Philipp Schwenke
Philipp Schwenke  

Reportage, Interview, Portrait

 

Philipp Schwenke redet und schreibt Texte. Für die Berliner Zeitung, die Frankfurter Rundschau, Neon, Die Zeit, Financial Times Deutschland, das SZ-Magazin und im Radio. Vor allem im WDR.

Geboren wurde er 1978. Nach Abitur und Zivildienst studierte er Kulturmanagment in Freiburg und absolvierte später die Deutsche Journalistenschule in München. 2004 zog er nach Berlin. Seitdem lebt er dort und redet und schreibt und redet und schreibt und redet und schreibt und redet.

Seit 2007 ist er Redakteur bei Zeit Campus, dem Hochschulmagazin der Zeit.

Das "Medium - Magazin für Journalisten" zählte ihn 2006 zu einem der "Top 30 bis 30": zu einem der besten 30 Nachwuchsjournalisten Deutschlands.

Kontakt:    
Telefon: 030 - 44 04 47 42    
     
     
   

Arbeitsproben

   

Runter

Alle Winter wieder wird der Fernseher von Menschen bevölkert, die wie Zirkusgeschosse durch die Luft ins Tal fliegen: Skispringer müssen kalt sein wie der Schnee, todesmutig, bekloppt. Also so wie unser Autor - er hat sich selbst daran versucht.

Jetzt, kurz vor meinem Untergang, kann ich es ja zugeben: Ich war nie besonders mutig. Gut, ich habe mal einen Kopfsprung vom Fünfer gemacht (Bauchklatscher) und in einer Bar eine Französin angesprochen, die aussah wie die junge Sophie Marceau (dito) - aber sonst? Nichts hätte auf ein Ende in Tollkühnheit hingedeutet, und doch steht es mir bevor, drei Springer noch.
Wenigstens ist die Aussicht gut. Lauscha, Thüringen, glitzert unter einer Schneedecke und schmiegt sich unter uns ins Tal. Von der Plattform, auf der wir warten, können wir den Häusern in die Schornsteine schauen. Ein Dorf. Ein Idyll. Nur die Sprungschanze, die vor uns steil zu Tal stürzt, droht uns das Schlimmste an. Zwei Springer noch.


Ich lege schon mal die Ski auf den Boden und versuche, sie möglichst souverän unter die Füße zu schnallen. Klappt nicht, gerate ins Schlingern. Der Boden neigt sich auch hier schon ein wenig, wer nicht aufpasst, schlittert direkt in den Anlauf der Schanze hinein und von dort aus ... - nicht drüber nachdenken. Ein Springer noch. Die Augen hinter mir in der Schlange starren angespannt hinunter, wir machen das hier alle zum ersten Mal.

»Nächster!« Von unten scheppert die Stimme durchs Megaphon und meint mich. Nun also: vorsichtig nach vorne an die Kante rutschen, Ski in die beiden Spuren schieben. Rechts und links vom Anlauf bieten zwei Eisenstangen letzten Halt, dort festkrallen. »Du kannst!« Langsam nach vorne kippen, in die Hocke sinken, Anfahrtsposition. Das ist schon extrem schräg hier. Hände hinterm Körper, festklammern. Die Ski zeigen steil ins Tal, Richtung Exitus. »Jetzt einfach loslassen, nur Mut!« Haha. Wäre es nicht viel mutiger, das Ganze abzublasen, hinunterzugehen, vorbei an denen, die schon gesprungen sind, mitleidige Blicke zu ernten, sich ins Clubhaus zu setzen und eine schöne Tasse Tee zu trinken?

Das Clubhaus des Wintersportvereins Lauscha ist gemütlich, da haben wir uns am Morgen getroffen. Holzvertäfelte Wände, Pokale und eine lange Tafel mit siebzehn Menschen aus so gut wie ganz Deutschland. Warum sie hier sind? Thomas aus Schwaben sagt: »Ich hab vor dem Fernseher bei der Vier-Schanzen-Tournee eine dicke Lippe riskiert.« Von wegen: Das könne ja wohl nicht so schwer sein. Dafür bekam er von seiner Freundin zum Geburtstag den Kurs »Skispringen für Jedermann« geschenkt, und hier sitzt er nun. »Jedermann« trifft es ganz gut. Die meisten sind Männer, die jüngsten zwölf, dreizehn Jahre alt, der älteste fünfzig; graue Haare, schlaffe Schultern, kleine Bäuche, einer ist kahlrasiert bis auf einen faustgroße Stelle am Hinterkopf, aus der fünf Dreadlocks wachsen. »Geschenkt bekommen« ist bei der kurzen Vorstellungsrunde die häufigste Erklärung. Hinter der Theke im Clubhaus zeigt ein stummer Fernseher den Skiflug-Weltcup von Vikersund. Harri Olli aus Finnland setzt erst nach 219 Metern Segeln auf dem Schnee auf und öffnet seinen Helm mit überlegener Lässigkeit. Wer »Skispringen für Jedermann« verschenkt, will als Gegengeschenk einen Helden zurück.
So einen wie Jens Greiner-Hiero, ein blonder, drahtiger Mann mit der Statur von Jens Weißflog, des Skisprungflohs und erfolgreichsten deutschen Skispringers überhaupt. Greiner-Hiero kann auch ordentlich weit springen: Sechsfacher Seniorenweltmeister ist er, einmal deutscher Vizemeister. Bei Kaffee und belegten Brötchen erklärt er uns die Grundlagen des Sports, man muss einiges beachten: Arme locker, Rücken gerade, Unterschenkel dreißig Grad, nicht von den Fußspitzen abspringen - und Gleichgewicht, Gleichgewicht, Gleichgewicht! Bevor wir für die Trockenübungen rausgehen, muss jeder unterschreiben, dass der WSV 08 Lauscha im Fall einer Verletzung von der Haftung ausgeschlossen ist.

Wir üben also im Schnee, ohne Ski: Hocke, Absprung, langmachen, Landung. Dann stellen wir uns auf wackelige Wippbretter, um die Balance zu trainieren. Der mit den fünf Dreadlocks stellt sich am geschicktesten an, das ist Ronny. Abgesehen von den Dreadlocks trägt er einen Ring durch die Lippe, einen Ring durch die Nasenscheidewand, einen durch die rechte Augenbraue sowie einen Stift in der linken Augenbraue. Ronny war mal Skispringer in der DDR-Jugendauswahl, mit vierzehn hat er es dann gelassen, nachdem er nach einem Sturz zwei Wochen nicht mehr sitzen konnte. »Aber ich wollte noch mal wissen, wie es ist«, sagt er, während wir der Reihe nach einen Übungshügel hinunterhopsen. Über uns schaut die Schanze drohend herab, es sieht aus, als würde der Berg uns die Zunge rausstrecken. 75 Meter Anlauf, steil wie das Matterhorn, Anlaufgeschwindigkeit etwa sechzig Stundenkilometer. Schanzenrekord: 108 Meter. Man muss komplett bescheuert sein, dort zu springen. Wir witzeln herum. Die Nervosität.

Weil ich mir vorher schon gedacht hatte, dass das Schwierigste an diesem Sport der Kampf gegen die Furcht ist, habe ich jemanden um Rat gefragt, der sich damit besser auskennt als jeder andere Mensch. Sein Name ist Michael Edwards, die meisten Menschen kennen ihn als »Eddie the Eagle«, schlechtester Skispringer der Geschichte, Held der Olympischen Spiele in Calgary 1988. Eddie war nie ein Athlet, aber er hatte sich mit Anfang zwanzig in den Kopf gesetzt, einmal an Olympia teilzunehmen. Er suchte sich eine Sportart, in der es in England keine Konkurrenz gab, und Skispringen war dort praktisch unbekannt. Eddie trug eine riesige Brille, die immer beschlug, hatte schiefe Zähne und sprang nur halb so weit wie die Konkurrenz. Die Leute liebten ihn dafür. Heute ist er Handwerker in der Nähe von Bristol, man findet ihn im Telefonbuch, und als ich ihn anrief, verputzte er gerade bei einem Kunden die Wand. Ich wollte wissen, wie er die Angst besiegt hat. »Gar nicht«, sagte er. »Ich habe vielleicht 85 000 Sprünge in meinem Leben gemacht und ich habe immer noch Angst.« Aber die Angst sei gut. Angst weckt Konzentration, Konzentration verhindert Stürze. »Und das Schlimmste, was dir passieren kann, ist keine Verletzung, sondern der Walk of Shame!« Der Rückweg in Schmach und Schande, nämlich zu Fuß die Schanze wieder runter.

