern. Seit 2004 haben sie hunderte Aussagen israelischer Exsoldaten gesammelt, die im Westjordanland und im Gaza-Streifen Dienst getan haben. Wie Manekin sind viele von ihnen bis heute Reservisten. Fast immer veröffentlicht Breaking the Silence ihre Worte anonym. Die Armee ist der Schmelztiegel der heterogenen israelischen Gesellschaft, über ihre Fehler und Verbrechen zu reden gilt vielen als Landesverrat. Doch seit dem desaströs verlaufenen Libanonkrieg schwindet die Furcht, über den alltäglichen Irrsinn der Besatzung zu sprechen. Gegenüber Breaking the Silence zog ein Soldat nach seinem halben Jahr in Hebron den Schluss: "Dort müssen wir die Palästinenser vor den Juden schützen, nicht umgekehrt."
Ein anderer ehemaliger Soldat erzählte, wie seine Einheit die gefürchteten Siedler bevorzugt: "Weil es keine eindeutigen Gesetze gibt, können sie tun, was sie wollen." Der Brigadekommandeur gebe seinen Untergegebenen stets das Gefühl: "Ich habe eine Million Dinge zu tun, da schlage ich mich nicht obendrein mit den Siedlern herum. Sollen sie doch noch ein Geschäft in Brand stecken, noch ein Nachbarhaus mit Müll vollstopfen, noch eine Wohnung besetzen. Alles keine große Sache." Wenn solche Taten publik werden, fallen die Strafen meist gering aus. Für die Siedler gilt das israelische Zivilrecht, für die Palästinenser das weit striktere Militärrecht.
Doch langsam scheint die Stimmung zu kippen. Nahe dem Grab des Patriarchen besetzten vor eineinhalb Wochen Dutzende jüdische Siedler ein dreistöckiges Haus. Sie behaupteten, den Rohbau gekauft zu haben. Eine palästinensische Familie erklärte dasselbe. Vizeregierungschef Schimon Peres sprach wütend von einer "unerträglichen Situation. Sollten die Siedler illegal gehandelt haben, kündigte er an, werde das Haus geräumt werden. Bereits Mitte Januar hatte Ministerpräsident Ehud Olmert eine Untersuchung der Vorwürfe am Schauplatz Hebron angekündigt, dreizehn Jahre nach dem Tag, der hier alles veränderte.
Heute erinnert am Grab Abrahams nur noch eine Sicherheitsschleuse an das Massaker vom Februar 1994. Damals stürmte der Siedler Baruch Goldstein mit einem Maschinengewehr in die "Grotte des Patriarchen", des mythischen israelitischen Stammvaters. Er erschoss 29 islamische Gläubige, die auf dem schlichten Teppichboden beteten. Mehr als hundert wurden verletzt. Als Goldstein seine Munition verbraucht hatte, erschlugen ihn Überlebende mit einem Feuerlöscher. Das Massaker an einem der heiligsten Orte von Judentum, Christentum und Islam machte aus Hebron einen der gefährlichsten Orte im Westjordanland. "Radikale Siedler gab es schon länger hier", sagt Manekin, "aber seither ist alles anders."
Siedlergruppen schlossen sich im Altstadtzentrum zusammen. Gegen die überwältigende palästinensische Mehrheit wollten sie ein wachsendes Bollwerk sein. Ihr Sprecher ist ein Mann, dem seine rigiden Ansichten nicht auf den ersten Blick anzusehen sind.
Mit grauem Vollbart und dunkler Wollweste vermittelt David Wilder eher das Bild eines friedfertigen Großvaters. Das ändert sich schnell, wenn er mit seinem Besuch in den Keller der Wohnanlage steigt. Unter geschwungenen Decken hängen in einem kleinen Museum alte Fotos. Großaufnahmen zerhackter Hände und eingeschlagener Schädel. Zeugnisse eines Pogroms im Jahr 1929, in dem Palästinenser 67 Juden töteten und 70 verletzten. Damals erlosch nach fast vier Jahrhunderten die jüdische Gemeinde Hebrons. "Die britische Mandatsmacht tat damals nichts für uns", sagt Wilder.
Für ihn gibt es keinen Unterschied zwischen den Juden damals und jenen heute. Ebenso wenig wie zwischen den palästinensischen Totschlägern vor siebzig Jahren und seinen muslimischen Nachbarn. Wilder sieht sich an der Spitze einer Mission, der er niemals untreu werden darf. Israels Regierung habe schon zu oft nachgegeben. "Wir haben 10.000 Siedler aus ihren Häusern in Gaza geworfen, und wie danken es uns die Palästinenser? Sie schießen mit Kassam-Raketen auf uns." Seit 2001 sehen sich die Siedler in Hebron als Akteure in einem noch gewaltigeren Konflikt: "Die Araber haben das World Trade Center in die Luft gejagt und später die Züge in Madrid." Der Kampf zwischen Gut und Böse wird für Wilder auch an der schmalen asphaltierten Straße ausgefochten.
Wo bis Mitte der 90erHebrons Marktplatz war, türmen sich heute Ruinen ehemaliger Lagerhäuser. "Siedler haben sie mit Bulldozern zerstört, damit die Händler nicht zurückkehren", sagt Manekin. "Das Militär hat es zugelassen." Die Behausungen der Siedler reichen mittlerweile bis an die Überreste der Marktstände heran. Zwei Militärpolizisten beobachten von ihrem Streifenwagen aus die Szene. "Um weiteren Streit zwischen Siedlern und Palästinensern zu vermeiden, soll das Militär beide Seiten von der Einöde fernhalten", sagt Manekin. In diesem Moment gehen drei junge Männer mit langen Schläfenlocken an dem Polizeiauto vorbei, quer über den leeren Marktplatz.
taz Nr. 8240 vom 31.3.2007
© Contrapress media GmbH
Vervielfältigung nur mit Genehmigung des taz-Verlags
taz, die tageszeitung vom 20.9.2007
Kuschelrock vom Kuschellinken
von Matthias Lohre
Klaus Wowereit hat seine Autobiografie geschrieben. "...und das ist auch gut so", ein Selbstporträt des Regierenden als kleiner Mann, der vom eigenen Erfolg überrascht ist. Und eine Werbebroschüre. Die Bild-Zeitung sagt es mal wieder am knackigsten. "Ich komme von ganz unten", legte das Fachblatt für Gefühligkeit Klaus Wowereit gestern in den Mund. Und gleich darunter: "Wir waren arm, aber stolz." Die beiden Sätze fassen gut zusammen, was der Regierende Bürgermeister in seiner heute erscheinenden Autobiografie sagt. Sein Bucherstling "...und das ist auch gut so" wäre demnach nicht vieler Worte wert, wären die insgesamt fast 290 Seiten nicht auch noch etwas anderes. Nämlich eine geradezu unverschämt unverhohlene Bewerbung des Lichtenrader Jungen für höhere politische Ämter.
Der Untertitel des Werks könnte statt "Mein Leben für die Politik" auch "Ich will, ich kann" lauten. Wowereits Autobiografie strotzt vor Selbstbeschreibungen als Sohn einer meist allein erziehenden Mutter in Lichtenrade, dem nichts geschenkt wurde auf dem steten Weg nach oben. Der sich für nichts zu schade war, sich die Hände schmutzig gemacht hat und weiß, was der kleine Mann auf der Straße denkt. Das alles klingt über weite Strecken banal, und das soll es wohl auch sein. Koautor des Buchs ist der ehemalige Max-Chefredakteur und Spiegel-Mann Hajo Schumacher. Der hat sich bereits als Biograf von Roland Koch ("Verehrt und verachtet") daran versucht, aus einer ungebrochenen, jahrzehntelangen Berufspolitikerbiografie eine packende Lebensgeschichte zu formen. Bei Wowereit hatte Schumacher es einfacher: Dessen Laufbahn ist vorbildlich sozialdemokratisch und wird ausgiebig geschildert. Es ist die klassische Heldengeschichte.
Klaus Wowereit kommt 1953 als jüngstes von fünf Kindern in ärmlichen Verhältnissen in Lichtenrade zur Welt. Seine Mutter Hertha schuftet, um ihre Kinder, die sie von drei Männern hat, durchzukriegen. Ein Bruder stirbt früh, ein weiterer fällt bei der Arbeit von einem Gerüst und wird querschnittsgelähmt. Die Mutter erkrankt an Krebs, überlebt, bleibt aber zeitlebens geschwächt. Der jüngste Sohn bleibt bei ihr, lebt in ihrem kleinen Häuschen, organisiert die Pflege und hilft selbst mit.
Bilanz eines Strebers
Gleichzeitig studiert Wowereit als Erster in der Familie, macht das Jura-Examen und rutscht Anfang der 80er-Jahre in ein Beamtenverhältnis. Genosse ist er ohnehin, seit er 18 Jahre alt war. Bald erkämpft sich Wowereit den Fraktionsvorsitz in der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof, wenig später ist er jüngster Bezirksstadtrat Westberlins und wird es elf Jahre bleiben, bis 1995. Im selben Jahr stirbt seine Mutter - an seinem 42. Geburtstag. Nebenan hatte der Jubilar gerade die Kaffeetafel bereitet.
Das alles kommt in einer Sprache daher, als habe Schumacher Gespräche mit Wowereit einfach mitgeschnitten und aufgezeichnet. Die Sätze klingen lakonisch, bleiben aber fast immer im Ungenauen. Oft widersprechen sich sogar Aussagen, die nur wenige Seiten auseinanderliegen. Wenn bereits dem Jugendlichen Klaus seine Homosexualität reichlich klar war und er nicht unter dieser Erkenntnis litt, warum hatte er dann zwei längere Beziehungen zu Frauen? Wenn der Jungsozialist Wowereit die Muffigkeit der satten Berliner SPD der 80er- und 90er-Jahre dermaßen erdrückte, warum erkämpfte er sich in ebendieser Partei mit zäher Beharrlichkeit den Weg nach oben? Inhalte waren für den selbst erklärten Gründer der pragmatischen "Kuschellinken" ohnehin bestenfalls zweitrangig.
Die Antwort klingt so banal wie die Sprache dieses Buchs: weil hier kein Privatmensch kritisch Bilanz zieht, sondern ein Spitzenpolitiker taktiert und um Zustimmung wirbt. Das Buch ist Eigenwerbung. Mit etwas Glück könnte Wowereit bei der übernächsten Bundestagswahl SPD-Kanzlerkandidat sein. Darauf - und auf den Bundesparteitag in wenigen Wochen - zielen Wowereits Worte. Das zeigt sich beispielsweise kaum verhüllt, wenn Wowereit vom Kriegstod des ersten Mannes seiner Mutter berichtet: "Wahrscheinlich ist er in Rumänien gefallen, wie der Vater von Gerhard Schröder."
Vor allem aber nutzt der Regierende seine Vita immer da, wo sich politische Entscheidungen mit persönlichen Erfahrungen aufhübschen lassen. Die von der Linkspartei durchgedrückte Einführung der Gemeinschaftsschule wird umgedeutet zur Einsicht des Arbeiterkindes, dass auch im ärmsten Kiez schlaue Köpfe stecken, die es zu fördern gelte. Ähnlich lautet die Erklärung, warum seine Regierung mehr in Forschung und Wissenschaft investiere. Immer muss der arme kleine Klaus aus Lichtenrade herhalten, um komplexen Koalitionsentscheidungen ein süßes Gesicht zu geben.
Doch es gibt auch Überraschungen. Wowereit wäre nicht Wowereit, bräche sich nicht sein aggressives Selbstbewusstsein immer wieder Bahn. Freigebig verteilt er Spott und Häme, zumeist unter Parteifreunden. Der einstige Tempelhofer Weggefährte Ditmar Staffelt, heute im Bundestag, wird abgewatscht als Karrierist. Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky kommt daher als dauerkrakeelende Kassandra, die Missstände wie an der Rütli-Schule anprangert, statt zu handeln.
Die Studentenbewegung schmäht Wowereit derart heftig, als habe er sich gerade ausgiebig mit dem ebenfalls kritisierten Helmut Schmidt unterhalten: "Achtundsechzig, das war zumindest in Berlin nicht der Aufstand des Proletariats, sondern vor allem ein Gesellschaftsspiel für betuchte Bürgerkinder, die es mit dem Studium nicht so eilig hatten."
Am meisten überrascht an diesem Buch, wie deutlich der Machtmensch Wowereit einige Gefährten lobt - und sich so demonstrativ an sie bindet. Seine Nibelungentreue gilt vor allem dem loyalen Partei- und Fraktionschef Michael Müller: "Wenn es ein Machtsystem Wowereit gibt, dann ist Michael Müller Ehrenmitglied." Das schönste Lob erntet sein Finanzsenator Thilo Sarrazin, ohne dessen arrogante Beharrlichkeit Rot-Rot die Haushaltssanierung kaum geschafft hätte: "Sarrazin war eine Art politischer Günter Netzer, bisweilen genial, gerne etwas lauter, aber nicht jeden Tag teamfähig."
Detailliertes Coming-out
Am besten, weil genauesten ist dieses Selbstporträt des Regierenden als junger Mann, wo es um sein Coming-out geht. Teilweise stundengenau schildert Wowereit die Tage im Juni 2001, als für ihn alles auf der Kippe zu stehen schien. Niemand konnte vorhersagen, ob sein Bekenntnis den politischen Absturz bedeutete. Stattdessen wurde aus dem unscheinbaren SPD-Fraktionsvorsitzenden eines Stadtstaats binnen 24 Stunden ein weltweites Symbol für ein liberal gewordenes Berlin und Deutschland.
Seither hat die Gunst der Öffentlichkeit den Selbstdarsteller Wowereit nie ganz verlassen. Der heute 53-Jährige kann sich Fauxpas erlauben, die anderen Politikern den Kopf kosten würden. Seine Doppelrolle als netter "Wowi" und knallharter Regierungschef füllt er aus - auch im Buch. Wer außer Wowereit könnte es sich erlauben, seine politische Autobiografie mit Fotos auszustaffieren, auf denen er und sein Lebenspartner TV-Frau Sabine Christiansen lächelnd die Köpfe auf die Schulter legen? Und wem würden Medienvertreter schneller verzeihen, dass er sie 15 Buchseiten lang als wankelmütig und halbwissend beschimpft? Dass er seinen Partner Jörn Kubicki seinen Hang zu "Kuschelrock"-CDs ausplaudern lässt, fällt da gar nicht mehr ins Gewicht.