Wir stapfen die Schanze erst einmal hinauf. Ausrüsten. Jeder bekommt ein paar Ski, achtzig Zentimeter länger als der eigene Körper, zum gewöhnlichen Abfahrtslauf so geeignet wie Besenstiele zum Sushi-Essen. Außerdem Stiefel und einen steifen, nervenaufreibend bunten Overall aus Kunststofffasern. Siebzehn Menschen gehen in die Umkleidekabine hinein, siebzehn ungelenke Power Ranger stampfen wieder hinaus. Die Stiefel neigen sich mit ihrem starren Schaft ein wenig nach vorne, klemmen die Waden ab und zwingen uns zu gebeugten Knien und Cowboygang. Obendrein ziehen sich die elastischen Anzüge nach dem Anziehen wieder zusammen und kneifen übel im Schritt. Die ganze Zeit sieht man erwachsene Männer, die sich am Hintern herumzippeln.

Wir üben ein wenig zu fahren, den Auslauf der Schanze hinunter, dann gibt es Mittagessen, dann steigen wir die Schanze wieder hinauf, und nun kommen wir langsam zurück an den Punkt, an dem ich mit Skiern unter den Füßen im Anlauf hocke. Die Schanze neigt sich immer noch bedrohlich ins Tal, meine Ski in ihren Spuren neigen sich immer noch bedrohlich mit ihr, und ich klammere mich immer noch an die Eisenrohre. Hinter mir klappern die anderen mit ihren Skiern, aber keiner sagt etwas, wahrscheinlich freuen sie sich über jede Sekunde Aufschub.

Eddie the Eagle hat gesagt, gegen Nervosität helfe extreme Konzentration auf das, was kommt. Ich konzentriere mich leider auf das, was war, zum Beispiel die Entdeckung vorhin, dass Ronny auf seinem rechten Unterarm die Tätowierung einer blutigen Fleischwunde trägt. Elle und Speiche sind freigelegt, es sieht übel aus. Erinnerung an eine alte Skisprungverletzung? Habe lieber nicht gefragt. Rutsche unschlüssig hin und her.
Dann fange ich an, Selbstgespräche zu führen. Stumm, im Kopf, mit Reporterstimme. Das hilft. »Philipp Schwenke jetzt im Anlauf. Steht gut, wirkt aber nervös heute. Ist mit einem leichten Trainingsrückstand hier nach Lauscha gereist, der Leverkusener, eines der ganz großen Nachwuchstalente hier im Kader.« Jaa, Schwenke, Supertyp! Riesentalent! Gleich: Weltklassesprung!

Allerdings steht Schwenke lächerlich lang oben auf der Schanze im Anlauf. Schwenke sollte mal hinnemachen. Loslassen?
Schwenke betrachtet seine quietschgelben Skispitzen und fragt sich, warum Sportausrüstung eigentlich immer in so aufdringlichen Farben daherkommen muss.

Aber da macht er's, da macht er's! Endlich, Schwenke traut sich, öffnet die Finger, die Schwerkraft nimmt ihn begeistert mit nach unten, er saust hinab zum Schanzentisch, der kleine Tannenzweig, der den Absprung markiert, rast näher, die Skispitzen schießen über die Kante hinweg, jetzt springen, raus aus der Hocke, langstrecken, anspannen, auf den Luftwiderstand legen - und in der Sekunde, in der ich abhebe, bin ich eigentlich wieder gelandet. Während ich etwas steif auslaufe, ist es wohl Zeit, etwas zuzugeben: Die Schanze, von der wir springen, ist nicht die große. Nicht die mit den 75 Metern Anlauf und den 108 Metern Schanzenrekord. Sondern wir springen von der Anfängerschanze. Ihr Schanzentisch ist dreißig Zentimeter hoch, dahinter fällt der Hang auch nicht fünfzig Meter in die Tiefe, sondern vielleicht sechs oder sieben. Der Flug hinunter dauert höchstens so lange, wie man braucht, um »Matti Nykänen« zu sagen. Ich kann nicht einmal beschreiben, wie es sich anfühlte, in der Luft zu sein, so kurz war ich es. Fühlte ich mich wie ein Adler? Vielleicht wie ein toter Adler, der dem Präparator vom Tisch fällt. Meine Sprungweite: um die fünf Meter. Aber Eddie the Eagle ist ja auch nicht ein Held geworden, weil er weit gesprungen ist, sondern weil er überhaupt gesprungen ist.

Insofern werden an diesem Nachmittag in Lauscha siebzehn Helden geboren. Aber ich fühle mich nicht nur deswegen mit Eddie verbunden. Nach Calgary wurde die Qualifikation für Olympia verschärft, damit nie wieder einer wie er eine Lachnummer aus dem Sport machen konnte: Alle Teilnehmer mussten nun bei internationalen Wettbewerben zum besten Drittel der Springer gehört haben. Das hätte auch mich aussortiert. Ich fädele jedes Mal vor dem Absprung meine Ski so ungeschickt um die Eisenstangen zum Festhalten, dass ich mühsam wieder zurückschlingern muss; stürze im Auslauf und schlage einem der Trainer meinen rechten Ski nur knapp am Gesicht vorbei; der Schwabe Thomas stolpert auf dem Weg in den Anlauf und rutscht die Schanze auf dem Bauch hinab. »Lief die Kamera?«, fragt er unten. - »Nein.« - »Hauptsache!« Das kommt also nicht auf das Erinnerungsvideo, das der WSV für die Teilnehmer dreht, im Gegensatz zu all den Stürzen: Nur die Hälfte der Sprünge endet mit einer ordentlichen Landung, viele stattdessen mit dem Slapstick-Aufschlag. Der geht so: Der Springer kippt bei der Landung nach hinten um, die Ski fahren weiter, und weil der Springer noch mit den Füßen drinsteckt, bleibt ihm nichts, als auf dem Rücken hinterherzuschlittern.
Aber es macht wirklich Spaß.

Nach dem zweiten, dritten Sprung sind die Gesichter am Start nicht mehr starr vor Anspannung, sondern zeigen die endorphingetränkte Seligkeit, die sich nach einem echten Kick einstellt, und erst später am Nachmittag kommt die völlige Erschöpfung dazu. Ab dem zehnten, zwölften Sprung schleppen wir uns nur noch ächzend die Treppen wieder hinauf, die Overalls sind höllenwarm, Schweiß, verdammte Unsportlichkeit, zum Glück ist der Nachmittag dann bald vorbei.

Fehlt nur noch das Abschlussspringen. Neben der Schanze steht ein Siegerpodest, das muss ja für irgendwas verwendet werden. Es gibt zwei Durchgänge, mein erster Sprung: sieben Meter, Platz im Mittelfeld. Schwenke hofft auf Steigerung im zweiten Durchgang.

Ein letztes Mal Ski anlegen, Bindung festpopeln, zum Anlauf schlingern. Schwenke hat angekündigt, sich nach diesem Wettbewerb aus dem aktiven Skispringen zurückzuziehen, und natürlich soll der letzte Sprung ein Ausrufezeichen hinter einer großen Sportlerkarriere werden. Er packt die beiden Eisenrohre und stößt sich mit Kraft hinab in die Spur, Hocke locker, Hände am Körper, die Ski rasen wie nie zuvor durch ihre frostigen Kanäle. Ihm schießt das Markierungstännchen entgegen, das Ende des Schanzentisches, die letzte Kraft seiner Oberschenkel entlädt sich in einer gewaltigen Explosion, die Beine schnappen exakt am richtigen Punkt auseinander und stoßen Schwenke mit Wucht weg von der Schanze, unten geht ein Raunen durch die Menge, und einer sagt später: »Ich bin extra aufgestanden, weil ich sehen wollte, was los ist.«

Los ist Folgendes: Trotz der Größe des Augenblicks hören meine Füße beim Absprung nicht auf die vorherigen Anweisungen des Trainers Jens Greiner-Hiero. Ich springe mit den Zehen ab und nicht vorschriftsmäßig mit der ganzen Fußsohle. Die Fußspitzen zeigen deswegen nach dem Abheben nach unten, die Ski drehen sich ebenfalls dorthin, leider jeder für sich, völlig unkoordiniert, der Rest meines Körpers kann der Rotationsbewegung nichts entgegensetzen und kippt nach vorne. Dort erwartet mich bereits der Boden. Genau kann ich es nicht mehr rekonstruieren, aber ich meine mich zu erinnern, dass ich den Sturz gleichzeitig mit dem Gesicht und dem Hintern abgefangen habe. Weite: 8,50 Meter, minus einen Meter wegen nicht vorschriftsmäßiger Landung. Ein faustgroßer blauer Fleck an der linken Wade und ein solider neunter Platz sind die Belohnung für diese Tat.