Am Schluss denkt Wowereit öffentlich darüber nach, was einer Zukunft als Bundeskanzler entgegenstehen könnte. Die ausweichende Antwort: "Karrieresprünge geschehen oftmals überraschend." Nur an einem besteht dank der Werbebroschüre in Buchform kein Zweifel: dass Klaus Wowereit Kanzler werden will.
taz Berlin lokal Nr. 8383 vom 20.9.2007
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Vervielfältigung nur mit Genehmigung des taz-Verlags
taz, die tageszeitung vom 31.1.2008
Der Besserwisser
von Matthias Lohre
Wäre Thilo Sarrazin ein richtiger Politiker, dann hätte er in diesem Beruf so ziemlich alles falsch gemacht. Der Mann im Maßanzug und mit dem kerzengraden Gang hat seine potenziellen Wähler als "Trainingsanzug tragende Schluffis" beschimpft, nahezu jeden Bundesminister wahlweise als dumm oder überfordert geschmäht, und dass er sich ohnehin für den Besten hält, möchte der 62-Jährige auch niemandem verheimlichen. Der taz sagt er ohne Anflug von Ironie: "Ich hatte immer das Gefühl, ich weiß es besser." Berlins Finanzsenator ist aber kein richtiger Politiker. Der SPD-Mann mit dem Auftreten eines preußischen Leutnants will keine Zuneigung, er will Respekt. Nun bekommt er ihn.
Die Bild-Zeitung nennt den spröden Ministerialbürokraten neuerdings "Doktor Cool". Die grüne Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus betrauert vorsorglich seinen möglichen Abgang zur Bundesbank im kommenden Jahr. Und Bürgermeister Klaus Wowereit schreibt in seiner Autobiografie halb verständnislos, halb bewundernd über seinen wichtigsten Senator: "Sarrazin war eine Art politischer Günter Netzer, bisweilen genial, gerne etwas lauter, aber nicht jeden Tag teamfähig."
Wenn dieser Vergleich stimmt, dann ist Wowereit Franz Beckenbauer. Der eine macht die Drecksarbeit, foult den Gegner und brüllt die Mannschaft zusammen. Der andere tänzelt übers freigeräumte Spielfeld und macht die Tore. So halten es Sarrazin und Wowereit seit sechs Jahren. Sie sind ein Team. Gemeinsam haben sie in der rot-roten Koalition die Hauptstadt umgekrempelt. Die Liste ihrer Erfolge ist lang.
Gegen alle Widerstände haben ausgerechnet Sozialdemokraten und Sozialisten eisern gespart und das Anwachsen des gewaltigen Schuldenbergs bei 60 Milliarden Euro gestoppt. Jedem betete Sarrazin sein Mantra vor: "Man kann nicht mehr ausgeben, als man einnimmt." Das Ergebnis: Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg hat Berlin 2007 keine neuen Schulden gemacht. Die Hauptstadt, in der Geldverschwendung als Gewohnheitsrecht der alten Frontstadt galt, hat das Sparen gelernt.
Munitioniert mit Grafiken und vielen roten Zahlen, ist er dabei so ziemlich jeder Interessengruppe auf den Fuß getreten. Eingespart wurden milliardenschwere Wohnungsbauförderungen, Millionen für die drei Unis, für Jugendhilfe und Kitas. Als Sarrazin antrat, skandierten von Kürzungen bedrohte Erzieherinnen: "Die Kinder schrei'n, die Eltern flieh'n / da hinten kommt der Sarrazin." Der Senator entgegnete ungerührt: "Wenn Sie eine Tür mit der Brechstange öffnen müssen, können Sie nicht nach dem anschließenden Reparaturbedarf des Tischlers fragen."
Das Erstaunliche war: Die Hauseigentümer haben dem Mann mit der Brechstange den Einbruch nicht sonderlich übel genommen. Die Berliner haben Sarrazins Mantra verinnerlicht und Rot-Rot Ende 2005 erneut gewählt. Trotz allem. Heute ist das erste Kitajahr kostenfrei, zwei weitere sollen es werden. Die Zuschüsse für Unis und Schulen steigen wieder, und die Arbeitslosenzahlen sinken. Berlin erholt sich.
Doch Erholung ist nichts für den Mann, der von sich sagt: "Für mich fühlt sich schon ein längerer Urlaub an wie ein Pharaonengrab." Sarrazin ist selbst hart im Nehmen: Seit einer Ohroperation 2004 ist seine rechte Gesichtshälfte größtenteils gelähmt. Aufhebens macht er nicht davon.
Die neue Herausforderung kommt gerade recht. Seit Januar sitzt Sarrazin der Finanzministerkonferenz vor. Es ist eine Auszeichnung: 28 Jahre lang stellte Berlin keinen Vorsitzenden dieser erlauchten Runde. Anders als in anderen Ministerkonferenzen gilt hier nicht das Rotationsprinzip. Die 13 Männer und drei Frauen haben viel zu sagen, weil sie durch den Bundesrat die Bundespolitik beeinflussen. In diesem Jahr wird es spannend. Die zweite Runde der Föderalismuskommission aus Bund und Ländern soll bis zum Herbst den deutschen Föderalismus reformieren. Derlei Versuche gibt es seit fast 40 Jahren. Zufrieden war noch nie jemand.
Sarrazin und die Kommission stehen vor einer kaum lösbaren Aufgabe. Die reichen Länder wollen nichts abgeben und mit Steuersenkungen Investoren anlocken. Die armen Länder haben Angst, weniger Geld aus dem Länderfinanzausgleich zu bekommen. Das zu entwirren, verlangt nach einem Vermittler. Ausgerechnet diesen Job will nun der Einzelgänger Sarrazin erledigen. Heute treten die 16 Ressortchefs unter seinem Vorsitz zusammen.
Dass er diesen Job einmal innehaben würde, hat Sarrazin wohl nicht erwartet. Noch vor eineinhalb Jahren winkte er bei der Frage nach seiner Mitarbeit bei der Föderalismuskommission ab: "Ich gestalte auch nicht den Nahostkonflikt mit." Heute steckt er mittendrin, und er hat bereits alle gegen sich aufgebracht. Vor einem halben Jahr platzte Sarrazin in die Vorverhandlungen mit der Idee, die Steuerverwaltung beim Bund anzusiedeln. Die Länder wären ihre Steuerhoheit los und hingen am Tropf des Bundes, ein Verteilungsschlüssel soll garantieren, dass sie ähnlich viel Geld in den Kassen haben wie heute. Prompt schrien die Landesfürsten, das Ende des Föderalismus sei nah. Sarrazin blieb bei seinem Plan. Wenn die anderen ihm nicht glauben, sind sie selbst schuld: "Die Mehrheit der Finanzminister und Ministerpräsidenten interessiert sich für Konzepte überhaupt nicht."
Sein unerschütterliches Selbstvertrauen scheint angeboren. Jedenfalls hatte bereits der junge Volkswirtschaftsstudent in Bonn drei Ziele: die Bundeswehr reformieren, die Bahn umbauen und die deutsche Einheit mitgestalten. Das war Ende der 60er-Jahre. Zwei davon hat er erreicht. Zu Wendezeiten hatte er als Arbeitsgruppenleiter im Finanzministerium maßgeblichen Einfluss auf die Währungsunion. Noch heute schwärmt er von den Jahren 89 und 90 als seiner "größten Zeit".
Seine Jahre bei der Bahn beschloss Sarrazin 2001 als Vorstandsmitglied. Er ging, weil er Mehdorns Privatisierungspläne für falsch hielt. Seither sind sich beide in Feindschaft innig verbunden. Sarrazin zeiht seinen Exchef "Zwerg", der revanchiert sich mit "Autist". Die Fehde hat mittlerweile Geschichte geschrieben. Ihr Titel: "Volksaktie".
Seit Jahren tut Sarrazin nämlich alles, um die Bahn-Privatisierung zu verhindern. Nicht aus Liebe zum Staatsunternehmen - der Zahlenmann hält die Trennung von Betrieb und Schienennetz schlicht für unwirtschaftlich. Ende Oktober beim Hamburger SPD-Parteitag erhielt er seine Chance: Die Genossen bekamen in letzter Minute Bauchschmerzen, sie wollten den Privatisierungsplan von Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee nicht abnicken. In diesem Moment schloss Sarrazin einen taktischen Pakt mit den Parteilinken. Der Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer warb für eine "Volksaktie". Das klang nach Volkseigentum und der Rettung vor dem Ausverkauf öffentlichen Eigentums. Der zwar im roten Ruhrgebiet aufgewachsene, aber linker Neigungen unverdächtige Sarrazin steuerte diskret ein Konzept bei. Darauf klebte Scheer sein Etikett "Volksaktie". Die Privatisierung geriet aus dem Gleis: 70 Prozent der Delegierten stimmten gegen die Pläne des eigenen Verkehrsministers. "Wenn auch zum Teil aus emotionalen oder sachlich falschen Gründen", kommentiert Sarrazin den Vorgang.
Eines muss man dem Vater zweier erwachsener Söhne lassen: Wenn er gewonnen hat - gegen einen Senatorenkollegen, Mehdorn oder sonst ein Symbol der Dummheit dieser Welt -, heuchelt er kein Verständnis. Er will Entscheidungen durchzusetzen, nicht Menschen verletzen. Passiert das dennoch, nimmt er es allerdings in Kauf. Dass ihn das sonderlich schmerzen würde, ist nicht überliefert. Kein Wunder, Sarrazin ist durch die ganz harte Schule gegangen: die SPD der 70er-Jahre. Damals drängten unentwegt helle Köpfe in die Partei. Der junge Doktor der Volkswirtschaft musste sich mit Argumenten und Machtspielen behaupten, als er mit Parteigrößen wie Horst Ehmke den "Orientierungsrahmen 85" schrieb. Ein ambitioniertes Programm für die folgenden zehn Jahre. Emanzipation, soziale Sicherung, Umweltschutz - alles drin. "Nur zwei Dinge sah das Programm nicht vor", urteilt Sarrazin heute, "die Globalisierung und die deutsche Einheit."
An Programme glaubt der Pragmatiker Sarrazin schon lange nicht mehr. Seine Welt sind die Zahlen. Sein Markenzeichen, die Zettel voller Grafiken und Ziffern, verteilt er selbst im persönlichen Gespräch. Noch heute macht er einige davon selbst, zu Hause am Rechner. Ihm macht so was Spaß.
Mit dem Chefposten der Finanzministerkonferenz will der bald 63-Jährige seine Karriere nicht beschließen. Er fühlt sich noch im Saft. Beharrlich halten sich Gerüchte, Sarrazins Wechsel in den Bundesbankvorstand 2009 sei bereits ausgemachte Sache. Der Senator tut wenig dafür, das Gemunkel zu dementieren. Darauf angesprochen, antwortet Sarrazin sibyllinisch: "Das ist auch eine denkbare Alternative."
Er kann sich aber auch vorstellen, die Nachfolge seines verhassten Exchefs Hartmut Mehdorn anzutreten: "Das", sagt Thilo Sarrazin ungerührt, "würde ich mir jederzeit zutrauen."
taz Nr. 8493 vom 31.1.2008
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taz, die tageszeitung vom 10.5.2008
Liebe!
von Matthias Lohre
Jasmin Avissar und Osama Zatar sind ein Paar, das es so nur selten gibt. Er ist Palästinenser, sie Israelin. Damit haben sie sich viele Feinde gemacht: die israelische Regierung ebenso wie palästinensische Nationalisten. Ein gemeinsames Leben als Ehepaar ist ihnen in Israel sogar per Gesetz verwehrt. Ihre Odyssee führte sie nun nach Berlin
Jasmin und Osama hätten sich abfinden können mit der Welt, wie sie eben ist. Sie hätten es so machen können wie die meisten Paare, wenn der Druck von außen zu stark wird. Sie hätten sich einreden können, dass ihre Liebe doch nicht so groß ist. Sie hätten einander sagen können, dass es schön gewesen sei miteinander, aber die Umstände würden es nun mal nicht erlauben. Dann hätten sie einander versprechen können, sich einmal wiederzusehen, wenn diese Mauer zwischen ihnen durchlässig geworden ist. Das alles hätten diese beiden jungen Menschen tun können, daheim im Grenzgebiet zwischen Israel und dem Westjordanland. Jasmin und Osama haben es nicht getan.
Deshalb sind sie nun in Berlin. In einer kleinen Wohnung, in der alles vom Sperrmüll stammt, die leise quietschenden Lehnstühle ebenso wie die abgeschabten Teppiche, für die sie sich etwas schämen. Nun endlich könnten sie sich eine Zukunft aufbauen, gemeinsam. Würde sich die Welt nur endlich damit abfinden, wer die beiden sind.
Die Geschichte von Jasmin Avissar und Osama Zatar lässt sich als Märchen erzählen. Jasmin ist die perfekte Besetzung für die Prinzessin. Die 27-Jährige ist Balletttänzerin, hat langes, dunkelblondes Haar, große Augen und einen Mund, der beim Lachen so groß wird, als könne er alle Sorgen einfach zur Seite drängen. "Ja, alles in unserer Wohnung haben wir auf der Straße gefunden", sagt Jasmin, als sie auf der durchgesessenen Couch Platz nimmt. "Berlin ist ein Springbrunnen für Gegenstände." Selbst ihr aufmunterndes Lächeln kann nicht verbergen, dass sie sich ihr Leben zu zweit einmal anders vorgestellt hat. Nicht als ein Hausen auf vierzig Quadratmetern mit Blick auf einen grauen Hinterhof. Aber das ahnte Jasmin noch nicht, als diese Geschichte ihren viel versprechenden Anfang nahm, 2.900 Kilometer vom kalten Berlin entfernt.
Vor fünf Jahren arbeitete Jasmin in einem Tierheim in Atarot, einem Industriegebiet nördlich von Jerusalem. Wenn man der Hauptstraße, an der Atarot liegt, nach Norden folgt, kommt man nach Ramallah im Westjordanland. Keine lange Strecke eigentlich. Im Tierheim kümmerte sich Jasmin um kranke und ausgesetzte Hunden und Katzen. Sie arbeitete hart. Manchmal schlief sie auf dem Fußboden, wenn es abends wieder spät geworden war und ihre Frühschicht um sieben Uhr begann. Vielleicht blieb sie auch deshalb so lange, weil sie hier jemanden kennengelernt hatte. Einen Mann, so alt wie sie, schlank, groß, mit dunklem Haar und Augen, von denen es in Romanen heißt, sie blickten stets traurig. Er war zuständig für die Hunde, sie für die Katzen. Osama Zatar hieß der gut aussehende Mann, er stammte aus dem kleinen Dorf Qarawat Bani Zeid nördlich von Ramallah, und er war Palästinenser. Er war ganz anders als die fanatischen Parolenskandierer, die man so oft im Fernsehen sah, das merkte Jasmin schnell.
Die Wege der beiden kreuzten sich durch einen Zufall. Osamas Vater lebte 30 Jahre lang in Saudi-Arabien, der Sohn kannte ihn nur von jährlichen Besuchen. Mit Mutter und vier Geschwistern wuchs Osama bei Ramallah auf. Die Schule hatte der schüchterne, begabte Junge mit sechzehn Jahren verlassen müssen, weil den Eltern das Geld ausging. Er hatte Zeit, erzwungenermaßen. Damals begann seine Liebe zur Bildhauerei. In Tel Aviv kellnerte Osama, dafür musste er jeden Tag über die Grenze. An einem Checkpoint war er einmal vor einem israelischen Soldaten weggelaufen, weil der mit der Waffe auf ihn gezielt hatte. Osama hatte nicht verstanden, warum der Soldat ihn als Feind ansah. Er hatte nicht verstanden, warum dieser Hass zwischen Israelis und Palästinensern auch sein Leben prägen sollte. Osama hasste niemanden.
Er wurde gefasst und vor Gericht gestellt. Sogar die Anklageschrift bestätigte: Osama hatte niemanden angegriffen oder bedroht. Dennoch wurde er zu viereinhalb Monaten Haft verurteilt. Wegen Gehorsamsverweigerung, Flucht und Verlassens des Westjordanlands ohne behördliche Erlaubnis. Die restliche Strafe wurde für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Da wusste der junge Mann noch nicht, welche Folgen dies einmal haben würde.
Zunächst einmal musste Osama Geld verdienen, irgendwie. Einmal hörte er zu, wie auf der Straße ein Veterinär mit zwei Palästinensern zu reden versuchte, aber der Arzt sprach kein Arabisch, und die Palästinenser konnten kein Hebräisch. Osama, der fließend Hebräisch spricht, dolmetschte. Später erhielt er einen Job bei dem Veterinär. Es war in Jasmins Tierheim.
"Wir genossen es einfach, miteinander zu arbeiten", sagt Jasmin. "Es war so, als würden wir einen gemeinsamen Haushalt führen. Wir zwei und jede Menge Tiere. Es war unser kleines Königreich." Fünf Jahre ist das her. Hier könnte das Märchen enden: Prinz und Prinzessin leben glücklich bis an ihr Lebensende.
Aber diese Geschichte lässt sich auch als Drama erzählen.
Was sich zwischen sie schob, ist bis zu neun Meter hoch und schier unüberwindlich. Im Oktober 2003 begann die Regierung von Ariel Scharon mit dem Bau von Sperranlagen. Auf fast 800 Kilometer Länge sollten sie das Westjordanland von Israel trennen, einen zweifelhaften Frieden schaffen. Der Mauerbau drohte auch Jasmin und Osama zu trennen. Das Tierheim lag auf der israelischen Seite der Mauer, Osama lebte auf der palästinensischen. Jeden Tag hätte er die Armeecheckpoints passieren müssen. Keine Chance für einen mit einer Bewährungsstrafe.
"Die Sperranlage bedrohte unsere Welt, die Luftblase, die wir füreinander geschaffen hatten", sagt Jasmin heute. Osama hört zu. Er sitzt neben Jasmin auf einem der leise quietschenden Lehnstühle. Der junge Mann schämt sich für sein Englisch, dabei ist es gar nicht so schlecht. Meist spricht Jasmin für ihn. Überhaupt ist sie es, die in ihrem gemeinsamen Leben nach vorne drängt, mit schier unerschöpflicher Energie für ihre Liebe Platz erkämpft. Das zeigte sich früh in ihrer Beziehung. Sie hätte wohl selbst nicht sagen können, wohin diese Liebe sie führen wird.
An einem Freitag schlug sie Osama vor, zu heiraten. Spätestens jetzt war die Liebe der beiden ein Politikum. Unter dem Eindruck der Intifada hatte die Knesset kurz zuvor ein Gesetz verabschiedet, das es Palästinensern verbot, zu ihren israelischen Ehemännern und -frauen nach Israel zu ziehen. Vordergründig ging es darum, Selbstmordattentäter am Grenzübertritt zu hindern. Dahinter steckte die Sorge, dass noch mehr Muslime israelische Staatsbürger werden. Heute sind es bereits zwanzig Prozent, und ihre Zahl wächst schneller als die der jüdischen Israelis. Nur palästinensische Frauen über fünfundzwanzig und Männer über fünfunddreißig Jahre dürfen die israelische Staatsbürgerschaft beantragen. Als die Mauer in den Himmel wuchs, war Osama vierundzwanzig.
Warum traten die beiden jungen Leute gegen diese Übermacht an? Jasmins eigene Worte sagen es am besten. "Ich habe das Glück gehabt, einen Menschen zu finden, mit dem ich mein Leben verbringen will. Wenn dir in deinem Leben diese Chance über den Weg läuft, solltest du sie mit beiden Händen greifen und nicht darüber nachdenken. Denn so etwas geschieht nicht oft. Ich bin froh über meine Entscheidung. Ich habe meine Angst vor den sozialen Folgen nicht die Oberhand gewinnen lassen."
Zwei Tage später war Hochzeit in Atarot. Sie bestellten einen Kadi, einen muslimischen Geistlichen, der sie trauen sollte. Doch wo? Die beiden hatten nichts. Keine gemeinsame Wohnung, kein Geld und auch keine Hilfe durch die Familien, die zu diesem Zeitpunkt noch nichts von ihrer verbotenen Liebe ahnten. "Niemand wusste etwas davon", sagt Jasmin und blickt auf ihren Osama. "Aber das machte nichts. So war ich schon immer."
So standen sie am Tag vor Beginn des Pessachfests im April 2004 vor ihrem Tierheim im Industriegebiet, mit der trüben Aussicht, unter freiem Himmel im Staub zu heiraten. Es schien aussichtslos. Ein Taxi fuhr vor, der Fahrer lieferte einen verletzten Hund ein. Osama fragte: "Können wir in deinem Haus heiraten?" Der Taxifahrer, erinnert sich Jasmin, war begeistert. Es stellte sich heraus, dass der Kadi, der Jasmin und Osama trauen sollte, bereits den Taxifahrer und seine Brüder getraut hatte. Und so wurden sie zu ihrer Hochzeit in einem Mercedes chauffiert.
Was in den Tagen darauf folgte, ist schnell erzählt. Die Betreiber des Tierheims feuerte Osama und Jasmin. Osamas Mutter war wütend, sein Vater grollte ein ganzes Jahr lang. Jasmin erinnert sich noch sehr gut an das Gefühl, wie isoliert sie sich damals fühlte, wie missverstanden. "Osama sagte mir vor dem Treffen mit meinen Eltern: ,Lass es uns ihnen erst nach dem Essen erzählen. Dann sind wir zumindest nicht hungrig, wenn sie uns hinauswerfen.' " Doch es kam anders. Jasmins liberale Eltern, eine Archäologin und ein Geschichtslehrer, akzeptierten Osama, der bereits als Bildhauer arbeitete, sofort als Schwiegersohn. Ihre Mutter würde später eine wichtige Rolle in dieser Geschichte spielen.
Doch zunächst versuchten Osama und Jasmin, einfach miteinander zu leben. In Israel war es ihnen ja per Gesetz verboten. Die israelischen Behörden verweigerten Osama selbst eine Arbeitserlaubnis. Anträge, Wartefristen und amtliche Bescheinigungen begleiteten von nun an den Weg des Paars.
Die Liste ist lang: Jasmin schickte ihre Heiratsunterlagen an das israelische Innenministerium und beantragte eine Familienzusammenführung. Das Ministerium weigerte sich brüsk, die Ehe anzuerkennen. In Jasmins Pass stand unter Familienstand "wird geprüft", insgesamt zweieinhalb Jahre lang. In der Zwischenzeit lief Osamas Bewährungsstrafe aus, endlich durfte er das Westjordanland verlassen. Die beiden nutzten die Chance, um auf getrennten Wegen nach Zypern zu fliegen und sich amtlich trauen zu lassen. Dies, so hofften sie, müsste das Innenministerium endlich anerkennen. Es war der Tag vor dem Beginn des Pessachfestes. Es war genau ein Jahr vergangen seit der Hochzeitsfahrt im Taxi.
Jasmins Eltern schrieben einen Brief an Israels Innenminister, Ophir Pines-Paz von der Arbeitspartei, und baten ihn um Hilfe: "In meinem ganzen Leben hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich ein elementares Recht auf Leben und Lieben erbeten müsste", schrieb Jasmins Vater. "Zum Wohl meiner Tochter Jasmin, die sich einen guten jungen Mann aus Ramallah namens Osama erwählt hat, mit dem sie gemeinsam in der Gesellschaft zur Verhinderung von Grausamkeit gegen Tiere gearbeitet hat. Und nun muss ich mich auseinandersetzen mit Grausamkeit gegen Eltern und Kinder."
Es half nichts. "Unser damaliger Anwalt sagte uns, wir würden gegen Windmühlen kämpfen", erinnert sich Jasmin heute. Auf dem Tischchen neben ihrer Couch steht eine zigarettengroße Plakette, darauf die Inschrift "Herzlichen Glückwunsch zu eurer Hochzeit". Auf Englisch und Arabisch. "Ich wurde der Situation müde", sagt Jasmin. Und Osama fügt hinzu. "Damals versuchte ich, nicht zu verzweifeln. Ich schuf Skulpturen aus billigsten Materialien. Aus Draht und Steinen formte ich Bäume. Sie haben etwas sehr Starkes an sich. Sie haben mit niemandem Ärger. Sie wachsen einfach."
Damals, als das junge Paar am Ende zu sein schien, wurde die linksliberale israelische Zeitung Ha'aretz auf die beiden aufmerksam. Ein befreundeter Journalist hakte bei der israelischen Armee nach, warum Jasmin nicht bei ihrem Mann in Ramallah leben dürfe. Dann geschah das Unerwartete. Nach mehreren Absagen bekam der Journalist, nicht das Paar selbst, die offizielle Genehmigung mitgeteilt. Jasmin durfte im Gebiet A leben, im von der palästinensischen Autonomiebehörde kontrollierten Teil des Westjordanlands. Das Paar begriff: Nur der Druck der Öffentlichkeit kann uns helfen.
Nach Veröffentlichung der Reportage unter dem Titel "Grenzen der Liebe" im Frühling 2006 wurden Osama und Jasmin öffentliche Personen. Die zwei waren die perfekten Protagonisten einer herzzerreißenden Liebesgeschichte vor weltpolitischer Kulisse. "Romeo und Julia des Mittleren Ostens", schrieb eine schottische Zeitung. Die Londoner Times griff zum noch älteren Vergleich mit Pyramus und Thisbe, dem aus verfeindeten Familien stammenden Liebespaar aus den Metamorphosen des Ovid. Die Nachrichtenagentur Reuters schrieb über sie, der arabische Nachrichtensender al-Dschasira brachte die beiden per Liveschaltung ins Fernsehen, BBC World machte einen Bericht, selbst das chinesische Radio und das koreanische Fernsehen. Doch nach all dem Rummel musste Jasmin einsehen: "Gebracht hat uns das alles nichts. Wenn ich etwas Politisches sagte, schnitten sie es hinterher raus. Es passte nicht in ihre Story vom süßen Paar."
Die meisten Berichte entstanden, als Jasmin bei ihrem Mann in Ramallah lebte. Dort, wo sich Israelis sonst nur als Besatzungssoldaten aufhalten. Als Feinde. Jasmin war nur viereinhalb Monate dort, aber sie wird diese Zeit nie vergessen. Nicht weil die Palästinenser sie als jüdische Israelin gehasst hätten. "Ich habe niemals auch nur einen schiefen Blick gesehen bei den Menschen in Ramallah", erzählt sie. "Die Menschen sagten mir: ,Du hast dich entschieden, mit uns zu leben. Also bist du eine von uns.' "
Doch was heißt das schon, "eine von uns"? Schon seit langem war Osama, der damals langhaarige Bildhauer, zwischen neue Fronten geraten. "Polizisten der Fatah nahmen mich fest", sagt Osama mit schwerer Stimme. "Sie verprügelten mich und rasierten mir meine Haare ab." Warum, weiß er nicht. Vielleicht wegen seiner Ehe mit einer Israelin. Vielleicht aber auch, weil Osama nicht taktieren wollte. "Ich glaube nicht an einen Nationalstaat, und ich glaube nicht an Nationalismus." Weder an jenen der Hamas noch an den der Fatah.
Jasmin musste jeden Tag von Ramallah über die Grenze nach Jerusalem fahren, um Geld zu verdienen. Die Passage entlang den Checkpoints, in wackelnden Kleinbussen, dauerte bis zu drei Stunden pro Tag. Eineinhalb Stunden hin, eineinhalb zurück. An den Kontrollpunkten durchsuchten schwer bewaffnete Soldaten die Busse. Die Uniformierten waren halbe Kinder, um die zwanzig Jahre alt, wehrdienstpflichtige Frauen und Männer. "Vor ihnen hatte ich Angst. Wenn sie die Busse kontrollierten, beschimpften sie die Fahrgäste. Einmal zwangen sie die zehn Muslime im Bus, ,Amen' zu sagen, damit sie den Checkpoint passieren durften. Die Fahrgäste wussten gar nicht, was sie da sagten." Jasmin, die Selbstbewusste, machte sich Vorwürfe. Müsste sie die Soldaten nicht bei nächster Gelegenheit zur Rede stellen? Sie, die selbst zwei Jahre in der Armee gedient hatte, wenn auch nicht in den besetzten Gebieten? Aber was konnte sie tun? "Die Wut der Soldaten", sagt Jasmin, "hätten nur die Palästinenser zu spüren bekommen. Sie hätten aus dem Bus aussteigen und zu Fuß gehen müssen. Ich nicht."