Gewonnen hat natürlich Ronny. 12,5 Meter, Schanzenrekord. »Wenigstens haben wir unser Leben lang was zu erzählen«, sagt Thomas bei der Siegerehrung. Die Schanze wird in den Geschichten übrigens mit jedem Jahr und jeder Erzählung einen Meter höher.



von Philipp Schwenke für NEON (Dezember 2009)


Der Meister und sein Heavy Metal

Seine Gitarren sind die absolute Härte - gebaut aus Stahl, geschunden wie Schrott, gepriesen für ihren Klang. James Trussart schmiedet Instrumente für die Ewigkeit.

Als James Trussart, Gitarrenbauer in Los Angeles, an diesem Mittwochmorgen mit zwei Gitarrentaschen über der Schulter aus der Tür seines Hauses tritt, sitzt ein Mann davor auf dem Bürgersteig und betet. Ein Stück ins Tal hinab flirrt die Skyline von Downtown in der Vormittagssonne, und ein alter Fernseher, der seit Tagen mit dem Gesicht nach unten auf dem Gehweg liegt, zeichnet einen scharfen Schatten auf die Straße. Der Mann vor dem Haus trägt einen Pullover mit Löchern groß wie Untertassen. Trussart mustert ihn, wie man einen neuen Blumenkübel in der Einfahrt des Nachbarn mustern würde, eine Sekunde mildes Interesse, dann geht er zu seinem Van, neben ihm sein Kompagnon Robert, der ebenfalls zwei E-Gitarren trägt. "You know that guy?", fragt James. "Never seen." James zuckt kurz mit den Augenbrauen, die Schultern sind ja beladen, dann packen beide die Taschen achtsam in den Kofferraum, während der Mann mit geschlossenen Augen im Lotussitz verharrt - vielleicht meditiert er auch nur. Die Türen schlagen zu, und damit beginnt für James und Robert der Arbeitstag.

Sie nehmen die Querstraße, die von keiner Kurve gebremst steil zu Tal schießt, hinaus auf den Highway nach Pasadena, James fährt, das Telefon klingelt, er geht ran. Hört kurz zu, dann erklärt er, was er so oft erklären muss: "Ja, aus Stahl, wir bauen die Gitarren aus Stahl." - "Jeden Tag eine ungefähr." - "Ja, ich habe die erfunden, genau." - "Etwa 4000, 5000 $ pro Stück." - "Unikate, jede ein Unikat." - "Nein, wirklich Stahl, kein Holz." - "Für ein Fotoshooting?" - "Für Chris Brown? Wer ist das?" Trussart schaut irritiert. Chris Brown ist ein Rhythm-and-Blues-Sänger, allein sein Debütalbum hat sich fünf Millionen Mal verkauft. Aber seine Musik kommt größtenteils aus dem Computer, und damit ist er nicht Teil der Welt, in der James Trussart lebt. Auch nicht Teil der Welt, für die Trussart seine Gitarren baut. Das ist die Welt von Eric Clapton und Paul Simon, beide haben ein Instrument von ihm gekauft, genau wie Billy Corgan von den Smashing Pumpkins oder wie Sheryl Crow; James Hetfield von Metallica besitzt gleich mehrere, und letzte Woche war Andy Summers bei Trussart zu Besuch, der Gitarrist von The Police. Hinten, im Hof seines Hauses, dort wo man von der Terrasse aus das Hollywood-Schild sehen kann, steht Trussarts Werkstatt, und Summers war einfach nur neugierig. Vielleicht kauft er auch eine, mal sehen.

Chris Brown will offenbar keine kaufen. "Leihen?", fragt Trussart ins Telefon. "Well ... können wir schon machen." Er nennt einen Preis, der ohne seinen charmanten französischen Akzent sofort als Unverschämtheit auffallen würde, beendet das Gespräch und parkt den Wagen vor Pasadena Guitars, einem der wenigen Händler, die seine Gitarren vertreiben.
Trussarts Instrumente sind legendär. Nicht nur, weil er der Erste und sehr lang der Einzige war, der E-Gitarren aus Stahlplatten zusammenschweißt. Auch nicht nur, weil jede ein Einzelstück ist und dennoch seine Handschrift trägt: Trussart lässt sie rosten und verwittern, ätzt ihnen Bilder auf den Leib, rostet ihnen Muster ein, ramponiert sie mit allen Mitteln. "Das ist wie mit den Beatles. Die konnten machen, was sie wollten, sie klangen immer wie die Beatles", sagt er. Seine Gitarren sind alle auf ihre ganz eigene Art heruntergekommen, aber jede klingt wie eine Trussart. Die Töne bleiben fast ewig stehen, bevor sie verklingen. Der Gitarrist spricht von "sustain" – und je länger es hält, desto besser. Trussarts Gitarren haben das längste Sustain von allen.

Mittlerweile gibt es Hersteller, die seine Idee kopieren und hohle Stahlgitarren schweißen, manche sehen sogar ein wenig so aus wie die von Trussart. Aber sie klingen nicht so. Der Ton stirbt früher; wie man das endlose Sustain hinbekommt, hat außer Trussart noch keiner so richtig ausgetüftelt. Also, James, was ist das Geheimnis? "Of course I could tell you", sagt er am Heck seines Lieferwagens und schlägt die Türen zu, "but then I'll have to kill you."

Pasadena Guitars ist ein Gitarrenladen für gehobene Ansprüche, die meisten Instrumente kosten mehr als 3000 $. Nachdem sie die vier neuen Modelle gezeigt haben, lässt Robert eine neue Vertriebsvereinbarung unterschreiben und plaudert über die gefallenen Preise bei amerikanischen Gitarristenfachblättern, während James hier und dort eine Gitarre von der Wand nimmt und spielt. Robert verrät ein Geheimnis, das eigentlich offensichtlich ist: "James interessiert sich erst dann fürs Business, wenn am Ende des Monats kein Geld da ist." Trussart murmelt beim Spielen manchmal "beautiful instrument", dann hängt er die Gitarren wieder zurück. James, gibt es andere Gitarrenbauer, die Sie für ihre Arbeit bewundern? Er denkt keine Sekunde nach, sagt Nein und grinst.

Trussart ist ein Mann von knurrigem Charme und knorrigem Witz, ausgestattet mit der Lässigkeit dessen, der nicht übermäßig viel darauf gibt, was seine Mitmenschen über ihn denken könnten. Durch Los Angeles schlurft er mit entspannter Körperhaltung, in Jeans, Karohemd und einem Nietengürtel mit Strasssteinen; die Haare trägt er wie Bob Dylan, irgendwie halt. Außen Rocker, innen Bilderbuchfranzose. Er sieht aus wie Paul McCartney, wenn der das Leben von Keith Richards gelebt hätte, aber in seinem Kühlschrank liegt grüner Spargel. Trussart ist erst vor zehn Jahren von Paris nach Los Angeles gezogen, da war er schon fast 50, und sein Englisch kann seine Herkunft nicht verbergen: Wenn er "well" sagt, serviert er das Wort nicht amerikanisch und breit aus dem Unterkiefer, sondern formt ein "velle" wie in "nouvelle" am Gaumen, und in sein "fuck" schleicht sich ein leises Ö. Er spricht ein Englisch, dem man nichts übel nehmen kann, auch nicht, dass er Fragen, die er nicht beantworten will, gern mit einer lang gezogenen Kaskade aus Schweigen und Füllwörtern retourniert. Also, was ist denn nun das Geheimnis des ewigen Klanges? "Well ... you know ... it's like ... I don't know ... well ... yeah!" So geht das über Minuten.