Und dann setzt sich Jasmin besonders aufrecht hin auf ihrer Couch, ihr Blick richtet sich auf eine Karte des Westjordanlands in der anderen Ecke des Zimmers. "Als Israeli fühle ich mich verantwortlich für das, was die Besatzungssoldaten tun", sagt sie, als sei dieser Satz lange in ihr gereift, "aber ich kann nichts daran ändern. Ich glaube, ein Mensch kann in so einer Situation nicht geistig gesund bleiben. Es war zu viel für mich." Jasmin verließ das Westjordanland. Osama blieb zurück.
So beginnt das bislang letzte Kapitel dieser Geschichte. Was als Märchen begann und zum Drama wurde, wandelt sich darin zum Familienepos. Denn Jasmin zog nach Deutschland. Ausgerechnet in das Land, dessen damalige Herrscher ihre Mutter am liebsten als Kleinkind ermordet hätte. Jasmins Großvater galt im Nazi-Duktus als getaufter "Halbjude". Das "Dritte Reich" überlebten er und seine 1940 geborene Tochter Miriam unter Mühen in Hamburg. Jasmins Mutter trat Mitte der Sechzigerjahre zum Glauben ihrer Vorväter, dem Judentum, über und wanderte nach Israel aus. Vierzig Jahre später kehrte ihre Tochter Jasmin zurück ins Land der Täter. Nach langer Suche fand sie in Berlin Arbeit als Ballett- und Hebräischlehrerin.
Was folgte, präsentiert Jasmin auf DVD. Sie legt einen Silberling in ihren Laptop. Auf dem Bildschirm erscheint eine RTL-Fernsehmoderatorin. Sie kündigt den nächsten Beitrag an, im Hintergrund zu sehen sind ein Davidstern, ein Palästinensertuch und zwei ineinander verkettete Eheringe. Jasmin verdreht die Augen. "Ist das nicht kitschig?" Der scheue Osama ist zu sehen, wie er im März 2007 am Flughafen von Tel Aviv von seiner Schwiegermutter verabschiedet wird. Auf Deutsch sagt sie in die Kamera: "Ich glaube, das ist etwas sehr Tragisches. Das habe ich mir nicht so vorgestellt, als ich hierherkam. Aber jetzt würde ich nicht nach Israel auswandern." Osamas Flug ging nach Deutschland.
Was für ein Happy End das wäre: Das Land der einstigen Nazi-Täter gewährt der Tochter einer Holocaust-Überlebenden und ihrem Mann Zuflucht. Wäre da nicht der bürokratische Kampf, der nun schon ein Jahr dauert. So lange hat sich Osama gemüht, seine Aufenthaltsgenehmigung als Sprachschüler umzuwandeln in eine Aufenthaltserlaubnis als selbstständiger Künstler. Seit wenigen Wochen hat er das ersehnte Papier, es gilt für ein Jahr. Nun darf er endlich arbeiten. Es wurde höchste Zeit. Denn der Osama im Fernsehbericht sieht frischer aus, der Welt zugewandter als jener, der heute in der dunklen Berliner Wohnung sitzt. Gleichzeitig kämpft Jasmin um die Anerkennung ihrer deutschen Staatsangehörigkeit. Ihre Mutter hatte ihren deutschen Pass nie verlängert, nachdem sie nach Israel ausgewandert war. Bekommt Jasmin ihren deutschen Pass, darf automatisch auch ihr Mann hierbleiben.
Der Anwalt sagt, es sehe gut aus. Doch so richtig trauen die beiden niemandem mehr. Der Kampf um ihre Liebe hat Spuren hinterlassen, nicht nur in ihren Gesichtern. "Wir können sonst nirgendwo mehr hin", sagt Jasmin, als es draußen in der kalten neuen Heimat dunkel wird. "Wir sind ein bisschen müde."
Auf der Karte des Westjordanlands in der Zimmerecke hat Osama mit Filzstift die Linien des Grenzwalls nachgezogen, der sie in die Fremde gezwungen hat. Die Linien ergeben ein Gesicht, das in Richtung Israel blickt. An der Stelle, an der sich Jasmin und Osama kennengelernt haben, liegt der Mund. Er lächelt.
taz Magazin Nr. 8576 vom 10.5.2008
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taz, die tageszeitung vom 03.03.2008
Die roten Spießbürger
Während eine Zusammenarbeit von Sozialdemokraten und Sozialisten in Hessen noch als Tabubruch gilt, ist diese Verbindung in Berlin längst regierender Alltag. Inklusive einer Ex-DKPlerin als Senatorin. Die Linken sind hier nicht der Bürgerschreck, sondern fleißige Kleinbürger
Der Herr neben Naomi Campbell genoss es sichtlich, hier zu sein. Fotografen schossen Bilder des souverän lächelnden Models, und viele von ihnen fragten sich vermutlich, was um Himmels Willen der weniger souverän lächelnde Anzugträger neben ihr auf der schicken "Berlin Fashion Week" zu suchen hatte. Dabei ist Harald Wolf der Schirmherr der Modemesse, Wirtschaftssenator - und starker Mann der Berliner Linkspartei.
Stars und Sozialisten, Genuss und "Gegen Hartz IV"-Rufe? In der Hauptstadt geht seit Jahren zusammen, was im Westen der Republik bis heute als Kulturbruch gilt. Während die SPD in Hessen und Hamburg Eide schwört, sie werde nicht mit den linken Schmuddelkindern spielen, koalieren in Berlin Sozialdemokraten und Sozialisten bereits seit sechs Jahren. Skandale hat es kaum gegeben, im Gegenteil. Rot-Rot regiert so still, diszipliniert und wirtschaftsfreundlich, dass es manchem Sozialisten peinlich ist.
Die Liste der Senats-Zumutungen ist lang. Die derzeit einzige rot-rote Koalition auf Landesebene hat rund 100.000 landeseigene Wohnungen verkauft. Die größte Wohnungsbaugesellschaft ging 2004 mit 65.000 Wohnungen zu einem Spottpreis weg - ausgerechnet an einen Immobilienfonds. Rot-Rot strich das verbilligte Nahverkehrsticket für Arbeitslosengeld- und Sozialhilfeempfänger. Erst nach massiven Protesten führte die Koalition es wieder ein - zu einem deutlich höheren Preis. Mit den Gewerkschaften verscherzt hat es sich Rot-Rot spätestens, seitdem das Land 2003 aus den öffentlichen Arbeitgeberverbänden ausgetreten ist. Zigtausende Stellen im aufgeblähten öffentlichen Dienst sind gestrichen worden. Wer geblieben ist, arbeitet weniger Stunden für weniger Geld. Hinzu kommen Kürzungen bei Universitäten, Theatern, Kitas und Jugendhilfe. Das ist die eine Seite der Geschichte.
Auf der anderen Seite haben ausgerechnet die Roten etwas vollbracht, was keiner Berliner Regierung seit dem Zweiten Weltkrieg gelang: Mit eiserner Disziplin haben sie das Anwachsen des gewaltigen Schuldenbergs Berlins gestoppt. 60 Milliarden Euro hat die Stadt auf dem Buckel, das ist dreimal so viel wie der gesamte Jahresetat und passt eher zu einem Staat. Heute wächst Berlins Wirtschaft wieder, das Land kann endlich Geld ausgeben: für kostenfreie Kitajahre für alle beispielsweise, für neue Studienplätze und Unternehmensansiedlungen. 10.000 sozialversicherungspflichtige Jobs für Langzeitarbeitslose sollen mit Unterstützung vom Bund entstehen, und Landesaufträge gehen künftig nur noch an Unternehmen, die versprechen, ihren Mitarbeitern mindestens 7,50 Euro pro Stunde zu zahlen. Der Sozialismus kommt in Berlin nicht mit radikalen Thesen daher, sondern mit Durchführungsverordnungen.
Die CDU ist fast fremd
Die wahren Bürgerlichen in Berlin sind die Linken, zumindest im Osten. Dort sind die Sozialisten als Kümmererpartei fest verankert. Die CDU ist dort noch immer so fremd, dass sie sogar selbstironisch wird. Vergangenes Jahr tourten Parteivertreter mit einem Kleinbus durch die Ex-DDR-Hauptstadt. Darauf prangte "UvO - Union vor Ort" - damit sie im Osten endlich "nicht mehr als UFO wahrgenommen" werde. Ohne Erfolg.
Radikal an Rot-Rot in Berlin ist nur eins: sein Pragmatismus. In Niedersachsens Linkspartei-Fraktion schwadroniert eine DKP-Frau über ihre Sehnsucht nach einer neuen Stasi? Na und. Berlins Arbeits- und Sozialsenatorin von der Linken heißt Heidi Knake-Werner, kümmert sich wacker um Milderungen der Hartz-IV-Regelungen - und war bis 1989 bei der DKP. Nicht einmal die Opposition hat in jüngster Zeit versucht, daraus Kapital zu schlagen. Lang vergessen sind die hysterischen Rufe einiger CDUler zu Koalitionsbeginn 2002. Damals orakelte die frischgebackene Oppositionspartei, die SPD habe "dem Kommunismus wieder die Tür aufgesperrt". Heute kritisiert die Union schon mal, der Linke-Wirtschaftssenator verstehe sich zu gut mit dem IHK-Präsidenten.
Der rote Pragmatismus passt längst nicht allen in der Partei. Oskar Lafontaine nutzt jede Gelegenheit, die angeblich neoliberale Arbeit der Berliner Genossen zu geißeln. Sie durchkreuzt täglich seine Strategie, die Linkspartei als reine Oppositionskraft zu verkaufen. Vergangenes Jahr forderte der wortgewaltige Partei- und Fraktionschef, den Verkauf der Berliner Sparkasse zu stoppen. Dass die EU-Kommission den Verkauf im Gegenzug für Milliardenhilfen angeordnet hat, ließ Lafontaine nicht als Einwand gelten. Der nächste Konflikt zwischen Oppositions- und Regierungspartei steht bevor. Das Alphatier will die Hauptstadt-Genossen dazu bringen, dass Berlin im Mai im Bundesrat gegen den EU-Reformvertrag stimmt. Die SPD hält dagegen: "Die Stadt Willy Brandts gegen Europa, das kann nicht sein", urteilt deren Fraktions- und Landeschef Michael Müller.
Wer gewinnt, gilt als offen. Berlins Linkspartei vertraut auf das eigene Gewicht. Der Landesverband hat fast 10.000 Mitglieder, das ist jedes sechste Mitglied der "alten" Linkspartei vor der Vereinigung mit der WASG. Überhaupt: die Wahlalternative. Mit deren Mitgliedern leisteten sich die regierenden Linken mehr als ein Jahr lang eine Schlammschlacht. Berlins WASG hatte sich im Protest gegen die Sparpolitik von Rot-Rot gegründet. Beide Seiten beschimpften sich als Verräter, am Ende blieben die WASGler auf der Strecke. Sie pflegen weiter ihre Richtungsstreitigkeiten, aber die Linkspartei bleibt von solchen Zerreißproben verschont. Ein paar hundert Wahlalternativler haben den Weg zur Linkspartei gefunden. Deren Regierungskurs ist derselbe geblieben.
Für ihre beinhart pragmatische Regierungsarbeit bekam die Linke Ende 2006 die Rechnung. Bei der Abgeordnetenhauswahl stürzte die Partei von 22,6 auf 13,4 Prozent ab. Schuld war auch die Überalterung der Anhänger. Auf Wahlveranstaltungen blockieren weiß- und grauhaarige Ostrentner noch immer beflissen die ersten Bierbänke vor der Bühne, verärgertes Zischen bei Dazwischenreden ist inklusive.
Auf einem Sonderparteitag mussten die Parteigranden nach der Wahlschlappe die verärgerte Basis beruhigen. Gregor Gysi, der 2002 aus dem Amt des Wirtschaftssenators geflüchtet war, stellte sich damals auf ein kleines Podest und rief seinen Parteifreunden zu: "Diejenigen, die Linkspartei wählten, wollten ganz bestimmt nicht, dass die Grünen regieren." Die Genossen fanden diese Dialektik logisch. Sie entschieden sich fürs Weitermachen, Wowereit entschied sich für die Linkspartei. Den wahren Grund hören sie nicht gern, kratzt er doch am nonkonformistischen Image der Bundespartei: Der Regierende Bürgermeister fand die Roten schlicht pflegeleichter als die Grünen. Bei einer knappen Zwei-Stimmen-Mehrheit im Abgeordnetenhaus kommt es auf Disziplin an.
Nur einmal zeigte die Fraktion, dass sie auch anders kann. Als sich Klaus Wowereit Ende 2006 im Abgeordnetenhaus zur Wahl stellte, fiel er völlig überraschend im ersten Wahlgang durch. Mindestens zwei Koalitionsparlamentarier gaben ihre Stimme Wowereit nicht, der Regierende verfehlte die nötige Mehrheit der abgegebenen Stimmen. Erst die Drohung, keinen dritten Wahlgang mitzumachen, disziplinierte die Aufmüpfigen. Bis heute halten sich Gerüchte, die Beinahe-Königsmörder seien regierungsmüde Linke gewesen. Seither erinnert nur selten etwas daran, dass die meisten Parteimitglieder schon in der SED waren. Zum Beispiel, wenn eine Bezirksstadträtin bei einer Gedenkveranstaltung für NKWD-Folteropfer lobt, die Sowjetunion habe nach dem Krieg "am längsten ein einheitliches Deutschland und Berlin" angestrebt. Oder wenn die Europa-Abgeordnete Sahra Wagenknecht ätzt, die selbstkritische Auseinandersetzung der jungen Garde mit dem DDR-Staatssozialismus stecke voller "Würdelosigkeiten" und sei "anormal". Einen Parteitag lang wird dann gestritten, und danach geht alles wieder seinen sozialistischen Gang. Die Stadträtin ist heute Staatssekretärin, Wagenknecht sitzt weiter in Brüssel, und die Pragmatiker dürfen regieren.
Rot-roter Frieden in Berlin
Dabei hilft es, dass deren Gesichter keine bösen Erinnerungen an die DDR wecken. Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner stammt aus dem Westen, ebenso Wirtschaftssenator Harald Wolf. Der gelernte Politologe war bis 1990 bei den Grünen. Gesundheitssenatorin und Ostberlinerin Katrin Lompscher trat zwar mit 18 Jahren der SED bei, doch neun Jahre später fiel die Mauer. Lompscher war zu jung, um in der DDR Karriere zu machen. Der jungenhafte Landesvorsitzende Klaus Lederer ist sogar erst 33 Jahre alt.
Die Sozialdemokraten und die Sozialisten: In Berlin haben sie vor langer Zeit ihren Frieden miteinander gemacht. Besonders anschaulich zeigen das zwei Senatoren. Der eine heißt Thilo Sarrazin (SPD) und ist zuständig für die Finanzen. Der Ex-Bahn-Manager gerät wegen seines losen Mundwerks immer wieder in die Kritik. Auf der anderen Seite steht die verbindliche Sozialsenatorin und Ex-DKPlerin Heidi Knake-Werner. Beide könnten unterschiedlicher kaum sein. Zum Geburtstag schenkte der knorrige SPD-Senator seiner Kollegin ein Buch mit Gedichten von Pablo Neruda. Einem Kommunisten.
taz Nr. 8520 vom 3.3.2008 tazzwei
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Das große Sterben
Deutschlands Städte bluten aus. Bereits jetzt stehen mehr als eine Million Wohnungen in Ostdeutschland leer, Stadtviertel verfallen, Landstriche veröden. Oft ist Abriss, wie etwa in Leipzig, die einzige Lösung. Deutschland steht vor einer Jahrhundertaufgabe.
Deutschlands Städte bluten aus. Bereits jetzt stehen mehr als eine Million Wohnungen in Ostdeutschland leer, Stadtviertel verfallen, Landstriche veröden. Oft ist Abriss, wie etwa in Leipzig, die einzige Lösung. Deutschland steht vor einer Jahrhundertaufgabe.
Leipzig - Wie wäre es mit einem Hirschgehege hinter dem Leipziger Hauptbahnhof? Platz genug, finden die Stadtväter, gebe es ja. Man nutzt einfach die Brache neben dem frisch renovierten Prunkbau des Bahnhofs, platziert auf einer neu angelegten Wiese sechs Hirsche und dazu einen Hochsitz. Zwischen einfahrenden Schnellzügen und dem Autolärm der Hauptstraße könnte so der öffentliche Raum genutzt werden, den sonst niemand braucht.
Der Plan mit den Hirschen im Stadtzentrum ist bezeichnend für die städtebauliche Situation in Leipzig. Allein im Stadtteil Volkmarsdorf, direkt hinter dem Bahnhof, steht jedes zweite Haus leer - viele davon sind Altbauten. Aus manchen Häuserdächern wachsen Birken, auf rissigen Plakaten werben Immobilienmakler um Käufer, die nicht kommen werden. "Unser Plan, hier ein Hirschgehege einzurichten, ist natürlich eine Art Groteske", sagt Wolfgang Kunz, der Leiter des Leipziger Stadtplanungsamtes. "Aber wir brauchen prägnante Beispiele, die auf den dramatischen Wohnungsleerstand in der Stadt hinweisen."
Fast 60.000 Wohnungen stehen in Leipzig leer. Die Sachsenmetropole hat von 1989 bis 1998 fast hunderttausend Einwohner verloren, von 530.000 Bürgern schmolz die Einwohnerschaft auf 438.000. Dann gab es eine Gebietsreform, Randbezirke wurden eingemeindet.
Viele Leipziger sind ins Umland oder in den Westen gezogen, der Geburtenrückgang kommt hinzu. Unterm Strich stieg im vergangenen Jahr die Einwohnerzahl durch Zuzug zwar leicht um 1800. Doch die Stadtplaner müssen langfristig denken. Ihnen ist klar: Leipzig droht zu veröden, und die Stadt reagiert mit drastischen Programmen, deren Namen seltsam idyllisch klingen.
"Dunkler Wald", "Wandel auf der Parzelle" oder "Lichter Hain" nennt die Behörde blumig ihre radikalen Pläne für das "Grüne Rietzschkeband", welches das Gesicht des ausblutenden Leipziger Ostens von Grund auf verändern soll. Wo sich heute zerfallende Häuser aneinander reihen, soll nach und nach eine Schneise aus Parks, Wäldchen und Veranstaltungsplätzen entstehen. "Wir wollen keine hässliche Brache in der Stadt, sondern eine positive Identifikation mit dem Prozess, gegen den wir nichts tun können. Die 60.000 Wohnungen sind ja so oder so leer", sagt Kunz.
Die Leipziger gehören zu den ersten, die sich mit Plänen einem Problem stellen, das bald überall auf der Tagesordnung stehen wird: Deutschlands Städte und Dörfer schrumpfen. Schon heute gibt es allein in Ostdeutschland 1,2 Millionen leer stehende Wohnungen. Im Jahr 2030 werden es voraussichtlich doppelt so viele sein.
Weil hier zu Lande immer weniger Kinder zur Welt kommen, werden viele Hochhäuser und Gründerzeit-Schmuckstücke nicht mehr gebraucht. Ganze Stadtteile und Dörfer wandeln sich zu Ghettos, in denen nur noch die Alten und Arbeitslosen bleiben. Fenster und Türen werden vernagelt, der Niedergang der Städte ist hier schon Realität. Nur die Seniorenheime sind hübsch heraus geputzt.
Zum ersten Mal seit dem Dreißigjährigen Krieg droht Deutschland wieder die Verödung ganzer Landstriche. Das gilt auch für westdeutsche Regionen wie das Ruhrgebiet. Nach Berechnungen des Düsseldorfer Landesamtes für Datenverarbeitung verlor beispielsweise Essen seit 1990 37.000 Einwohner. Selbst florierenden Städten wie München wird der Rückgang prognostiziert: Spätestens ab dem Jahr 2030 soll auch dort die Bevölkerungszahl zurückgehen, schätzt das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung.
Stimmen die Vorhersagen des Statistischen Bundesamtes, dann hätte Deutschland - selbst bei einer optimistischen Prognose, die 200.000 Einwanderer pro Jahr vorsieht - im Jahre 2050 nur noch 75 Millionen Bürger - ein Minus von sieben Millionen Menschen. Eine düstere Schätzung der Wiesbadener geht sogar von lediglich 67 Millionen aus. Deutschland vergreist, und die Kahlschlag-Pläne der Leipziger sind erst der Anfang.
Die Leipziger Stadtväter raten den Hauseigentümern zum Abriss, weil sich weit und breit eh keine Mieter mehr finden lassen. Grundbesitzern schlagen die Beamten vor, ihr Gelände der Kommune zu überlassen, auf denen sie dann Freiflächen einrichtet. Wer will, erhält nach fünf Jahren sein Eigentum zurück. Der Hintergedanke von Stadtplaner Wolfgang Kunz und seinen Leuten: Nach und nach soll sich so das Gelände leeren, und auch widerspenstige Hauseigentümer werden dann einsehen, dass ihre Immobilie mitten im Nirgendwo keinen Wert hat. Dann, so hofft Kunz, stehe einem spottbilligen Ankauf durch die Stadt und der Schaffung von Grünflächen nichts mehr im Wege.
Das dafür nötige Geld steht schon bereit: Vor einem Jahr hat der Bund die ersten 1,25 Milliarden Euro (von insgesamt 2,9 Milliarden) des "Stadtumbauprogramms Ost" freigegeben, dessen Mittel je zur Hälfte für Instandsetzung und Abrisse genutzt werden sollen. Bis zu 400.000 Wohnungen sollen der Abrissbirne zum Opfer fallen. Wo vor wenigen Jahren mit Steuer-Milliarden und Abschreibungs-Modellen der Aufbau Ost gefördert wurde, herrscht jetzt der "Abriss Ost".
Leipzig hofft, durch die geplanten Abrisse die Entstehung eines städtischen Flickenteppichs aus sanierten Häusern, leer stehenden Ruinen und Brachen zu verhindern. Die Stadtverwaltung bewegt sich dabei auf einem schmalen Grat. Was, wenn sich die Vorhersagen über die Bevölkerungsentwicklungen als falsch herausstellen? Oder die Stadtviertel, denen sie heute keine Zukunft mehr einräumt, wieder attraktiv werden? Der Abriss von je 10.000 Platten- und Altbauten könnte dann als verheerendes Kapitel in die Stadt-Geschichte eingehen. Das kann auch Wolfgang Kunz nicht ausschließen. "Aber wir müssen jetzt handeln. Wir können die Hände nicht in den Schoß legen." Auch die Instandhaltung leer stehender Häuser kostet Geld, das die Stadt und viele Hauseigentümer nicht haben.
Helfen soll den Leipzigern das Projekt "Schrumpfende Städte", eine Zusammenarbeit zwischen Bundeskulturstiftung, der Bauhaus-Stiftung in Dessau, der Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst und der Architekturzeitschrift ARCH+. Vier internationale Regionen werden hier unter die Lupe genommen: Detroit, die russische Industriestadt Ivanovo, Manchester/Liverpool und Halle/Leipzig. Alle Gebiete leiden aus unterschiedlichen Gründen unter extremem Bevölkerungsschwund. Mit 3,2 Millionen Euro fördert die Bundeskulturstiftung das Projekt, das im nächsten Jahr die ersten Untersuchungsergebnisse präsentieren will.
Leiter ist der Berliner Architekt Philipp Oswalt. Aus seiner Sicht greifen bloße Abriss-Entscheidungen zu kurz: "Marktbereinigung ist keine Antwort auf die große Herausforderung des Stadtumbaus." Sinnvoll findet der Architekt die geplante Senkung der Eigenheimzulage. Die Flucht der Stadtbewohner in unnötige Neubauten im Umland könnte dadurch zumindest gebremst werden. Auch eine Senkung oder Streichung der Kilometerpauschale könnte dazu beitragen.
Letztendlich wird sich jede deutsche Stadt in einem harten Wettbewerb um Industrieansiedlungen, gut ausgebildete Arbeitnehmer und attraktive Freizeitangebote behaupten müssen. Lebensqualität als Überlebensstrategie. Traditionsreiche Universitäts- und Handelsstädte wie Leipzig könnten in diesem Rennen besser bestehen. Das auf dem Reißbrett entworfene Eisenhüttenstadt bliebe dagegen vermutlich auf der Strecke.
Noch weiß niemand genau, wie das gewaltige Erbe der deutschen Städte bewahrt werden kann. Wie in den fünfziger Jahren schaffen Abrissbirnen heute wieder Tatsachen, die Jahrzehnte später als Bausünden am Pranger stehen. Was dabei unwiederbringlich verloren geht, kann heute niemand abschätzen.
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SPIEGEL ONLINE – 24. Juli 2003
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von Matthias Lohre für SpiegelOnline (24.07.2003)
Generation Golf in der Wagenbu
Sie sind um die 30 und fürchten, dass ihre berufliche Zukunft schon hinter ihnen liegt. In der Wirtschaftskrise landen auch die Hochqualifizierten auf der Straße oder kommen gar nicht erst zu einem Job. Schutz vor dem rauen Klima suchen die Egozentriker von gestern in kuscheligen Bürokollektiven.
Sie sind um die 30 und fürchten, dass ihre berufliche Zukunft schon hinter ihnen liegt. In der Wirtschaftskrise landen auch die Hochqualifizierten auf der Straße oder kommen gar nicht erst zu einem Job. Schutz vor dem rauen Klima suchen die Egozentriker von gestern in kuscheligen Bürokollektiven.
David Heimburger muss gleich weg, sagt er. Zum nächsten Termin. Zweieinhalb Tage pro Woche arbeitet er für sein Jura-Referendariat. In der restlichen Zeit schreibt er als freier Mitarbeiter für Tageszeitungen, Onlinedienste, Magazine - was immer die Auftragslage hergibt. Er lächelt, denn er ist froh, eine Beschäftigung zu haben.
Eines wollte der 28-Jährige auf keinen Fall: zusammensacken zu einem Häufchen Elend voller Zukunftsangst. Wie so viele Journalisten, Werbefachleute, Architekten und all die anderen Akademiker, die vor zwei, drei Jahren noch eine steile Karriere vor Augen sahen und heute vor dem beruflichen Abgrund stehen. "Jung, erfolgreich, entlassen", titelte der SPIEGEL; "Anfang am Ende" nannte es "Die Zeit".
Nichts als quälende Fragen
Mitten in die Wirtschaftskrise hinein hat die angesehene Henri-Nannen-Schule Heimburger und seine 16 Journalisten-Kollegen zu Redakteuren ausgebildet. Nur drei haben nach dem Abschluss Anfang des Jahres eine der begehrten festen Arbeitsstellen ergattert. Die übrigen stellten sich über Monate hinweg die quälende Frage: Was jetzt? Arbeitslos melden, promovieren, um ein Auslandsstipendium bewerben? Ihre Antwort heißt „Plan 17“.
Hinter diesem griffigen Namen sammeln sich Heimburger und seine Freunde. Seit Juni hat Plan 17 eine Büroadresse. Ein großes, helles Büro in der Hamburger Speicherstadt, ganz oben im sechsten Stock. Als Plan 17 drucken sie Visitenkarten und Briefpapier im einheitlichen Design, lassen sich eine Website bauen (http://www.plan17.de/), auf der sie seit wenigen Tagen ihr Können bewerben.
Sie nennen sich "Journalistenverbund": eine locker organisierte Gruppe, die nach außen einheitlich auftritt. Im Büro sitzen vier der 17, die übrigen arbeiten von zu Hause oder lassen ihre Mitarbeit ruhen. Was sie im Innersten zusammenhält, ist nicht nur das starke Zusammengehörigkeitsgefühl, das ihnen in der Journalistenschule den Ruf eines "Kuschelkurses" eingebracht hat. Sondern auch das Wissen, dass sie gemeinsam "mehr sind als die Summe der einzelnen", wie es auf ihrer Internetseite heißt.
Alle unter einem Dach
Die Generation Golf, bisher eher für ihre Egozentrik und spitzen Ellenbogen bekannt, hat die Solidarität wieder entdeckt - und das Kollektiv. Erhält einer von ihnen einen Arbeitsauftrag, bietet er dem Auftraggeber auch das Können seiner Kollegen an. Hat sich eine Zeitung oder eine Zeitschrift über Plan 17 an die Jungjournalisten gewandt, geht ein geringer Teil des Lohns in eine gemeinsame Kasse, aus der zum Beispiel die Serverkosten für die Homepage bezahlt werden. Was die Ex-Nannen-Schüler abseits ihrer Vertragsgemeinschaft erwirtschaften, fließt weiter in ihre eigenen Taschen. "Eine Kollegin hat gerade einen 12-Monats-Vertrag", sagt Heimburger, der Plan 17 gegenüber Auftraggebern vertritt. "Wenn sie will, kann sie im Anschluss unter unserem Dach arbeiten."