Trussart ist wie seine Gitarren: ein bisschen verlebt, edel und sehr eigen. Er selbst sieht das so: "Meine Gitarren altern gut, ich auch."

Später an diesem Tag steht er mit einem der Jungs, die für ihn arbeiten, in seiner Werkstatt, einem Holzhaus von nicht einmal 30 Quadratmetern, in dem es nach Münzen riecht, die man zu lang in der schweißigen Hand gehalten hat. Dutzende Gitarrenteile in verschiedenen Fertigungsstadien liegen herum: Halbschalen, geschweißt und unbehandelt, schon gerostet, noch nicht lackiert, fertig zur Montage. Die Korpushälften lässt er in Frankreich bauen, er hat auch nach zehn Jahren noch niemanden in den USA gefunden, der die 1,2 Millimeter dicken Stahlplatten so präzise in Form ziehen und schlagen kann, wie er sich das vorstellt. Zwei Hälften werden jeweils über den Atlantik geschickt, Ober- und Unterseite, zwei Halbschalen, die Trussart in Los Angeles zusammenschweißen lässt, so nahtlos, als wären sie immer eins gewesen. Weil im Inneren ein Hohlraum ist, wiegen sie selten mehr als eine ­E-Gitarre aus massivem Holz.

Den fertig verschweißten Stahl quält und bearbeitet Trussart, bis er gut aussieht. Er ist ein Meister des Rostes. "Ich hatte damals in Paris einen Korpus draußen liegen lassen. Es regnete, Blätter fielen drauf, und beim Rosten hat sich die Maserung der Blätter in den Stahl gezeichnet." Das war in den 80ern, Gitarren konnten damals nicht genug glänzen. Warum er sie nicht mehr so bauen wollte? Glänzend? "Because I didn't like it." Zu glatt, zu langweilig, beschloss Trussart und begann, seine Gitarren mit den Spuren eines wilden Lebens zu schmücken, das sie noch gar nicht hinter sich hatten.

Heute zum Beispiel wickelt er einen Korpus in grobes Krokodilleder, die Schuppen auf den Stahl, und legt ihn hinter dem Haus einen Tag lang in kleine Wannen mit Chemie, damit sich das Muster der Krokodilhaut ins Metall frisst. Er hat mit einigen Methoden experimentiert und verschiedene Rostbeschleuniger gefunden, eine Lösung lässt Stahl eher rötlich rosten, eine andere mehr schwarzgrau, die genauen Zutaten verrät er nicht. Es verlassen keine zwei Gitarren die Werkstatt, die gleich sind.

Das Handwerk hat er sich selbst beigebracht. "Selbst bauen war für mich die billigste Art, an ein Instrument zu kommen", sagt er. Er hat es einfach ausprobiert, damals in Frankreich in den 70er-Jahren. Als Sohn eines Bauern in Sion in der Nähe von Nancy geboren, konnte Trussart schon als Kind zwei Dinge: basteln und Musik machen. Sein erstes Instrument war ein Dulcimer, verwandt mit der Zither. Er hatte einen auf einer Platte von Brian Wilson gehört, und weil er nirgendwo einen kaufen konnte, baute er ihn selbst. Seine Freunde mochten den Sound, er verkaufte den Dulcimer und fertigte einen neuen an. Er machte Musik und Gitarren, 1972 kam er zufällig an Matrizen einer alten Geigenmanu­faktur. Er hatte sowieso vor, sich eine Geige zu bauen, und probierte es mit Stahl. Woher er wusste, wie das geht? "Ich wusste es nicht." Die erste Gitarre aus Stahl kam 1978, Hunderte seitdem, und die 20 neuesten hängen in der Werkstatt an der Wand und warten darauf, gestimmt und verkauft zu werden.

Trussarts ganzes Haus ist ein Instrumentenmuseum, auf dem Wohnzimmertisch liegt ein E-Bass in Einzelteilen neben einem Entwurf für einen neuen, der ist für einen Freund, nämlich den Bassisten von Brian Wilsons aktueller Band. Weil der Tisch belegt ist, sitzt Trussart jetzt abends in seinem dunklen Haus am Küchentisch, nur die Lampe über seinem Kopf brennt, und entwirft ein neues Tor für seine Garage. "Ich werde diese Türen den Rest meines Lebens aufmachen, also kümmere ich mich besser darum, wie sie aussehen." In Frankreich hat er das immer wieder getan: Häuser gekauft, renoviert und einige Jahre bewohnt, bevor es ihn ins nächste zog. Andere Menschen unterteilen ihr Leben in Jobs, er unterteilt es in Häuser, in Beziehungen und Reisen, schon mit Anfang 20 ist er monatelang durch die USA getrampt mit nur 60 $ in der Tasche, irgendwann hat er auf einer Bohrinsel im Golf von Mexiko als Schweißer gearbeitet. "Ich habe mein Leben nie geplant", sagt er. Verheiratet war er auch, seine Frau war der Grund für seinen Umzug in die USA, er ist ihr gefolgt, heute sind sie gute Freunde, und so wohnt er eben jetzt in Los Angeles, sitzt in seiner Küche und zeichnet Garagentüren. Er spitzt dabei die Lippen, das tut er immer, wenn er sich konzentriert. Nebenbei erzählt er, wie er einmal bei der französischen Bahn als Kontrolleur gearbeitet hat, bis er rausflog; seine Kollegen und er gingen sich zu sehr auf die Nerven, einmal gab es eine Prügelei. "Ich hab bei der Arbeit immer Mundharmonika gespielt", sagt er, "das hat sie wahnsinnig gemacht."

Er verschwindet kurz, kramt im Haus herum und kommt mit einer Mundharmonika zurück. Ein Gestell auf den Schultern hält das Instrument vor seinen Mund, die Hände bleiben frei, er setzt sich wieder hin, zeichnet, erzählt weiter, zwischendurch spielt er den Blues. Man kann sich gut vorstellen, wie das gewesen sein muss mit den anderen Schaffnern und dem Wahnsinn.

Es wird spät an diesem Abend, Trussart trifft anschließend noch ein paar Freunde in der Stadt, auch Brian Wilsons Bassist ist dabei - es gibt in seinem Leben keinen wirklichen Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit, Tag und Nacht, nur die ewige Dämmerung des Rock 'n' Roll. "Ich benehme mich wie ein 20-Jähriger. Wenn ich mir zum Beispiel ein Studio bauen will, dann tue ich das eben." In seinem Bad hängt eine altes Plakat, das für einen Ford Thunderbird '59 wirbt: "A very special car for a very special person."

Trotzdem steht er am nächsten Tag um zehn wieder in seiner Werkstatt, um ein paar Gitarren zu testen, die später an die Händler gehen sollen; jedes Instrument, das sein Haus verlässt, hat er mindestens einmal gespielt - und zwar sehr laut. Und das Geheimnis des ewigen Klanges, das verrät er dabei dann doch noch. Trussart ist ein Mann ohne Argwohn. Vor ein paar Monaten zum Beispiel hat er eine seiner Gitarren an ein Musikmagazin in Deutschland geschickt, zum Testen. Als er sie wiederhaben wollte, bekam er keine Antwort, das Magazin, stellte sich heraus, hatte es nie gegeben, und das Rätsel, welcher Mensch ihn da unter falschem Namen und falscher Adresse um die Gitarre gebeten hatte, ist ungelöst geblieben. 4000 $ verloren, und Trussart ist immer noch sauer, was bei ihm daran zu merken ist, dass er eine pampige Bemerkung macht. Das Geheimnis seiner Gitarren allerdings ist wirklich recht simpel, sogar die meisten Laien würden es sofort verstehen, und Trussart hat die Drohung, den Reporter umzubringen, so aufgeweicht, dass sie nur noch gilt, falls dieser sein Geschäftsgeheimnis in der Zeitung ausplaudert. Weiß der Himmel, warum er einem deutschen Journalisten noch einmal traut.