Die Idee zu ihrer modernen Wagenburg hatten die Journalisten bei einem gemeinsamen New-York-Besuch. Draußen regnete es, und in der achttausend Kilometer entfernten Heimat herrschte die Wirtschaftskrise. In einer Kneipe im herbstlichen Manhattan kam ihnen der Gedanke, die in ihrer Ausbildung bewiesene Solidarität auch später zu nutzen: ihre Hoffnung auf eine Nische im überfüllten deutschen Medienmarkt.
Langsam stellen sich die ersten Erfolge ein. "Es läuft nicht schlecht, wir haben viel zu tun", sagt David Heimburger. So haben fünf Leute von Plan 17 den diesjährigen Geschäftsbericht von Gruner & Jahr gestaltet. Der Medienriese ist eng mit der Henri-Nannen-Schule verbunden. Ein Gewinn für beide Seiten: Der Konzern erhält preiswert einen professionell gestalteten Bericht, und die Jungjournalisten bekommen nicht nur dringend benötigtes Geld, sondern eventuell auch einen Stammkunden.
Künftige Auftraggeber könnten auch die Hersteller von Kundenzeitschriften sein. Lange wurden die Hefte kaum beachtet, doch in der Krise verzeichnen Apotheken-Umschau, Lufthansa-Magazin und Co. stabile Millionen-Auflagen. Worüber noch vor kurzem viele Journalisten die Nase rümpften, das erscheint heute auch den ehemaligen Journalistenschülern verlockend. Zumindest, bis bessere Angebote kommen. Die Hoffnung auf morgen ist zu einem gängigen Zahlungsmittel für junge Akademiker geworden, und so lange schlagen sie sich oft als Freiberufler durch.
Wagenburg von Architekten und Medienleuten
Obwohl viele von ihnen noch immer den Gang zum Arbeitsamt scheuen, wächst seit Jahren die Zahl der arbeitslosen Fachhochschul- und Uni-Absolventen. Allein zwischen September 2001 und September 2002 stieg die Zahl der Akademiker auf Jobsuche um ein Viertel: von 180.000 auf 224.000. Im März dieses Jahres waren sogar 253.000 arbeitslos gemeldet.
Die Dunkelziffer ist weit höher. Bei Rauswürfen landen oft die Jungen, Unverheirateten, Kinderlosen als Erste auf der Straße. Und die Universitäten spucken ganze Abschluss-Jahrgänge aus, die ihren älteren Geschwistern auf dem Weg zum Arbeits- oder Sozialamt folgen. Auch der Architekt Florian Böhm will das um jeden Preis vermeiden. Die Wagenburg des 31-Jährigen steht in einem ehemaligen Kindergarten in Berlin-Mitte. Seit einem halben Jahr haben sechs Architekten, ein Videokünstler, ein Regisseur und ein Kameramann in dem quietschbunten Siebziger-Jahre-Bau eine Zuflucht gefunden. Die Wohnungsbauverwaltung ist froh, überhaupt gewerbliche Mieter für die Plattenbauten zu finden. Für die 160 Quadratmeter zahlen Böhm und seine Kollegen daher kaum mehr als die Nutzungskosten, reparieren im Gegenzug Fenster oder streichen Wände.
Wer jetzt kein Haus gebaut hat, baut sich keines mehr
Hier und da sind auf den Tapeten noch die Teddybären und Frösche der Vormieter sichtbar. Dazwischen stehen Computer, Zeichentische und Kameras und verbreiten eine geschäftige Atmosphäre. Dabei hat Böhm seit seinem Uni-Examen vor einem Jahr keinen festen Job. Die Hälfte seiner Arbeitszeit verbringt er mit kleineren Arbeiten für ein Architekturbüro, die andere Hälfte mit Bauentwürfen für internationale Wettbewerbe.
"Ständig lebe ich am unteren Ende des Dispo-Limits", sagt Böhm mit einem dünnen Lächeln. An die Krise hat er sich schon gewöhnt. Schließlich wird es irgendwann zu
anstrengend, sich ständig Sorgen um die Zukunft zu machen.
Der Blick auf seine Kollegen im umgebauten Kindergarten beruhigt ihn. Ihnen geht es nicht besser als ihm. Aber vielleicht wird einer von ihnen ja Karriere machen. "Sobald einer es schafft, kann er andere mitnehmen", hofft Böhm. Sein Ziel ist ein richtiges Architekturbüro oder eine Architektur-Dokumentation mit seinem Kollegen, dem Filmregisseur.
Schluss mit dem Einzelkämpfertum
Einzelkämpfer sind auch unter ihnen nicht gefragt. Wie die Henri-Nannen-Schüler verschaffen sich die Berliner schon heute gegenseitig Aufträge. Dass sie in verschiedenen Städten studiert haben, sehen die Architekten als Vorteil: Ihre Kontakte erstrecken sich über ganz Deutschland, und dieses Netz wollen sie zur Auftragssuche nutzen.
Den Nachwuchsarchitekten steht aber ein Problem wie ein Fels im Weg, das sie bei aller Eigeninitiative selbst nicht lösen können: Der Markt ist auf absehbare Zeit gesättigt. "Es baut heute praktisch keiner eine Schule, der nicht schon eine gebaut hat", sagt Böhm.
"Wie geht es weiter mit uns, ist eine Frage, die uns nicht allzu sehr umtreibt", schrieb Florian Illies noch vor drei Jahren im ersten Teil seines Bestsellers "Generation Golf". Heute stecken die 30-Jährigen in ihrer ersten großen beruflichen Krise. Sie simulieren ein Arbeitsleben, in der Hoffnung, es irgendwann einmal ausfüllen zu können.
Die Frage, wie es mit ihnen weitergeht, treibt sie um - und einander in die Arme. Die Nabelschau-Generation hat die Solidarität wieder entdeckt.
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von Matthias Lohre für SpiegelOnline (16.07.2003)
Das Leben von ultraorthodoxen
Nein, sagt Olga Orlowski mit einem Lächeln, leicht falle ihr die Befolgung all der Gebote und Verbote nicht, die das Judentum kennt. Sie hebt die zarten Hände vom Küchentisch und bewegt sie sachte vor und zurück, als wolle die junge Frau mit dem dunkelblauen Kopftuch allzu hohe Erwartungen an sie zurückweisen: "Langsam, langsam. Je höher man kommt, desto mehr versteht man." Ihr ukrainischer Akzent ist noch stark zu hören, aber bei jedem Satz feilt die Germanistik-Studentin an Aussprache und Wortwahl. Langsam, langsam arbeiten sich die 24-jährige Olga und ihr fünf Jahre älterer Mann Daniel, ein Programmierer und gebürtiger Russe, an ihr neues Leben heran.
Nein, sagt Olga Orlowski mit einem Lächeln, leicht falle ihr die Befolgung all der Gebote und Verbote nicht, die das Judentum kennt. Sie hebt die zarten Hände vom Küchentisch und bewegt sie sachte vor und zurück, als wolle die junge Frau mit dem dunkelblauen Kopftuch allzu hohe Erwartungen an sie zurückweisen: "Langsam, langsam. Je höher man kommt, desto mehr versteht man." Ihr ukrainischer Akzent ist noch stark zu hören, aber bei jedem Satz feilt die Germanistik-Studentin an Aussprache und Wortwahl. Langsam, langsam arbeiten sich die 24-jährige Olga und ihr fünf Jahre älterer Mann Daniel, ein Programmierer und gebürtiger Russe, an ihr neues Leben heran.
Es ist nicht nur ihnen noch etwas fremd, das Leben als streng orthodoxes Paar mitten in Berlin. Viele ihrer Kommilitonen, sagt sie, hätten sie anfangs für eine Südeuropäerin gehalten, mit ihren glänzend schwarzen Haaren, den feinen Gesichtszügen und der Baskenmütze, die sie nie absetzt. Dass sie die Mütze aus religiösen Gründen trägt, sagt sie nur, wenn sie jemand darauf anspricht: "Aber manchmal verbringe ich eine ganze Woche an der Universität, ohne mit jemandem zu reden." Auch Daniel, Olgas Mann, findet nur schwer Kontakt zu deutschen Arbeitskollegen. "Vielleicht schreckt meine Kleidung ab." Seine Kippa setzt der große, breitschultrige Mann mit den schweren Augenlidern nie ab. Am Gürtel hängen weiße Stofffäden, die an die 613 jüdischen Gebote und Verbote erinnern sollen. Außerhalb der Wohnung trägt er meist schwarze Kleidung. Seine ansonsten kurz geschnittenen schwarzen Haare sind nur über den Ohren etwas länger. "Mindestens zwei Zentimeter lang müssen sie sein", sagt er und zupft etwas verlegen an den Haarbüscheln herum.
Vor sieben Jahren kam Daniel aus dem Ural nach Deutschland. 1999 zog Olga aus der Ukraine nach Berlin. Durch seine Schwester lernten sie sich kennen und heirateten bald. In ihrer alten Heimat hatten sie und ihr Mann kaum Möglichkeiten, etwas über Leben und Bräuche ihrer Vorfahren zu erfahren. Hier in Berlin mit seiner etwa 12 000 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde ist das anders. In der orthodoxen Synagoge in der Joachimsthaler Straße und zwei Jeshivas, eigentlich Jungen und Männern vorbehaltenen Lehrhäusern, erlernen die Orlowskis das orthodoxe Judentum neu. Die eine Jeshiva leitet die amerikanische Lauder-Stiftung, die europaweit Projekte zur Wiederbelebung jüdischer Traditionen unterstützt. Chabad Lubawitsch ist der Träger des anderen, streng orthodoxen Lehrhauses nahe dem Kurfürstendamm, das vor allem jüdische Einwanderer aus Osteuropa als erste Anlaufstelle nutzen.
In der schönen Altbau-Etage mit den weißen Stuckdecken spricht Rabbi Yehuda Teichtal, der Leiter von Chabad Berlin, gern über die Arbeit seines Lehrhauses. Seit der Gründung vor sieben Jahren leitet der im orthodoxen Schwarz gekleidete Rabbi das Berliner Haus. Im Raum nebenan legen die zehn Rabbiner-Schüler gerade still ihre letzten Prüfungen ab. Bald wird die Chabad-Zentrale in New York die jungen Männer in die Welt schicken, in eines der 2400 Zentren der chassidischen Organisation. "Damit sind wir die größte jüdische Selbsthilfeorganisation weltweit", sagt Rabbi Teichtal mit amerikanischen Akzent. Kann er sich Frauen als Rabbiner-Schüler vorstellen? "Was soll diese Frage?", ist Teichtals Antwort. "Für Frauen haben wir andere Kurse", sagt er und zeigt auf einen Veranstaltungskalender. Ein Kurs heißt "Die Jüdische Frau heute", geleitet von Rabbi Teichtals Ehefrau. In einem anderen lernen Kinder koscheres Kochen, außerdem gibt es Straßenfeste, mit denen Chabad jüdische Einwanderer wie die Orlowskis ebenso ansprechen will wie die nichtjüdischen Nachbarn. An den Tagen des Lichterfests prangte auf der riesigen elektronischen Anzeigetafel eines Kaufhauses am Kurfürstendamm das Bild eines neunarmigen Leuchters. Darauf der Satz: "Happy Chanukka Light up your life."
Bei den Orlowskis ist die Nachfrage nach den Jeshiva-Kursen größer als das Angebot. Fragen rund um die Orthodoxie sind den beiden besonders wichtig: Welche Mahlzeiten sind koscher? Wie kleidet sich ein orthodoxer Jude richtig? Wie begehe ich den Shabbat? Auf den ersten Blick scheinen die Antworten klar. "Orthodox ist, wer nach der Halacha lebt. Einzelne Moden sind nicht wichtig", sagt Netanel Teitelbaum, Rabbiner der orthodoxen Einheitsgemeinde in Köln. Die Halacha, das jüdische Rechtssystem, schließt jeden Aspekt und jede Beziehung des Lebens ein, sei es zwischen Menschen oder zwischen Mensch und Gott. "Aber strenger zu sein als andere", fügt er hinzu, "ist nicht besser. Es ist gut, die Regeln streng zu befolgen. Man darf sich aber nicht als besser betrachten".
Damit spricht Rabbi Teitelbaum eine Richtung im Judentum an, die hierzulande kaum öffentlich in Erscheinung tritt: die so genannten Ultraorthodoxen. Außenstehende verbinden mit diesem Begriff oft ein bestimmtes Aussehen: lange Schläfenlocken und ein prächtiger Vollbart, dazu ein breitkrempiger schwarzer Hut und ein langer schwarzer Mantel über einem weißem Oberhemd. Die Männer widmen ihr Leben dem täglichen, stundenlangen Studium des Talmuds, der Thora und der Schulchan Aruch, einer Sammlung von Lebensregeln für orthodoxe Juden. Viele gehen deshalb keiner anderen Arbeit nach und müssen von anderen Gemeindemitgliedern unterstützt werden. Oft haben ultraorthodoxe Ehepaare zehn oder mehr Kinder, denn Verhütung ist bei ihnen Tabu. Von Kindesbeinen an bereiten sich die Jungen auf ein Leben vor, in dessen Zentrum die ständige Auslegung der heiligen Schriften steht. Mädchen erhalten keine so strenge Ausbildung, sondern werden zu Hausfrauen erzogen. Um alten jüdischen Gesetzen zu entsprechen, rasieren sich viele Ehefrauen die Haare ab. In der Öffentlichkeit bedecken viele ihre Glatze mit Perücken, manche aber auch mit Baseballmützen, die so gar nicht passen wollen zu ihrer restlichen Kleidung.
Olga und Daniel Orlowski kennen solche Familien durch ihre Kurse. Auch den beiden fällt der Kontakt mit ihnen nicht leicht: "Wenn wir sie zu uns nach Hause einladen, frage ich mich immer, ob ich alles koscher zubereitet habe", sagt Olga. "Oft rufe ich vorher an und frage, ob es in Ordnung ist, diese oder jene Zutat zu verwenden. Das ist ziemlich anstrengend." Besonders streng achten sie auf die Einhaltung des Kashrut, des jüdischen Speisegesetzes, das "reine", also koschere Zutaten von unkoscheren unterscheidet. Eine Hauptregel lautet: Fleischiges darf nicht mit Milch zubereitet werden. Auch muss jedes Salatblatt nach Insekten untersucht werden, um nicht aus Versehen eines der unkoscheren Tiere zu essen. Unterwegs essen Daniel und Olga meistens selbst gemachte Brote, Obst oder Gemüse. Auch bei Kaffee und Tee gibt es keine Probleme. Von einem New-York-Besuch haben sie Ahornsirup mitgebracht. Ein kleines, von einem Kreis umgebenes u kennzeichnet den Inhalt als koscher kontrolliert von der "orthodox union".
Das Leben der Orlowskis dreht sich um ihre Religion. "Als wir eine neue Wohnung suchten, haben wir auf dem Stadtplan einen Kreis um die Synagoge in der Joachimsthaler Straße gezogen. Innerhalb des Kreises sollte unsere zukünftige Wohnung liegen. Damit wir zu Fuß in einer halben Stunde in der Synagoge sind", sagt Daniel. Am Shabbat dürfen orthodoxe Juden nicht arbeiten, und auch die Benutzung von Verkehrsmitteln gehört zu den 39 klassifizierten Arten von Arbeit.
Doch was unterscheidet streng Orthodoxe wie die Orlowskis von so genannten Ultraorthodoxen? Eine Antwort fällt schwer, denn das orthodoxe Judentum vereint viele Varianten unter seinem Dach. Osteuropäische Einwanderer folgen oft den strengen chassidischen Traditionen, die auch die Grundlage der Chabad-Bewegung sind. Die Bezeichnung "ultraorthodox" aber weisen sie weit von sich. Andere stören sich am Wort selbst: Wer möchte sich schon als Ultra bezeichnen lassen, nur weil er Dinge tut, die aus seiner Sicht richtig sind? Oft wird unter dem Begriff auch eine kleine, einflussreiche Minderheit in Israel gefasst, die sich stark von ihrer weniger frommen Umwelt abgrenzt. Sie spricht dem jüdischen Staat das Existenzrecht ab, weil er aus ihrer Sicht von Menschenhand und nicht durch Gottes Willen aufgebaut worden ist. Ultraorthodoxe Männer werden vom israelischen Wehrdienst befreit, wenn sie ganztägig die heiligen Schriften studieren. Aus demselben Grund können viele Männer nicht arbeiten und sind häufig von Sozialleistungen abhängig. "Wenn man solche chassidischen Juden in Israel als 'ultraorthodox' bezeichnet, dann gibt es in Deutschland keine", meint Ytshak Ehrenberg, orthodoxer Rabbiner der Synagoge in der Joachimsthaler Straße, ganz in der Nähe des Chabad-Hauses. Zu seiner Gemeinde zählen auch die Orlowskis. "Aber es gibt viele Grade auf einer Skala von eins bis zehn", schränkt er ein. Seine Gegenfrage: "Gibt es orthodoxe Juden ohne Bart?"
"Viele Regeln versteht man anfangs nicht", sagt Olga. "Aber langsam, langsam geht man in die Tiefe." Auf ihrem Weg zum streng orthodoxen Glauben sehen sich die beiden noch weit vom Ziel entfernt. Was dieses Ziel sein wird, wissen sie nicht genau. Ausschließen möchten die Orlowskis nichts. "Wir haben ja auch einmal damit angefangen, koscher zu essen", sagt Daniel. "Und irgendwann würde einem von unkoscherem Essen sogar schlecht."
von Matthias Lohre für Das Parlament (28.07.2003)
DDR Reloaded
„Good Bye, Lenin“, „DDR-Show“ und die Ausstellung „Kunst in der DDR“: 13 Jahre nach seinem Ende erfährt der Arbeiter- und Bauernstaat posthume Würdigungen. Neugierig blicken Ost- und Westdeutsche auf den scheinbar bekannten Alltag in der zweiten deutschen Diktatur.
„Good Bye, Lenin“, „DDR-Show“ und die Ausstellung „Kunst in der DDR“: 13 Jahre nach seinem Ende erfährt der Arbeiter- und Bauernstaat posthume Würdigungen. Neugierig blicken Ost- und Westdeutsche auf den scheinbar bekannten Alltag in der zweiten deutschen Diktatur.
Berlin – Die Veranstalter waren selbst überrascht. Insgesamt viertausend Menschen stellten sich an, als der Asbest sanierte Palast der Republik Anfang Juli zum ersten Mal seit dreizehn Jahren seine Tore öffnete. Mehr als doppelt so viele Besucher wie ursprünglich geplant. Eilig wurden Extra-Touren durch den ehemaligen Sitz der DDR-Volkskammer organisiert. Nach Schließung, Leerstand und jahrelanger Sanierung ist der „Palazzo Prozzo“ ein leerer Koloss aus Stahl und Beton – eine perfekte Bühne für die Ausstellungen und Theater-Vorführungen, die spätestens im nächsten Jahr folgen sollen. Dann tauchen die Bühnenscheinwerfer eines der stärksten Symbole der DDR in ein neues Licht.
Die Neu-Interpretation der DDR ist auch im Fernsehen in Mode gekommen. Am 3. September geht bei RTL die „DDR-Show“ auf Sendung, die „Ostalgie-Show“ des ZDF schon am 17. August. Pro Sieben will im Oktober mit auf Ost getrimmten Spezial-Sendungen von „Kalkofes Mattscheibe“ nachziehen, und Gerüchten zufolge plant auch Sat.1 eine eigene DDR-Show. Die Programm-Macher versprechen sich von der DDR-Geschichte einen Quoten-Renner. Wenn RTL die „DDR-Expertin“ Katarina Witt ins Rennen schickt und das ZDF einen HO-Supermarkt im Studio nachbaut, werden voraussichtlich auch Millionen Westdeutsche vor dem Fernseher sitzen. Die DDR-Geschichte wird lebendig, lebendiger als sie je war.
Es war nicht alles gut damals
Doch dem neuen Spaß folgt die Angst vor der Verharmlosung. ZDF-Sprecher beeilen sich zu betonen, dass die Sendung „nicht nur lustig sein“ werde: Das jahrelange Gezerre um Ausreise-Genehmigungen soll ebenso zur Sprache kommen wie die Ausweisung von Wolf Biermann. Und selbst RTL will nicht auf einen Hinweis auf die Mauertoten verzichten. Schönes wie Schlimmes soll zur Sprache kommen. Die neuen Fernseh-Shows sind nur die sichtbarsten Anzeichen einer Entwicklung, die sich in Film und Literatur fortsetzt: Die DDR wird neu definiert.
„Wir sind in einer Übergangsphase“, sagt Thomas Krüger, der Leiter der Bundeszentrale für politische Bildung“. Der Ost-Theologe und Politiker sieht einen Meinungswandel der Deutschen: „Die Ostalgie-Welle der neunziger Jahre liegt hinter uns, und die Historisierung der DDR ist noch nicht zu Ende.“ Einerseits gehört das „War doch nicht so schlecht“ der Vergangenheit an. Andererseits ist das letzte Wort über die zweite deutsche Diktatur noch nicht gesprochen, weil sich noch Millionen Menschen an diese Zeit erinnern. Aber es ist eine Generation nachgewachsen, die nur das wiedervereinigte Deutschland kennt. Egal, ob sie in Düsseldorf oder Dresden lebt. Sie entwickelt einen anderen Blick auf die DDR als ihre Eltern. Auch vielen Älteren in Ost und West ermöglicht der zeitliche Abstand neue Einsichten in einen Staat, für den sich zu Lebzeiten die meisten Westdeutschen kaum interessierten.
Dreizehn Jahre später lockt die Tragikomödie „Good Bye, Lenin“ mehr als sechs Millionen Besucher in die deutschen Kinos. Die Geschichte eines jungen Mannes, der seiner bettlägerigen Mutter zu Wendezeiten die schockierende Einsicht vorenthalten will, dass die DDR zusammenbricht, rührt die Zuschauer. Der Film bietet keine einfachen Unterteilungen in gute Dissidenten und böse Stasi-Leute, sondern zeigt Durchschnitts-Menschen in hochpolitischer Zeit.
Aus Sicht von Thomas Krüger liegt darin die größte Chance der momentanen Übergangszeit: „Heute sind viele verschiedene Blicke auf die DDR möglich. Wir können die ganze Widersprüchlichkeit des damaligen Lebens wiedergeben.“ Die Menschen seien bereit dazu. Das Schwarz-Weiß der neunziger Jahre weicht vielen Grau-Tönen.
Was weiß ich denn, wie es früher war?
Verständnis für das Leben in einer Diktatur und achselzuckende Gleichgültigkeit liegen allerdings oft nah beieinander. Niemand erhebt mehr Anspruch auf die moralische Oberhoheit über die Interpretation der DDR-Geschichte. Selbst frühere Institutionen wie die Gauck- beziehungsweise Birthler-Behörde bringen niemanden mehr zu Fall. Auch die Neuauflage der Enttarnung des PDS-Vorsitzenden Lothar Bisky als „IM Bienitz“ regt niemanden mehr auf. Stattdessen kann sich Bisky in den Tagesthemen mit dem Argument verteidigen, dass er nach eigenem Wissen niemandem geschadet habe. Es gibt kaum Widerspruch. Viele Zuschauer mögen denken: Was weiß denn ich, wie es damals wirklich war?
Ähnliches zeigt sich momentan bei der Berliner Ausstellung „Kunst in der DDR“ in der Neuen Nationalgalerie. Die Kuratoren tun gut daran, schrieb die Stuttgarter Zeitung, „die ideologischen Wendungen und Verstrickungen nicht zum roten Faden ihrer Retrospektive zu machen. Sie fokussieren den Blick der Betrachter auf die einzelnen Kunstwerke, auf das Streben der Künstler nach selbst bestimmter Form und Ausdruck.“ Der Andrang der Besucher, die sehen wollen, dass es in der DDR eine Kunst jenseits der SED-Einheits-Meinung gab, ist riesig. „Es gibt ein neues, unbekümmertes Zufassen auf die DDR-Geschichte. Es ist hochinteressant, dieses Thema jetzt zu behandeln“, sagt Bundeszentrale-Chef Krüger.
Es ist Bewegung ins starre Bild der DDR gekommen. Das glaubt auch der Ex-Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer. Er sorgt sich: „Kommt nach der sehr strengen Haltung gegenüber der DDR jetzt eine neue Haltung, die alles verharmlost?“ Zwar dürfe man die Deutsche Demokratische Republik nicht auf Stasi und Egon Krenz reduzieren, die Mitläufer von damals nicht nur beschimpfen, findet der Wittenberger Theologe. „Aber aus ihrer Verantwortung darf man die Mitläufer auch nicht entlassen.“
Der Theologe Schorlemmer sieht die Gefahr, dass es bei der oberflächlichen Historisierung der DDR bleibt. Auch Thomas Krüger hofft bei den Verantwortlichen in den Fernsehsendern auf einen „hellwachen Umgang“ mit der DDR-Geschichte. Bei RTL könnte er mit solchen Erwartungen allerdings auf Granit beißen.
Der Kölner Sender konzipiert seine „DDR-Show“ nach dem erfolgreichen Weißt-Du-noch-Schnittmuster der „70er-„ und „80er-Show“, in denen kollektive Erinnerungen mundgerecht und lauwarm serviert werden. Widersprüchliches und Mehrdeutiges stören dort nur. Im „Kessel Buntes“ gibt es keine Grau-Schattierungen.
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von Matthias Lohre für SpiegelOnline (07.08.2003)
Erbstücke zu Lebzeiten
Geschichte auf CD: Alte Menschen erzählen ihr Leben
Eine sehr gute Ehe hat Heinz Grunzke geführt. Über alles habe er mit seiner Frau sprechen können. Fast 40 Jahre lang. "Nur nicht über den Tod", sagt er. Dann war es zu spät. Anfang der 90er-Jahre ist sie gestorben. An Krebs. Ihre Lebensgeschichte hat niemand aufgezeichnet. Bei ihm sollte es anders werden.
Geschichte auf CD: Alte Menschen erzählen ihr Leben
Eine sehr gute Ehe hat Heinz Grunzke geführt. Über alles habe er mit seiner Frau sprechen können. Fast 40 Jahre lang. "Nur nicht über den Tod", sagt er. Dann war es zu spät. Anfang der 90er-Jahre ist sie gestorben. An Krebs. Ihre Lebensgeschichte hat niemand aufgezeichnet. Bei ihm sollte es anders werden.
Der heute 74-Jährige wurde deshalb aufmerksam, als er vor einem halben Jahr im Internet auf die Website "www.lebenshoerbuch.de" stieß. Das Angebot: Eine Hörfunkjournalistin kommt mit Mikro und Aufnahmegerät bei ihren Kunden vorbei, zeichnet die Lebensgeschichte der Befragten auf. Über viele Stunden, an mehreren Tagen, in den eigenen vier Wänden. Bei Kaffee und Kuchen entsteht schnell ein Vertrauensverhältnis zu Ingeborg Koch, einer Frau mit einer sanften Radiostimme. "Es ist erstaunlich, wie gut einfache Leute erzählen können", sagt die 54-Jährige. Als Ingeborg Kochs Vater vor einigen Jahren starb, spürte sie, dass mit ihm etwas gegangen war, das durch nichts zurück zu bringen ist. Ihrem Mann Rainer ging es nach dem Tod seiner Mutter ähnlich. Langsam entwickelte sich die Idee zum Lebenshörbuch. Über 90 Jahre alt sind die Ältesten, die sich zum Gespräch mit Ingeborg Koch bereit erklären. Was die alten Menschen erzählen, wird von ihr digital geschnitten, geordnet und verdichtet. Auf eine CD gebrannt, ergeben die Gespräche eine persönliche Chronik. Das eigene Leben in rund 70 Minuten. Für die Kinder und Enkel. Für immer.
Deshalb hat sich auch Heinz Grunzke mit der Journalistin Ingeborg Koch in sein Wohnzimmer gesetzt und erzählt. Von der Kindheit in Küstrin und der britischen Kriegsgefangenschaft. Davon, wie ihm die Soldaten zwischen den Baracken seinen ersten US-Schlager beibrachten: "You are my sunshine, my only sunshine. You make me happy, when skies are grey." Das Mikrofon auf dem Tisch ist schnell vergessen. Mit ruhiger Stimme erzählt der gelernte Elektromeister auch, wie er sich 1944 mit seinem jüngeren Bruder verabredete: "Nach dem Krieg treffen wir uns bei Großonkel Wilhelm." Wenn der weißhaarige Mann mit den wachen, blauen Augen über sein Leben berichtet, findet sich darin keine Bitterkeit, etwa über die verlorene Heimat oder die Polioerkrankung, die ihn vor mehr als einem halben Jahrhundert zum Gehbehinderten machte.