Aus dem Radio über der Werkbank brettert jetzt Rage Against The Machine: "Killing in the Name". Die Band stammt aus Los Angeles, Gitarrist Tom Morello spielt auch eine Trussart, tarnfarbengrün mit einem roten Stern darauf. Ein paar aus der Modellreihe hängen an Trussarts Wand, sie verkaufen sich extrem gut. Tom Morello rumst die drei Akkorde, die man einmal hört und nicht mehr vergisst, Sänger Zack de la Rocha predigt dazu die Zeile, die jeder mitsingen kann: Rammbam pam. "And now you do what they told ya!" Rammbam pam. "And now you do what they told ya!" James Trussart wippt ein bisschen im Takt, freut sich und singt nicht mit.


von Philipp Schwenke für Financial Times Deutschland / how to spend it (April 2010)


Natürlich schwul

Viele Menschen halten Homosexualität noch immer für abnormal. Manche glauben sogar, sie sei eine Krankheit. Dabei ist sich die Wissenschaft inzwischen einig: Wie wir lieben, entscheiden Gene und Hormone. Von Bastian Obermayer und Philipp Schwenke

Günter Baum will, kann, darf nicht schwul sein. Er ist in einer streng christlichen Gemeinde und tief religiös. Es gibt einen Ausweg, sagen ihm andere Gläubige. Baum unterzieht sich einem Exorzismus, bei dem der »Dämon Homosexualität« durch Gebete aus seinem Körper verjagt werden soll. Als er hustet, jubeln die anderen: »Der Dämon verlässt ihn!« Günter Baum verlobt sich mit einer Frau: »Gott stellt dir diese Frau zur Seite, damit du geheilt wirst«, sagt sein Priester. Baum geht sogar für ein Jahr nach Kalifornien, um sich von der evangelikalen Sekte »Desert Stream« therapieren zu lassen. Dort vergibt er in endlosen Sitzungen seinem Vater und seiner Mutter, weil man ihm sagt, sie seien schuld. Irgendwann, nach zehn Jahren Therapie, sagt Günter Baum: »Ich bin nicht mehr schwul.«

Viele Menschen halten Homosexualität noch immer für abnormal. Manche glauben sogar, sie sei eine Krankheit. Dabei ist sich die Wissenschaft inzwischen einig: Wie wir lieben, entscheiden Gene und Hormone. Von Bastian Obermayer und Philipp Schwenke

Günter Baum will, kann, darf nicht schwul sein. Er ist in einer streng christlichen Gemeinde und tief religiös. Es gibt einen Ausweg, sagen ihm andere Gläubige. Baum unterzieht sich einem Exorzismus, bei dem der »Dämon Homosexualität« durch Gebete aus seinem Körper verjagt werden soll. Als er hustet, jubeln die anderen: »Der Dämon verlässt ihn!« Günter Baum verlobt sich mit einer Frau: »Gott stellt dir diese Frau zur Seite, damit du geheilt wirst«, sagt sein Priester. Baum geht sogar für ein Jahr nach Kalifornien, um sich von der evangelikalen Sekte »Desert Stream« therapieren zu lassen. Dort vergibt er in endlosen Sitzungen seinem Vater und seiner Mutter, weil man ihm sagt, sie seien schuld. Irgendwann, nach zehn Jahren Therapie, sagt Günter Baum: »Ich bin nicht mehr schwul.«

Ein weiterer Erfolg für die sogenannte Ex-Gay-Bewegung, die im Amerika des evangelikalen George W. Bush eine Menge Einfluss und Geld hat. Und wieder der scheinbare Beweis, dass Homosexualität heilbar ist, wie Alkoholsucht. Zurück in Deutschland versucht Günter Baum, andere Schwule auf den rechten Weg zu führen. »Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mir kein Wort glaube. Und dass ich draufgehe, wenn ich so weitermache«, sagt Baum heute. Als ihn dann in einer Schöneberger Kneipe Frank anspricht, bricht Günter Baums Fassade endgültig in sich zusammen. Aus der Galionsfigur der Ex-Gay-Bewegung wird ein Ex-Ex-Gay. Ein ganz normaler Schwuler.

Homo-Ehe hin, Christopher-Street-Day her: Normal ist, wer hetero ist. Homosexuelle Handlungen seien »in sich nicht in Ordnung«, sagt die katholische Kirche und befiehlt Keuschheit. »Schwul« ist immer noch ein Schimpfwort, »schwul« gilt immer noch als unnatürlich, anders, pervers. Man weiß ja nicht, wo das herkommt. Wieso die schwul sind. Die Deutschen wählen zwar schwule Bürgermeister, tragen schwule Mode und hätten mehrheitlich nichts gegen einen schwulen Kanzler. Aber mehr als ein Drittel der Deutschen sagt: »Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen.« Spätestens beim eigenen Kind wäre eine Hetero-Pille ganz recht. Oder eine Therapie. Besorgte Eltern, die mit ihren schwulen Söhnen zur Sexualberatung laufen, stellen meist zwei Fragen. »Haben wir etwas falsch gemacht?«, lautet die eine. »Kann man da was gegen machen?«, die andere.

Beide Fragen haben über viele Jahrzehnte auch die Wissenschaft beschäftigt. Seit Kurzem ist diese Diskussion beendet, mit eindeutigem Ergebnis. »Niemand kann zur Homosexualität oder zur Heterosexualität erzogen oder verführt werden und man kann auch niemanden davon befreien«, sagt Hartmut Bosinski, Professor für Sexualmedizin an der Universität Kiel. Denn: Die sexuelle Orientierung hat biologische Ursachen. Inzwischen glaubt man zu wissen, dass ein kompliziertes Zusammenspiel von Genen und Sexualhormonen die sexuelle Orientierung in unserem Gehirn verankert. Wahrscheinlich schon im Mutterleib, wahrscheinlich bei Männern und Frauen etwas unterschiedlich und in jedem Fall unumkehrbar. Man wird schwul geboren. Oder lesbisch. Oder hetero.

Den vorläufig letzten Beweis dafür lieferte kürzlich der kanadische Sozialpsychologe Anthony Bogaert. Er hatte schon vor zehn Jahren entdeckt, dass bei einem Mann mit jedem älteren Bruder die Wahrscheinlichkeit, homosexuell zu sein, um fast ein Drittel ansteigt. »Ohne Bruder liegt die Chance, schwul zu sein, bei etwa drei Prozent, mit drei Brüdern schon bei mehr als sieben Prozent«, sagt Bogaert. Psychologen erklärten den »fraternal birth effect« damals mit der Nesthäkchen-Rolle des jüngeren Bruders, also der sozialen Umgebung.

Das konnte Bogaert nun widerlegen und erregte damit weltweit Aufsehen. Er wies nach, dass der Effekt nur bei leiblichen Brüdern auftritt. Männer, die mit älteren Stiefbrüdern oder älteren adoptierten Brüdern aufwuchsen, waren nicht öfter schwul als Männer ohne Brüder. »Es muss also eine biologische Erklärung dafür geben«, erklärt Bogaert sein Ergebnis.

Schon länger weiß man, dass die Gene unsere sexuelle Entwicklung beeinflussen. Der amerikanische Forscher Dean Hamer verkündete 1993 sogar, auf dem X-Chromosom die Anlage zur Homosexualität gefunden zu haben: das »schwule« Gen. Aber seither konnte kein anderer Wissenschaftler Hamers Fund bestätigen, obwohl es unzählige Male versucht wurde. Dafür offenbarten mehrere groß angelegte Zwillingsstudien die Beteiligung der Gene. Eineiige Zwillinge, egal ob getrennt oder gemeinsam aufgewachsen, entwickeln erstaunlich oft die gleiche sexuelle Orientierung. Wenn ein Zwilling schwul ist, liegt die Wahrscheinlichkeit bei fast 50 Prozent, dass der andere ebenfalls Männer bevorzugt.

Bei weiblichen eineiigen Zwillingen sind es 20 bis 30 Prozent, die einen Partner des gleichen Geschlechts wählen. Zum Vergleich: Man geht von etwa drei bis fünf Prozent schwuler Männer und zwei bis vier Prozent lesbischer Frauen in der Bevölkerung aus.

Zwei Dinge gehen aus der Zwillingsforschung klar hervor. Die Gene allein können es nicht sein, sonst müssten eineiige Zwillinge zu hundert Prozent gleich empfinden. Und zugleich: Die Gene spielen eine wichtige Rolle, sonst läge die Übereinstimmung bei männlichen eineiigen Zwillingen nicht bei immerhin 50 Prozent. »Das kann man nicht ignorieren«, meint Hartmut Bosinski.

Die Medizinerin Christl Vonholdt leitet das »Deutsche Institut für Jugend und Ge-sellschaft«, den deutschen Arm der Ex-Gay-Bewegung. »Menschen mit unerwünsch-ten homosexuellen Neigungen«, sagt sie, Menschen wie Günter Baum also, könne und solle man heilen. Sie sagt, dass »der ungestillte Vaterhunger des Kindes von älteren Männern missbraucht« werde, was geradewegs in das Unglück der Homosexualität führe. Mit ihren Thesen erwarb Vonholdt zwar keine wissenschaftlichen Meriten, wurde aber im Oktober 2004 von der CDU/CSU-Fraktion als Sachverständige zu den Beratungen um die Homo-Ehe in den Bundestag geladen.

»Gegen Ideologie kommt man mit Wissenschaft nicht an. Nur: Wenn diese Leute behaupten, man könne oder solle Homosexuelle therapieren, wird es ethisch bedenklich und gefährlich«, sagt Bosinski. Erstens therapiert man nur Krankheiten. Homosexualität ist aber keine Krankheit. Zweitens beweisen unzählige seriöse Studien, dass man Schwule nicht umpolen kann. Heteros übrigens auch nicht. Dazu kommen die Nebenwirkungen solcher Therapien: Günter Baum kämpfte die ganzen zehn Jahre über gegen Selbstmordgedanken. Der englische Ex-Gay-Aktivist Jeremy Marks gab seine Arbeit nach zwölf Jahren auf, weil seine Klienten die Therapie entweder abbrachen und ihre Homosexualität akzeptierten – oder sie schwer depressiv wurden. »Ähnlich sinnlose Umerziehungsversuche gab es früher an Linkshändern, auch da mit fatalen Folgen«, sagt Bosinski. Solange man Kindern das »böse Händchen« verbot, waren sie die reinste Fundgrube für Psychiater: höhere Raten an Psychosen, an Lernstörungen und sogar an Kriminalität.

»Homosexualität ist ein unveränderlicher, weil biologisch verankerter Bestandteil der Natur eines Menschen«, sagt Glenn Wilson, einer der bekanntesten Psychologen Englands. Sein Buch Born Gay sorgte im vergangenen Jahr für Furore. Darin präsentiert er nicht nur unzählige Hinweise auf genetische und hormonelle Ursachen, sondern demontiert gleichzeitig alle gängigen psychosozialen Erklärungsmuster.

Die Freud’schen Thesen von »starken Müttern« und »abwesenden Vätern«, die ihre Söhne angeblich direkt in die Homosexualität führten? – »Söhne, die ohne Vater aufwachsen, werden definitiv nicht öfter schwul. Das wurde durch viele Untersuchungen bewiesen, die das Sozialisationsumfeld von Schwulen und Nichtschwulen verglichen.« Die »Verführung« durch schwule Brüder? »Meistens erfahren jüngere Brüder erst nach der Pubertät, dass ihr Bruder schwul ist, und homosexuelle Bruderspiele sind höchst selten.«

Die »Ansteckung« bei älteren Männern? »Unsinn. Bei willentlichen Sexerlebnissen mit Erwachsenen wussten die meisten Jugendlichen schon vorher, dass sie homosexuell empfanden.« Außerdem: »Wenn das erste sexuelle Erlebnis richtungsweisend wäre, müssten alle Männer des Sambia-Stammes schwul sein.« Bei dem isoliert in Neuguinea lebenden Volk ist es üblich, dass sieben- bis zehnjährige Knaben ältere Jugendliche und Männer oral befriedigen, weil die Sambia glauben, dass der Samen eine Art magischer Kraft besitzt. Trotzdem werden die Männer dort nicht öfter homosexuell als anderswo.

Gerade der Vergleich mit anderen Völkern legt eine biologische Erklärung nahe. »Immerhin scheint der Anteil von Homosexuellen über die Zeit und alle Kulturen hinweg konstant«, argumentiert Bosinski. Auch von mindestens 450 Tierarten weiß man, dass sie gleichgeschlechtlichen Sex haben, schwule Schwäne gehen sogar lebenslange Partnerschaften ein. All das spricht sehr gegen den Einfluss sozialer Faktoren wie Erziehung und sehr dafür, dass die Natur ganz einfach mehrere Variationen im Repertoire hat.

Noch ist allerdings umstritten, wann die jeweilige Vorliebe endgültig festgezurrt wird. Wilsons »Schwul bei Geburt«-These ist eine Möglichkeit. Die andere besagt, dass im frühkindlichen Alter auch Umweltfaktoren noch Einfluss nehmen können. Beide münden in die Gewissheit, dass schon im Alter von etwa drei Jahren feststeht, zu welchem Geschlecht es einen später hinzieht.

»Wir fanden eine überraschend klare Verbindung zwischen Geschlechterverhalten in der Kindheit und der späteren sexuellen Orientierung«, sagt Kenneth Zucker, Psychiater aus Toronto. Vermeintliche Klischees wurden in etlichen Untersuchungen bestätigt: Schwule erinnern sich mehrheitlich daran, nur selten gerauft und an Wettkampfsportarten teilgenommen zu haben, dafür spielten sie lieber mit Mädchen oder Puppen und verkleideten sich gern. Lesbische Frauen sagen, sie hätten sich weniger für Schmuck oder »Vater-Mutter-Spiele« interessiert und dafür lieber mit Jungs herumgetobt. Eine Studie begleitete über Jahre hinweg 66 sogenannte Sissy-Boys, Jungen im Alter von vier bis zehn Jahren, die sich besonders deutlich wie Mädchen benahmen. In der Vergleichsgruppe waren 56 Jungen, die so spielten, wie es eher für Jungs typisch ist. Das Ergebnis: 75 Prozent der »Sissy-Boys« wurden schwul, in der Vergleichsgruppe nur ein Einziger.

Vermutlich findet die Entwicklung unserer sexuellen Orientierung bereits im Mutterleib statt, organisiert von Sexualhormonen wie Testosteron, Androgen und Östrogen. In Tierversuchen mit Ratten lässt sich das sogar beweisen: Weibchen, die im Mutterleib zu viel des männlichen Hormons Androgen bekommen, sind aggressiver und besteigen in der Pubertät ihre Artgenossinnen. Männchen, deren Androgenzufuhr gekappt wird, spielen weniger kämpferisch und bieten sich später anderen Männchen mit erhobenem Hinterteil an.

Eine seltene Stoffwechselkrankheit zeigt, dass Hormone bei Menschen ähnlich wirken: Frauen mit Androgenitalem Syndrom sind vorgeburtlich zu vielen männlichen Hormonen ausgesetzt. Diese Frauen werden wesentlich öfter homosexuell. Und tatsächlich weiß man seit kurzem, dass lesbische Frauen im Schnitt mehr Testosteron im Blut haben als heterosexuelle Frauen. Nur: Schwule Männer unterscheiden sich in Hormonstudien kaum von heterosexuellen. Deswegen geht man davon aus, dass der Ursprung der Homosexualität bei Männern und Frauen etwas verschieden ist. Vorgeburtliche Hormone spielen bei Frauen offensichtlich eine größere Rolle, bei Männern scheinen die Gene wichtiger zu sein.

Mittlerweile weiß man, dass die sexuelle Vorliebe im Gehirn abgespeichert wird, wahrscheinlich in einem kleinen Kernbereich im Zwischenhirn, dem sogenannten INAH 3-Areal. Dieses Areal ist bei Männern etwa dreimal so groß wie bei Frauen, man nimmt an, weil Sexualhormone unser Gehirn im Mutterleib unterschiedlich beeinflussen. Erstmals trug der amerikanische Neurobiologe Simon LeVay diese Idee an die Öffentlichkeit. Er verglich schon 1991 das INAH 3-Areal von Schwulen und Heterosexuellen und stellte fest, dass der Bereich bei Homosexuellen in etwa die Größe hat, wie man sie bei Frauen erwarten würde.