Meist sind es nicht die alten Menschen selbst, die ihre Erlebnisse in einem Tondokument festhalten wollen. Denn die meisten finden ihr Leben in der Rückschau nicht sonderlich interessant. Es sind die Kinder und Enkel, die die vielleicht letzte Möglichkeit nutzen wollen, von der älteren Generation mehr zu erfahren. Das Motiv ist klar: "Wenn ein Familienmitglied über sein Leben erzählt", sagt Ingeborg Koch, "dann erzählt es auch von mir." Allzu oft geht mit dem Tod eines Elternteils die gesammelte Familiengeschichte verloren. Der Alltag verschiebt das grundsätzliche Gespräch mit den Älteren auf eine Zukunft, die es meist nicht gibt. Mehr als 20 CDs hat Ingeborg Koch gemeinsam mit ihrem Mann Rainer in den vergangenen zwei Jahren zusammengestellt, seit es ihr Angebot gibt. Auf den ersten Blick sind die CDs nicht ganz billig. 750 Euro beträgt die kostengünstigste Variante: "Ihr Leben als Monolog", von den Kochs geschnitten und chronologisch geordnet. Ein geringer Preis, findet Ingeborg Koch: "Allein die Produktion kostet fünf Tage. Übernachtungen vor Ort kommen dazu. Bis zu drei Wochen kann die gesamte Arbeit dauern."
Heinz Grunzke ist einer der wenigen, die sich für die kostspieligste Variante entschieden haben: 2500 Euro für ein Hörbuch. Sprechertexte trennen die einzelnen Passagen, Musikstücke aus der jeweiligen Zeit kommen dazu. Lange suchte Ingeborg Koch nach der Originalversion "You are my sunshine". Mit Erfolg. Auf der CD geht jetzt Heinz Grunzkes Gesang über in den Ton der kratzigen Schallplatte aus den frühen 40er-Jahren. Auf einer anderen CD ist im Hintergrund ein hoher, wiederkehrender Laut zu hören: ein zwitschernder Wellensittich. Eigentlich wollte Ingeborg Koch den Vogelkäfig vor dem Interview aus dem Raum tragen. Aber der Kunde beharrte darauf, dass der Vogel bleibt. Weil der zu seinem Leben gehöre.
Doch nicht alle Erinnerungen sind auf CD pressbar. Manchmal muss Ingeborg Koch ihre Kunden vor sich selbst schützen: Wenn beispielsweise ein wütender Vater die Tonaufnahme zur "Abrechnung" mit seinen beiden Söhnen nutzen will. Oder wenn ein anderer Herr scheinbar endlos über seine große Liebe erzählt. Nur war sie nicht seine spätere Ehefrau und die Mutter seiner Kinder. Bei aller Nähe, die durch die Gespräche entsteht: Ingeborg Koch begreift sich als Dienstleisterin. Wenn die CDs geliefert sind, endet in den meisten Fällen der Kontakt zu ihren Kunden.
Das Konzept ist einfach und deshalb vielfach anwendbar. Lange mühten sich die Kochs, mit Kliniken für Alzheimerkranke zusammenzuarbeiten. CDs mit vertrauten Geräuschen, so ihre Hoffnung, könnten den geistigen Zerfall der Patienten verlangsamen: Tonaufnahmen der heimischen Kirchenglocke oder der bellende Haushund als Hilfe für die kranken Menschen, sich an das eigene Leben zu erinnern. Einige Ärzte waren interessiert. Aber wie viele private Interessenten schreckten auch sie vor den Kosten zurück.
Das Lebens-Hörbuch ist nicht unbedingt der letzte Gruß eines Sterbenden. Ihre Chronik könnte Menschen den Übergang vom Arbeits- zum Rentnerleben erleichtern, glauben die Kochs. Als eine Zwischenbilanz, auf die noch viel folgen kann. So wie beim 74-jährigen Heinz Grunzke. Der muss nach dem Gespräch schleunigst zurück nach Hause. Zu seiner zweiten Frau. Die beiden haben vor wenigen Jahren geheiratet.
von Matthias Lohre für Das Parlament (15.12.2003)
Man stöhnt deutsch
Das Synchronisieren von Erotik- und Pornostreifen bedeutet harte Arbeit
In der Zeitung lesen, sagt der Mann mit der sonoren Stimme sehr freundlich, möchte er seinen Namen nicht. „Schließlich gibt es hierzulande immer noch diese Doppelmoral.“ Dann dreht er, der im Folgenden Herbert Wagner heißt, sich auf seinem Stuhl um, drückt am Mischpult einen der vielen Knöpfe und sagt zur Sprecherin hinter der Glasscheibe: „Schöner Ton, Kathrin. Behalt´ den.“ Die junge Synchronsprecherin im Studio schaut kurz herüber und nickt. Dann konzentriert sie sich wieder auf den nächsten Filmausschnitt. Auf dem Monitor erscheinen ein Mann und eine hübsche, aber stark geschminkte Frau; sie liegt gelangweilt auf einer Couch. Nicht nur die Filmkulisse, auch die Dialoge erinnern an eine Seifenoper: „Ciao, Katarina.“ – „Ciao, David.“ – „Wie geht´s Dir?“ – „Danke, es geht mir gut, und Dir?“ – „Mmh, nicht besonders. Ich hab´ Geldsorgen.“ – „Und wie kommt das?“ – „Tja, weißt Du: Ich gebe zuviel aus.“ Neun Mal lässt Herbert Wagner die beiden Sprecher diese Sätze wiederholen, bis er mit der Betonung zufrieden ist.
Das Synchronisieren von Erotik- und Pornostreifen bedeutet harte Arbeit
In der Zeitung lesen, sagt der Mann mit der sonoren Stimme sehr freundlich, möchte er seinen Namen nicht. „Schließlich gibt es hierzulande immer noch diese Doppelmoral.“ Dann dreht er, der im Folgenden Herbert Wagner heißt, sich auf seinem Stuhl um, drückt am Mischpult einen der vielen Knöpfe und sagt zur Sprecherin hinter der Glasscheibe: „Schöner Ton, Kathrin. Behalt´ den.“ Die junge Synchronsprecherin im Studio schaut kurz herüber und nickt. Dann konzentriert sie sich wieder auf den nächsten Filmausschnitt. Auf dem Monitor erscheinen ein Mann und eine hübsche, aber stark geschminkte Frau; sie liegt gelangweilt auf einer Couch. Nicht nur die Filmkulisse, auch die Dialoge erinnern an eine Seifenoper: „Ciao, Katarina.“ – „Ciao, David.“ – „Wie geht´s Dir?“ – „Danke, es geht mir gut, und Dir?“ – „Mmh, nicht besonders. Ich hab´ Geldsorgen.“ – „Und wie kommt das?“ – „Tja, weißt Du: Ich gebe zuviel aus.“ Neun Mal lässt Herbert Wagner die beiden Sprecher diese Sätze wiederholen, bis er mit der Betonung zufrieden ist.
Hier, im Hamburger Tonstudio der Werbeagentur FFF, produzieren neun Schauspieler, ein Regisseur und ein Aufnahmeleiter an drei Tagen die deutsche Fassung eines Erotikstreifens. Manche in der Branche nennen es die „Schamlippensynchronisation“.
„Decadent Love“ heißt der Erotikfilm. In Ungarn gedreht und zunächst italienisch synchronisiert, zu sehen bei Beate-Uhse.TV. Die Berliner füllen täglich zehn Stunden Sendezeit im PayTV-Sender Premiere. Mit Eigenproduktionen wie der Single-Börse „Monas Girls“, der Schwulensendung „Sexy Gay Places“ oder eingekauften Filmen, die Studios in Essen, München und Hamburg zuvor für Beate-Uhse.TV bearbeitet haben.
„Die Story von `Decadent Love` beruht auf dem Weltbestseller von Marc Levy, `Solange Du da bist`“, sagt Wagner. Darin findet eine bei einem Autounfall getötete Frau nicht den Weg ins Jenseits. „Natürlich mit erotischen Verwicklungen“, fügt er hinzu. Der 63-Jährige führt heute nicht nur die Dialogregie und achtet dabei auf die richtige Betonung der einzelnen Sätze. Er hat auch das Synchronbuch geschrieben, das die deutschen Texte möglichst genau den Lippenbewegungen der Darsteller anpasst.
Alle drei bis sechs Sekunden beginnt eine neue Textsequenz, ein so genannter Take. 350 bis 600 Takes gibt es pro Film, egal ob Erotikstreifen oder Hollywooddrama. Bei jeder Textpassage lässt der Dialogregisseur die Synchronsprecher anders atmen, pausieren und betonen, gibt Anweisungen wie „Souveräner, Stefanie!“ und „Keine Schmatzlaute im Soft.“ Und die Sprecher, allesamt ausgebildete Schauspieler, befolgen jede Anweisung genau. Vermutlich werden sich nur wenige Zuschauer für die sprachlichen Feinheiten ihrer Arbeit interessieren, denn letztlich synchronisieren sie doch die Ouvertüre zum Sex. Das wissen auch sie. Aber es ist ein Job, und den wollen sie gut machen.
Schließlich gibt es nur wenige Arbeitsmöglichkeiten seit dem Niedergang des Filmimperiums von Leo Kirch. „Hätte ich diesen Auftrag nicht bekommen, dann hätte ich meine Wohnung verkaufen müssen“, sagt Herbert Wagner. Jeder kennt seine Stimme. In Fernsehspots bewirbt sie in sonorer Fülle Bier und Wurst, aber auch in vielen Hörspielen taucht sie seit Jahrzehnten immer wieder auf. Seine Stimme ist sein Kapital, und deren Image will Wagner nicht gefährden. Schließlich habe er, der schon als 13-Jähriger auf der Bühne stand, auch mit Max Ophüls gearbeitet. „Kennen Sie gar nicht mehr, oder?“ In den vergangenen 30 Jahren, schätzt Wagner, hat er etwa 500 Filme und Serienfolgen synchronisiert. Aber erst seit einem Jahr arbeitet er ausschließlich an Porno- und Erotik-Streifen.
Bei ihrer Arbeit müssen die Synchronisateure von Erotikfilmen immer darauf achten, die fünf Kriterien für Pornographie zu umschiffen. Eines lautet: Die dargestellte Sexualität findet ohne jeden zwischenmenschlichen Beziehungszusammenhang statt. Ein anderes: Der Mensch wird auf die Rolle des jederzeit austauschbaren Lustobjekts reduziert. Also brauchen die Sex-Szenen eine Vorgeschichte, in die sich die Erotik einbetten lässt. Und die erfindet Herbert Wagner einfach. Eine Hintergrundstimme erzählt dann beispielsweise, wie „Jack“ und „Sugar“ einander schon vor Monaten bei der Arbeit kennen- und vertrauen lernten. Derweil erreichen die beiden Darsteller schon Bild füllend die nächste Stufe ihrer vertrauensvollen Beziehung. Ein paar solcher Kunstgriffe, und die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) gibt diese Softcore-Version für die TV-Zuschauer frei. Beate-Uhse.TV, der Auftraggeber für diese Synchronisation, kann auf Premiere schon ab 20 Uhr Erotikfilme wie „Decadent Love“ zeigen. Ein PIN-Code soll Jugendliche daran hindern, die Filme mit FSF-Freigabe ab 18 Jahren zu schauen.
Auch der 28-jährige Daniel Berg möchte seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen. Jedenfalls nicht wegen seiner Arbeit als Erotik-Synchronisateur. Vor zweieinhalb Jahren hat der jungenhafte Mann mit den großen blauen Augen die Schauspielschule beendet. Seitdem hält er sich mit Hörbüchern und Sprecher-Jobs wie diesem über Wasser. Nach einem Bühnenengagement in Ostdeutschland will er jetzt zurück in den Westen. In den Pausen redet er mit seinen Kollegen über ihre Vorsprechen an diversen Bühnen, über Lese- und Chanson-Abende vor kleinem Publikum. Nein, sie schämen sich nicht für ihren Brot-Erwerb, sagen sie. Aber ihr Name in einem Bericht über Erotik- und Pornosynchronisation? Lieber doch nicht.
Nach der Pause kommt die Hardcore-Version. Zwei Sprecher bearbeiten die Porno-Version eines Films, der in der entschärften Variante auch auf Beate-Uhse.TV laufen wird. Die harte Fassung landet zunächst mal „im Eisschrank“ des Konzerns, sagt der Dialogregisseur. Beim Hardcore-Film fallen die erfundenen Beziehungsgeschichten weg. Die Kameraeinstellungen sind dieselben wie beim Softcore-Streifen – bis der Sex beginnt. „Da kann man dann ruhig alles zeigen“, sagt Herbert Wagner. Im Synchrondrehbuch steht an diesen Stellen nur „Texte im Studio“: Die Sprecher improvisieren, atmen und stöhnen, den Monitor immer im Blick. Zwischendurch gibt der Regisseur Tipps ins Studio, welche harten Sprüche die Sprecherin jetzt keuchen könnte. Anweisungen, die man von diesem charmanten Herrn nicht unbedingt erwartet hätte. Aber niemand schaut verwundert. Fast alle hier haben schon einmal miteinander gearbeitet.
„Der Zuschauer will nur die Frau sehen und hören. Der Mann soll im Hintergrund bleiben, weil er als Rivale gesehen wird“, sagt Wagner. Hinter ihm arbeiten die beiden Sprecher im Studio konzentriert weiter. Mittlerweile haben die Porno-Darsteller fast alle Stellungen abgearbeitet, und die Synchronsprecherin muss darauf achten, nicht zu hyperventilieren. „Das passiert öfter als man denkt. Es ist nämlich gar nicht so leicht, sich einem anderen Rhythmus anzupassen.“ Eine Frage noch: Gibt es eigentlich Unterschiede zwischen, sagen wir, amerikanischem und französischem Stöhnen? „Riesige“, sagt Wagner. „Bei den amerikanischen Filmen fehlt jedes Gefühl. Die schreien geradezu, sind sehr extrovertiert und aufgesetzt, ja brutal. Französisches Stöhnen ist kindlicher, fast schüchtern. Und die Skandinavier, die lachen sogar beim Sex. Die haben richtig Spaß.“
von Matthias Lohre für Der Tagesspiegel (24.01.2004)
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