Das lässt zumindest die Vermutung zu, dass »schwule« Gehirne eher weiblich organisiert sind. Bestärkt wird diese Theorie durch Tierversuche mit Ratten und Schafböcken. Letztere sind übrigens zu erstaunlichen zehn Prozent ausschließlich homosexuell interessiert. Männliche Rattenembryos konnten durch Hormonmanipulation sogar gesteuert werden: weniger männliche Hormone, kleineres INAH 3-Areal, homosexuell. Was nicht gelang – aus einer schwulen Ratte nach der Geburt wieder eine Hetero-Ratte zu machen.

Abseits aller Hormone, Gene, Zwischenhirnareale und Toleranz sind schwule Schafböcke für ihren Züchter höchst ärgerlich. Immerhin weigern sie sich, für Nachwuchs zu sorgen. Die Frage drängt sich auf: Warum gibt die Natur seit Jahrtausenden eine scheinbar nutzlose Anlage weiter? Die Wissenschaft ist sich einig: Es muss einen evolutionsbiologischen Grund geben. Bisher wurde viel über schwule altruistische Onkel spekuliert oder über Gruppenspannungen, die, wie bei den Bonobo-Affen, durch körperliche Akte befriedet werden.

Ein italienischer Forscher fand nun heraus, dass Mütter von Schwulen und ihre Tanten mütterlicherseits deutlich mehr Kinder zur Welt bringen. Er vermutet, dass dieselben genetischen Eigenschaften, die bei Männern zur Homosexualität führen können, Frauen fruchtbarer machen. Das würde erklären, wie die »rosa« Gene vererbt werden: über die Mutter. Außerdem wäre der vermeintliche Evolutionsnachteil aufgehoben.

Umfragen besagen, dass Menschen weniger Vorurteile gegen Schwule haben, wenn sie Homosexualität für biologisch begründet halten. Trotzdem sehen die Schwulenverbände die Suche nach den Ursachen kritisch. Axel Blumenthal vom Lesben- und Schwulenverband in Deutschland: »Was kommt denn, wenn wir genau wissen, warum Menschen homosexuell werden? Doch die Frage, wie man es verhindern kann!«


von Philipp Schwenke für SZ-Magazin (15.9.2006)


Lass mal gut sein

Die Zeit der Wohltätigkeitsbälle hat begonnen, Stars und Sternchen posieren für die Klatschpresse, wo gespendet wird, gibt es Aufmerksamkeit. Von Katastrophen und Tragödien spricht hier keiner.

Das alles hilft gegen Aids: Die Fotografen, die Scheinwerfer, die Hostessen, die Aufregung und die tief dekolletierte blonde Frau, die sich den Kameras präsentiert. Im Hintergrund leuchtet die Kugel des Berliner Fernsehturms orange in der Dämmerung dieses Samstagabends, und auf dem roten Teppich vor dem roten Rathaus brüllen die Fotografen der blonden Frau zu: "Toll! Ja! Und hier noch mal rüberdrehen!" Es müssen zwei Dutzend sein, die hier im Licht der Scheinwerfer schwitzen und rufen. Hinter den Absperrungen auf dem Bürgersteig stehen die Hauptstadttouristen und staunen, was so alles los ist in Berlin, die Dame reckt Po und Busen zu den Kameras, die daraufhin aufgeregt klicken, und in der dritten Reihe des Pressepulks deutet ein Journalist mit ratlosem Gesicht auf die Dame und fragt: "Wer is'n dit überhaupt?"- "Keene Ahnung, dit weiß hier keener", antwortet sein Nebenmann.

Die Zeit der Wohltätigkeitsbälle hat begonnen, Stars und Sternchen posieren für die Klatschpresse, wo gespendet wird, gibt es Aufmerksamkeit. Von Katastrophen und Tragödien spricht hier keiner.

Das alles hilft gegen Aids: Die Fotografen, die Scheinwerfer, die Hostessen, die Aufregung und die tief dekolletierte blonde Frau, die sich den Kameras präsentiert. Im Hintergrund leuchtet die Kugel des Berliner Fernsehturms orange in der Dämmerung dieses Samstagabends, und auf dem roten Teppich vor dem roten Rathaus brüllen die Fotografen der blonden Frau zu: "Toll! Ja! Und hier noch mal rüberdrehen!" Es müssen zwei Dutzend sein, die hier im Licht der Scheinwerfer schwitzen und rufen. Hinter den Absperrungen auf dem Bürgersteig stehen die Hauptstadttouristen und staunen, was so alles los ist in Berlin, die Dame reckt Po und Busen zu den Kameras, die daraufhin aufgeregt klicken, und in der dritten Reihe des Pressepulks deutet ein Journalist mit ratlosem Gesicht auf die Dame und fragt: "Wer is'n dit überhaupt?"- "Keene Ahnung, dit weiß hier keener", antwortet sein Nebenmann.

Die kleine Frau aus Thailand, die gerade mit einem gefassten Lächeln im Gesicht die Stufen des Rathauses erklimmt, bemerkt niemand. Sie trägt eine große Brille mit quadratischen Gläsern und sieht so aus, als würde sie heute Abend lieber noch ein gutes Buch lesen und sich um ihre Katzen kümmern, als Handküsse in die Kameras zu blasen. Die Blitzlichter ignoriert sie, so wie man versucht, eine laute Party in der Wohnung der Nachbarn zu ignorieren, und als sie schließlich durch die Tür geht, ist sie tatsächlich kaum jemandem aufgefallen. Dabei wird dieser ganze Rabatz hier ihretwegen veranstaltet.

Es ist Aids-Gala in Berlin, "Reminders-Day", wie es offiziell heißt. Ein Abend mit edlem Buffet, edlen Gästen, 50 Euro teuren Eintrittskarten, viel Schampus und einer Ehrung, bei der die kleine Frau aus Thailand einen Preis für ihren Kampf gegen Aids erhält und die Hälfte der Gäste nicht zuhört. Eine Wohltätigkeitsveranstaltung oder eher: ein "Charity-Event", so muss man das wohl heute nennen, was hier passiert, das Wort klingt nach Trend, und das passt, denn Wohltätigkeit liegt sehr im Trend. Die Aids-Gala ist nur ein Vorbote für das, was auch in diesem Herbst wieder durchs Deutschlands Ballsäle rauschen wird: Unesco-Gala oder Red-Nose-Day, so heißen die Veranstaltungen, auf denen sich Menschen, die es sich leisten können, beim Feiern für den guten Zweck fotografieren und filmen lassen. "Diese Veranstaltungen sind mittlerweile schon inflationär", sagt Bernd Beder, Geschäftsführer des deutschen Spendenrates in Bonn. Es gibt keine verlässlichen Zahlen, wie viele Wohltätigkeits-Bälle es mittlerweile pro Jahr in Deutschland gibt, aber um zu sehen, "dass es mehr geworden sind, da müssen sie doch bloß ins Fernsehen schauen", sagt Beder. Oder in die "Bunte", "Gala" oder die "Neue Revue".

Das ist alles gut. Es bringt Aufmerksamkeit und gutes Geld für gute Projekte. Für den Kampf gegen Aids. Für die Unesco. Gegen Rassismus. Für den Kampf gegen Krebs. Gegen Multiple Sklerose. Für SOS-Kinderdörfer. Das ist die Hauptsache und daran ist nichts auszusetzen.

Eigentlich.

Im Roten Rathaus sind alle bereits angekommen, die beim Ankommen beobachtet werden wollen. Drinnen ist es voll, laute Gespräche, junge Frauen tragen Tabletts mit Häppchen und Getränken umher. Die Fotografen stehen am Rand, manche schleichen umher, auf der Suche nach einem guten Bild. "Wer ist da? Wer trägt was? Wer hat was gesagt? Das ist es, was die Leute am Ende wissen wollen", sagt einer. Kim Fischer, die man irgendwie aus dem Fernsehen kennt, sagt Fernsehreportern, dass das Thema Aids mehr Aufmerksamkeit braucht, dann reden sie über ihre Garderobe und was man da wohl drunter trägt.

Ein anderes Fernsehteam begleitet eine große dunkelhaarige Dame durch den Saal, die Kim Fischer vorhin mit "Kim! Bella!" und Küsschen auf die Wange begrüßt hat. Das ist Patrizia Schueler, Gesellschaftsreporterin bei der "Neuen Revue". Galaerfahren, promikompatibel und heute mit einem Sat-1-Team unterwegs, das einen Beitrag über die Arbeit einer Society-Reporterin dreht. Sie kennt sich also aus.

"Charity ist ein Geschäft", sagt sie. Der Deal ist: Geld gegen Aufmerksamkeit. Die Veranstalter brauchen Gäste, die welches haben. Die kommen gerne, wenn Prominente da sind, und Prominente kommen, wenn das Fernsehen da ist. Das Fernsehen kommt aber erst dann, wenn die Prominenten schon zugesagt haben, und am Ende wollen natürlich auch die Spender gerne dabei beobachtet werden, wie sie Gutes tun - also auch ins Fernsehen kommen. Für die Veranstalter ist die Vorbereitung einer solchen Gala ungefähr so, als müssten sie gleichzeitig einen Köder und einen Fisch fangen. Sie schaffen es trotzdem immer öfter.

Vielleicht liegt das daran, dass sich in den letzten Jahren in Deutschland ein neuer Typus von Prominenten entwickelt hat: Die so genannten "Charity-Ladys", meist hochbezahlte Gattinnen von erfolgreichen Männern, die in ihrer Freizeit Gutes tun. Regine Sixt oder Ute Ohoven heißen sie und sammeln jedes Jahr Millionen auf ihren Veranstaltungen. Und so, wie sie Millionen sammeln, sammeln sie und ihre Gäste auch Fotos in der "Gala" und in der "Bunten". Geld gegen Aufmerksamkeit.

Die Berliner Aidshilfe hat kurz vor der Gala eine neue Kampagne vorgestellt, mit der die Menschen wieder daran erinnert werden sollen, dass Aids immer noch gefährlich ist. Die Plakate stehen überall im Raum verteilt, sie zeigen jeweils zwei Menschen beim Sex, denen ein Grafiker den Kopf weg retuschiert hat. "Vergessen ist ansteckend" heißt der Slogan dazu. Eine gute Kampagne. Irgendwie passt der Spruch auch auf die Prominenten, die bei den Empfängen fotografiert werden wollen.

"Charity hat viel mit persönlicher Eitelkeit zu tun", sagt einer, der solche Veranstaltungen organisiert. "In bestimmten Kreisen geht man einfach zu Charity-Events, genauso wie man zum Boxen geht oder zur Baden-Badener Rennwoche. Das ist ein Statussymbol." Patrizia Schueler schätzt das ähnlich ein: "Es gibt natürlich einen Charity-Jet-Set und es gibt viele, die sich darüber ärgern." Die, die sich ärgern, tun das im Stillen. Der Veranstalter zum Beispiel: "Die Leute sollen bei so einer Veranstaltung auch mal zuhören und sich nicht gleich übers Buffet hermachen."

Auf der Bühne der Aids-Gala wird gerade ein Film eingespielt, der erzählt, wie Dr. Krisana Kraisintu, die Frau mit der quadratischen Brille, für die thailändische Regierung ein kostenloses Aids-Medikament entwickelte und wie sie sich heute in Afrika engagiert. Die ersten zehn Reihen vor der Bühne hören zu, dahinter geht die Party weiter. "Ja, thailändisch!", sagt ein Mann Ende Zwanzig in einem Menschenpulk, schwarze Haare, schwarze Brille, schwarze Kleidung. "Ich kenne da eine ganz tolle Location in München...", der Rest ist nicht mehr zu verstehen, weil sein Nebenmann darüberstöhnt: "Ich schwitze ja wie ein Schwein." Die Frauen in der Runde lachen. "Wo krieg ich denn jetzt einen Cocktail her?", fragt ein anderer die Bedienung, während auf der Bühne Frau Kraisintu in die Scheinwerfer tritt. Sie bekommt den Preis überreicht, den "Reminders Day Award", der ein bisschen wie ein schmales, eckiges Fragezeichen aussieht. Letztes Jahr ging er an Nelson Mandela, davor an Wolfgang Joop, dieses Jahr bekommt ihn außer Frau Kraisintu auch die Band "Rosenstolz". Frau Kraisintu bedankt sich und hält eine kurze Rede, sie spricht Englisch mit einem starken Akzent. "Ich möchte eine Botschaft vermitteln", sagt sie. Wer kein Glas in der Hand hält, klatscht.

Eine Botschaft vermitteln. Das wollen viele. Charity ist in diesem Jahr in Mode, nicht nur auf schampusgetränkten Galas. Wer es sich nicht leisten kann, zu solchen Veranstaltungen zu gehen, der lässt seine guten Absichten in dieser Saison am Handgelenk baumeln. Seitdem der Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong im vergangen Jahr ein gelbes Gummiband mit dem Schriftzug "Livestrong" präsentiert hat, gehören die Gummibändchen mit gutem Zweck zu den gängigen Modeaccessoires. Armstrong war der Erste, das Geld aus dem Bändchenverkauf geht an seine Krebshilfe-Stifung "Livestrong". Es wurden 20 Millionen Stück verkauft. Kurz nach Armstrong hat der Sportausrüster Nike zwei verschlungene Gummibänder auf den Markt gebracht, eins schwarz, eins weiß, wer es anzieht, setzt damit ein Zeichen gegen Rassismus im Sport. Es gibt ein anderes Bändchen in allen Farben des Regenbogens, mit dem der Träger ein Zeichen gegen die Ausgrenzung von Homosexuellen setzt, eines in Pink gegen Brustkrebs, in Magenta gegen Diabetes - keine Farbe, mit der man seiner Umwelt nicht irgendetwas mitteilen könnte.

"Wenn jemand sich mit Charity schmückt wie mit einem Collier - das ist doch wunderbar", sagt Claus Happel, der seit Jahren die jährliche Unesco-Gala organisiert. Er arbeitet als Büroleiter von Ute Ohoven, der Frau, für die der Begriff "Charity-Lady" überhaupt im Deutschen eingeführt wurde. Das mit dem Schmücken, das ist Ohovens Aufgabe, sie schmückt die eigene Veranstaltung und viele andere mit Glamour; Happel sorgt dafür, dass sie auch funktionieren.

Aber sagen Sie, Herr Happel, verschwindet bei diesen Veranstaltungen nicht irgendwann der gute Zweck vor lauter Glamour, Luxus und Jet-Set? "Ob die Leute sich unbedingt den Kopf darüber zerbrechen, wie schlecht die Welt ist, ist sekundär", sagt er und dann lacht er, weil er daran denken muss, wie ihm einmal jemand vorgeworfen hat, sie würden doch bloß "Welt-Hummer-Hilfe" betreiben. "Sie können Leute, die sich alles leisten können, nicht mit einer Erbsensuppe hervorlocken. Wenn wir am Ende eines solchen Abends 2,5 Millionen Euro Spenden gesammelt haben, dann ist das egal. Wie lange bräuchten wir wohl, um dieselbe Summe mit der Klapperbüchse zusammen zu bekommen?"

Charity ist ein Geschäft. Geld gegen Aufmerksamkeit. 2,5 Millionen Euro für Bilder und Berichte in "Bunte" und "Gala", "Taff" und "Exklusiv".

Im Roten Rathaus geht es derweil auf Mitternacht zu, das Buffet ist ausgeweidet, auf der Bühne steht die Band Alphaville, sie hatte in den 80ern mal einige Hits. Vor der Bühne tanzen ein paar Mädchen, die in den 80ern wohl gerade mal geboren wurden, und trinken Gin Tonic. Dr. Krisana Kraisintu steht alleine in der Ecke, in der rechten Hand hält sie eine kleine Flasche mit einem Strohhalm drin. Und während sie still ihr Wasser trinkt, hält sie in der anderen Hand ein großes, eckiges Fragezeichen.

von Philipp Schwenke für Financial Times Deutschland / (September 2005)